Univ.-Prof. Dr. Josef Weismayer - Wien
josef.weismayer@univie.ac.at
„Spiritualität konkret” -
am Beispiel von Madeleine Delbrêl (1904-1964)
Spiritualität steht im Mittelpunkt des Forum Ostarrichi 2008. Das Wort mag neu sein, das Gemeinte ist es nicht; es ist in einem positiven Sinn alt, aber nicht „veraltet”. Man kann über Spiritualität große Überlegungen anstellen, wie wir es gestern und heute getan haben. In den letzten zwei Jahrzehnten ist dieses Wort, das ja erst um 1960 im Deutschen, vor allem im theologischen Kontext heimisch wurde, zu einem Modewort geworden, damit auch inhaltsleerer.
Christliche Spiritualität ist - ganz einfach gesagt - nichts anderes als ernsthaftes christliches Leben, Leben dessen, was in der Taufe grundgelegt ist. Christliche Spiritualität ist vielgestaltig: In einem gewissen Sinn gibt es so viele Spiritualitäten wie es Menschen gibt, die ihr Christsein in vollem Sinn sich zu leben bemühen. Lebensalter und Lebensform der einzelnen sind weitere Variable der einen christlichen Spiritualität. Die verschiedenen geistlichen Familien, Ordensgemeinschaften, Traditionen können der christlichen Spiritualität noch einmal ein je eigenes Gepräge, einen eigenen Stempel geben. Aber in aller Vielgestaltigkeit ist Spiritualität die eine Grundrichtung und Grundgestalt christlichen Lebens. Alle „Verschiedenheiten” sind Variationen des einen Themas, um es musikalisch auszudrücken.
Ich möchte Ihnen in diesem Referat am Ende dieser Tagung eine Ahnung, eine Intuition von christlicher Spiritualität vermitteln, indem ich Ihnen eine christliche Persönlichkeit vorstelle, die mich schon viele Jahre immer neu fasziniert und anspricht: Madeleine Delbrêl (1904-1964).
Zuvor möchte ich aber ein mögliches Missverständnis ausschließen: Wenn man christliche Persönlichkeiten vorstellt - das gilt auch von Heiligen - dann ist das Ziel nicht ein Nachahmen, etwa ein „Nachmachen” von Verhaltensweisen und geistlichen Übungen. In diesem Sinn ist auch das Wort „Vorbild”, das wir manchmal im Zusammenhang mit der Heiligenverehrung verwenden, leicht missverständlich. Jeder Mensch und jeder Christ ist eine Individualität, einzigartig in seinem Charakter, in seinen Fähigkeiten und Anlagen, in seinen Grenzen und seinem Umfeld, in seiner biographischen und gesellschaftlichen Situation, in der er lebt, in die er hineingestellt ist. Christliche Persönlichkeiten, die ihre christliche Berufung in hervorragender Weise gelebt haben, sind keine Kopiervorlagen, sondern Anstöße, vielleicht Provokationen, jedenfalls Rufzeichen, Hinweise. Sie haben in ihrer einmaligen konkreten Situation den Ruf der Nachfolge gehört und diesen Weg konsequent eingeschlagen. Sie sollen und können mich provozieren, den Ruf des Herrn in meiner konkreten Situation mit vollem Einsatz, mit ganzer Treue zu leben. Sie können mich auf Facetten der christlichen Botschaft und des christlichen Lebens hinweisen, die ich vielleicht übersehen oder verdrängt habe. Letztlich geht es ja bei der christlichen Spiritualität um das Leben des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe in letzter Ernsthaftigkeit und Konsequenz. Wenn ich Ihnen nun Madeleine Delbrêl vorstelle, dann in diesem Sinn: nicht als Kopiervorlage, sondern als eine Frau, die ihre konkrete christliche Berufung im 20. Jahrhundert in einer faszinierenden Weise gelebt hat - und die diese ihre Berufung auch in einer eindrucksvollen Weise artikulieren und formulieren konnte.
1. Wer war Madeleine Delbrêl?
1.1. Ein kurzes Curriculum vitae
Madeleine Delbrêl wurde 1904 in Südfrankreich als Tochter eines Eisenbahnbediensteten geboren. Das poetisch und musikalisch sehr begabte Mädchen verlor aber bald in dem nur mäßig kirchlich sozialisierten Elternhaus ihren Kinderglauben. Sie bezeichnete sich mit 15 Jahren als atheistisch.
Im Alter von 20 Jahren erfuhr sie eine „heftige” Bekehrung, wie sie in einer autobiographischen Skizze formuliert[1]. In ihrem Buch „Ville marxiste - terre de mission” hat sie diese Phase ihrer Entwicklung wie folgt charakterisiert:
„Wenn ich ganz ehrlich sein wollte, so konnte ich Gott nicht mehr so behandeln, als ob er ganz gewiss nicht existierte. Ich wählte dasjenige, was am besten meiner Perspektivveränderung Rechnung zu tragen schien. Ich entschloss mich, zu beten. Seither habe ich durch Lektüre und Reflexion Gott gefunden … Aber indem ich betete, erfuhr ich im Glauben, dass Gott mich fand, dass er lebendige Wirklichkeit ist und dass man ihn lieben kann, wie man eine menschliche Person liebt”[2].
Zehn Jahre nach Madeleines Tod fand man in ihrem Messbuch einige Zeilen, die sie zum dreißigsten Jahrestag ihrer Konversion geschrieben hatte[3]:
Ich will das, was du willst
ohne mich zu fragen,
ob ich es kann,
ohne mich zu fragen,
ob ich darauf Lust habe
ohne mich zu fragen,
ob ich es will.
29. März 1924
29. März 1954
In ihrer Pariser Wohnpfarre traf sie auf Abbé Lorenzo, der für sie ein entscheidender geistlicher Begleiter war. Er führte sie nicht nur in die Pfadfinderbewegung ein, sondern auch zu einem aktiven Engagement im sozial-caritativen Bereich. So fand sie ihren Weg und ihre Berufung im Einsatz für die Menschen, in einem missionarischen Engagement im eigenen Land. Nach der Ausbildung zur Sozialarbeiterin begann sie 1933 in Ivry-sur-Seine, einer kommunistisch dominierten Stadt in der Bannmeile von Paris, gemeinsam mit zwei gleichgesinnten Frauen ihren sozialen Einsatz. Die Begegnung und die Auseinandersetzung mit den Kommunisten von Ivry war für ihren weiteren spirituellen Weg eine Herausforderung und Prägung.
In den Vierziger- und Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts war sie - vor allem auch durch das Engagement des Abbé Lorenzo - mit dem pastoralen Bemühen der französischen Kirche - Stichwort: Arbeiterpriester - engstens verbunden.
Nachdem sie die Vorbereitung und die ersten Etappen des 2. Vatikanischen Konzils mitvollzogen hatte, starb sie plötzlich und unerwartet am 13.10.1964 an einem Schlaganfall.
1.2. Worin gründet ihre Bekanntheit?
Der erste Grund sind zweifellos ihre Texte, die nach und nach bekannt und veröffentlicht wurden. Schon 1966 - im zweiten Jahr nach ihrem Tod - erschien in Frankreich eine erste Sammlung spiritueller Texte. Im Deutschen erschien eine erste Textsammlung 1974 unter dem Titel „Gebet in einem weltlichen Leben”, übersetzt und herausgegeben von Hans Urs von Balthasar.
Durch diese Texte wurde auch das Interesse an ihrem Leben wach: 1985 erschien die erste ausführliche Biographie[4], 1986 wurde sie ins Deutsche übersetzt[5]. Seither sind einige Dissertationen und wissenschaftliche Untersuchungen erschienen. Eine dieser Untersuchungen, die Dissertation von Annette Schleinzer, trägt als Titel ein Wort von Madeleine Delbrêl: „Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe”.
Jacques Loew sieht eine Antwort auf die Frage nach der Quelle und der Wurzel ihrer inspirierenden Spiritualität in ihren „Bekehrungen”. Er spricht wörtlich von drei „retournements”, von drei „Wenden”[6].
- Die erste Bekehrung folgte auf eine vernünftige Suche, wie Madeleine sich ausdrückte. Dies geschah etwa im Alter von 20 Jahren. Es erfolgte ein „éblouissement de Dieu”, ein Aufgehen, Aufblitzen Gottes.
- Die zweite Bekehrung war die „explosion de l’Evangile”, jenes kleinen Buches, das geschrieben wurde, nicht um (nur) gelesen zu werden, sondern um von uns angenommen und aufgenommen zu werden. Diese Begegnung mit dem Wort des Lebens, das in uns Fleisch wird, geschah im Alter von etwa 25 Jahren.
- Die dritte Bekehrung ist gekennzeichnet durch den Titel eines autobiographischen Rückblicks aus dem Jahr 1964: „Athéisme, milieu favorable à notre propre conversion”[7]. Diese „Wende”, diese Bekehrung dauert etwa 30 Jahre lang, von 1933 bis zu ihrem Tod. Es ist dies die Situation von Ivry, der Schock einer Welt. die sich von Gott entfernt hat, in der Gott niemandem zu fehlen scheint. Der Glaube erscheint als „normaler Gewaltzustand”.
„Genau diese drei Bekehrungen sind notwendig, um die Welt anzunehmen, wie sie sich uns im dritten Jahrtausend nach Christus präsentiert.” (Jacques Loew)
2. Madeleine - eine Christin des 2. Vaticanums
Ich erinnere mich noch an die Jahre unmittelbar vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre. Da sprach man noch nicht von „Spiritualität”, aber man beklagte, dass die traditionelle christliche Frömmigkeit sehr stark von monastischen, klösterlichen Zügen geprägt, wenn nicht beherrscht sei. Man erhob die Forderung nach einer „Laienaszese”, nach einer „welthaften” Frömmigkeit, die dem Leben des Christen mitten in der Welt entspreche.[8]
Dieser Erwartung ist das Konzil nachgekommen. Alle sind zur Heiligkeit berufen, Spiritualität ist nicht etwas Elitäres, das nur für die Ordensleute relevant wäre. Und gerade für die Christen „mitten in der Welt” gilt, dass diese Heiligung durch die Erfüllung jener Aufgaben geschieht, die dem einzelnen aufgetragen sind, wenn sie als Wille Gottes in der Orientierung Jesu geschehen.
Madeleine Delbrêl hat diese Anliegen des 2. Vatikanischen Konzils über die Frömmigkeit der Laien, der Christen, die mitten in der Welt leben, schon im voraus gesehen und genial formuliert. Zwei Texte aus der Kirchenkonstitution „Lumen gentium” sollen dies verdeutlichen und dokumentieren:
Im fünften Kapitel dieses Dokumentes heißt es:
„Alle Christgläubigen werden in ihrer Lebenslage, ihren Pflichten und Verhältnissen und durch dies alles von Tag zu Tag mehr geheiligt, wenn sie alles aus der Hand des himmlischen Vaters im Glauben entgegennehmen und mit Gottes Willen zusammenwirken und so die Liebe, mir der Gott die Welt geliebt hat, im zeitlichen Dienst allen kundmachen.” (LG 41)
Und von den Laien, den Nichtklerikern und Nichtordensleuten, heißt es:
„Sache der Laien ist es, kraft der ihnen eigenen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen Dinge das Reich Gottes zu suchen. Sie leben in der Welt, das heißt in all den einzelnen irdischen Aufgaben und Werken und den normalen Verhältnissen des Familien- und Gesellschaftslebens, aus denen ihre Existenz gleichsam zusammengewoben ist. Dort sind sie von Gott gerufen, ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung der Welt gewissermaßen von innen her beizutragen und durch das Zeugnis ihres Lebens, im Glanz von Glaube, Hoffnung und Liebe Christus den anderen kundzumachen.” (LG 31)
Madeleine Delbrêl ist für mich eine Verkörperung dieser Postulate. Sie erlebte bewusst die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, die in der Kirche vieles in Bewegung gebracht hat, nicht unwidersprochen, oft verdächtigt. Ich denke nur an das, was wir später Bibelbewegung und Liturgische Bewegung genannt haben; ich denke an das soziale Engagement, an die Besinnung über die Weltverantwortung des Christen und der Kirche insgesamt. All diese Akzente finden wir wieder in der spirituellen Gestalt von Madeleine Delbrêl. Schließlich konnte sie noch die Zeit der Erwartung und des Aufbruchs vor dem Konzil und in der ersten Phase der Konzilsarbeit erleben.
2.1. Spiritualität für die Leute „von der Straße”
„Nous autres, gens des rues”
Eine Skizze Madeleine Delbrêls aus dem Jahr 1938 trägt die bezeichnende Überschrift „Nous autres, gens de rues”[9], „Wir andern, wir Leute von der Straße”. Sie gehört zu den „Leuten von der Straße”. Die Großstadt ist ihre faktische Lebenssituation seit 1916. In Paris erfährt sie die Anfechtung des Atheismus, zugleich aber auch ihre Bekehrung. Von 1933 an ist Ivry ihre Welt. Die Hektik großstädtischen Lebens ist für Madeleine eine Herausforderung, eine Chance für die Verwirklichung ihrer Berufung.
Madeleine Delbrêl will in diesem Text „Nous autres, gens de rues” aufzeigen, dass der mitten in der Welt lebende Christ gegenüber dem der Welt entnommenen Ordenschristen nicht im Nachteil ist:
„Wir andern, wir Leute von der Straße glauben aus aller Kraft, dass diese Straße, dass diese Welt, auf die uns Gott gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist”[10].
Mit dieser These wendet sich Madeleine gegen ein allzu elitäres Verständnis von Spiritualität. Es geht ihr nicht um eine Polemik gegen die Ordenschristen. Es geht ihr darum, dass Spiritualität nicht nur eine Domäne der Ordensleute darstellt; das war zu dieser Zeit durchaus allgemeine Betrachtungsweise. Zur christlichen Heiligkeit sind alle berufen, wie später das 2. Vatikanische Konzil erklären wird. Die Formen und die äußere Gestalt sind verschieden von den Formen des klösterlichen Lebens, aber die Substanz und die Ernsthaftigkeit ist die gleiche.
„Wir andern, wir Leute von der Straße glauben aus aller Kraft, dass diese Straße, dass diese Welt, auf die uns Gott gesetzt hat, für uns der Ort unserer Heiligkeit ist”[11].
Diese Grundthese präzisiert Madeleine Delbrêl in einzelnen Schritten: Sie spricht vom Schweigen, von der Einsamkeit, vom Gehorsam und von der Liebe. Damit greift sie gerade jene Aspekte des geistlichen Lebens auf, die das spezifische Vollkommenheitsinstrumentarium des Ordenslebens darzustellen scheinen. Über diese Werkzeuge, diese Instrumente verfügen auch die „Leute von der Straße”.
„Das Schweigen fehlt uns nicht, denn wir haben es … Alle Geräusche, die uns umgeben, machen viel weniger Lärm als wir selber. Der eigentliche Lärm ist der Widerhall der Dinge in uns”[12].
„Uns Leuten von der Straße scheint Einsamkeit nicht die Abwesenheit der Welt, sondern die Gegenwart Gottes zu sein. Dass wir überall ihm begegnen, macht unsere Einsamkeit aus”[13].
Ähnlich sieht Madeleine den Gehorsam dort verwirklicht, wo wir die Gegebenheiten dieses Lebens als Möglichkeiten, mit Christus zu sterben, annehmen. Schließlich sind „die Leute von der Straße” überzeugt, dass sie Gott so zu lieben vermögen, „wie er Lust hat, von uns geliebt zu werden”[14].
Einsamkeit und Schweigen
Was in der Skizze „Wir Leute von der Straße” vor allem unter den Stichworten Einsamkeit und Schweigen anklingt, kehrt bei Madeleine Delbrêl auf dem Hintergrund der großstädtischen Lebenserfahrung des Öfteren wieder. Zwei Texte aus der Sammlung „La joie de croire” sollen dies dokumentieren.
In einem meditativen Text, der mit den Worten „Überall wo wir sind” überschrieben ist[15], klingt schon im ersten Satz dieses Thema an:
„Die Einsamkeit, o mein Gott, besteht nicht darin, dass wir allein sind, sondern darin, dass du da bist, denn vor dir sinkt alles in den Tod, oder alles wird du.”
Madeleine Delbrêl stellt damit das Suchen einer „Wüste” im wörtlichen Sinn in Frage:
„Was hilft es uns, ans Ende der Welt zu gehen, um dort eine Wüste zu finden? Wozu uns hinter Mauern begeben, die uns trennten von der Welt? Denn du wirst dort nicht gegenwärtiger sein als im Maschinengetöse, in dieser hundertgesichtigen Masse … Allein sein heißt nicht, die Menschen hinter sich gelassen oder sie verlassen zu haben. Allein sein heißt wissen, dass du groß bist, mein Gott, dass einzig du es bist, und dass kein merklicher Unterschied besteht zwischen der Unabsehbarkeit von Sandkörnern und der Unabsehbarkeit versammelter menschlicher Leben”[16].
Ein anderer Text aus der gleichen Sammlung trägt den bezeichnenden Titel „Unsere Wüste”[17]. Madeleine betont, dass diejenigen, die Gott lieben, immer schon eine Vorliebe für die Wüste gehabt haben, weil sie dem Geliebten zuhören, ganz mit ihm allein sein wollten, ohne dass sich andere Stimmen hineinmischen. Die Autorin ist aber ebenso überzeugt, dass Gott, der uns liebt, der unser Leben so voll gestopft hat mit allem Möglichen, das uns ständig in Berührung bringt mit Familie, mit Freunden, mit allen anderen Menschen, auch uns eine Wüste schenkt, in der wir ihm begegnen können. Die Einsamkeit mit Gott verwirklicht sich im völligen Eintauchen in seine Gegenwart.
„Man muss lernen, allein zu sein, immer wenn uns das Leben eine Pause gönnt. Und das Leben ist voll davon. Wir können sie entdecken oder achtlos verschwenden. Mag uns ein Tag noch so grau und schwer erscheinen, welch ein Aufleuchten für uns, wenn wir an all die hintereinander gereihten Begegnungen denken. Welche Freude, zu wissen, dass wir unsere Augen zu Deinem Angesicht heben können, ganz allein, während die Suppe langsam aufkocht, während wir beim Telefon auf den Anschluss warten, während wir an der Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten, während wir eine Treppe hinaufsteigen, während wir im Garten für den Salat ein wenig Petersilie holen.”[18]
Innerlichkeit - Gebet
Madeleine Delbrêl warnt vor einem zum Selbstzweck gewordenen innerlichen Leben. Dieses ist vielmehr „der notwendige Innenaspekt eines Gesamtlebens …, seiner Ökonomie, seiner Dynamik, seiner Wirksamkeit”[19]. Innerliches Leben darf nicht bloß Innenschau, Autopsie sein, wie sich Madeleine Delbrêl im gleichen Zusammenhang ausdrückt; das Innen kann nicht vom Außen der Verkündigung, des missionarischen Einsatzes getrennt werden.
Das geistliche Leben und der apostolische Einsatz stehen und fallen für Madeleine Delbrêl mit dem Gebet. In den zitierten Überlegungen unserer Autorin über Einsamkeit und Schweigen ist zugleich auch schon das Grundlegende für ihr Gebetsverständnis angedeutet. Madeleine ist überzeugt, dass Einsamkeit nicht im physischen Sich-Zurückziehen aus der Hektik des Alltags besteht, sondern im Entdecken der Gegenwart Gottes mitten in unserem Leben.
Wiederholt verweist Delbrêl darauf, dass es für die Praxis des Betens von großer Bedeutung ist, die kurzen Pausen und Freiräume des Alltags gezielt zu nutzen. In einer Skizze „Über das Aufkommen kleiner Laiengemeinschaften” aus dem Jahr 1946 spricht sie davon, dass der Christ heute „ein Freiluftleben” führt, „allen vier Winden wehrlos ausgesetzt”. Ihm soll das Beten Jesu Vorbild sein: „die tiefen Ruhepausen, da man einsam in Gott eintaucht”, zugleich aber auch ein Beten, „das sich nicht auf solche Pausen eindämmen lässt”[20].
Für unser Beten sollte gelten:
„Wie der elektrische Strom den Leitungen entlang läuft, so folgt dieses Beten den Phasen unserer Tage, füllt ihre Hohlräume. Es lebe da, wo wir sind, es ist in den Werkstätten, wo wir arbeiten, am Tisch, an dem wir schreiben, in unseren Häusern, auf unseren Straßen. Es lauscht mit uns, spricht mit uns, es schenkt, tröstet, umsorgt, beruhigt. Es ist frei aus der Freiheit Gottes”[21].
Eine wertvolle Einsicht in dieser Richtung bieten auch die „Notizen über das Gebet II”, die aus dem Jahr 1964, dem letzten Lebensjahr Delbrêls stammen. Zum Problem „Das Gebet und die Zeit”[22] verweist die Autorin darauf, dass im Ordensleben das Gebet seine Zeiten, seine Stunden hat, dass vor allem bei den Kontemplativen alles auf ein Maximum aktiven Gebetes ausgerichtet ist. Man dürfe aber als mitten in der Welt Lebender sich nicht in den Kopf setzen, „es genau gleich machen zu wollen, das führt nur dazu, überhaupt nichts zu tun, weil das Gleiche für uns praktisch unmöglich ist[23]. Entscheidend ist, dass unser ganzes Dasein dazu bestimmt ist, zu brennen und zu wärmen. „Überall wo die Liebe Eingang fand, verwandelt sie unser Leben in Brennstoff”[24]. Um dieses Feuer zu unterhalten, ist im Ordensleben der Aufwand an Zeit beträchtlich; ganze Wälder müssen gleichsam abgeholzt und wieder aufgeforstet werden. Heute gibt es aber Öl als Brennmaterial:
„Um eine Ölschicht zu erreichen, spielt die Ausdehnung keinerlei Rolle. Man braucht nicht tausende von Quadratkilometern auszubeuten, auch kein System unterirdischer Galerien anzulegen. Man bohrt senkrechte Schächte, deren Öffnung lächerlich eng ist, dringt aber so tief hinunter wie nötig, um die Ölschicht zu erreichen. Heutzutage ist in manchem städtischen Leben das Gebet nur durch Bohrungen möglich, wobei Intensität die Dauer ersetzt. Solch kräftiges und sichtloses Hinabtauchen strebt in der Tiefe zu Gott hin, in konzentrierten Akten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Ihre Beharrlichkeit besteht in einer gebrochenen Linie, aber ihr wiederholter Vorstoß erreicht die Tiefe zu der Stunde, die Gott bestimmt, an der Stelle, wo man Gott schöpft”[25].
Diese Sicht vom Gebet als einer Tiefenbohrung, versucht Madeleine Delbrêl gegen Missverständnisse abzusichern: Bohrungen dürfen nicht improvisiert werden.
„Um in unserem Leben zu bohren, darin Gebetsschächte einzurichten, gilt es, im Voraus die spärlich verfügbaren Räume zu entdecken, die dafür günstigsten Augenblicke auszukundschaften; wahrzunehmen, welche am besten jene Stunden versorgen können, da unser Glaube, unsere Hoffnung, unsere Liebe sich abnutzen, zu versiegen scheinen”[26].
Und schließlich warnt Madeleine noch vor einer vorschnellen Identifizierung von Arbeit und Gebet: „Man sagt, Arbeit ist Gebet, man könnte auch sagen, Leiden ist Gebet. Aber arbeiten und leiden heißt nicht automatisch beten”[27].
„Gehorsam”
In der richtungweisenden Skizze „Wir Leute von der Straße” deutete Madeleine Delbrêl auch an, dass der Gehorsam vom mitten in der Welt lebenden Christen wohl anders, aber deshalb nicht weniger radikal gelebt werden kann als vom Ordenschristen.
In dem Text „Der Ball des Gehorsams”[28] aus dem Jahr 1949 führt Delbrêl dies ein wenig näher aus: Gehorsam ist die Bereitschaft, sich vom Herrn zum Tanz einladen zu lassen.
„Will einer ein guter Tänzer sein, mit dir oder sonst wie, darf er nicht wissen, wohin es führt. Nur folgen muss man, aufgelegt sein und schwerelos, und vor allem sich nicht versteifen.”
Der Christ sollte daher den Herrn bitten:
„Komm, lade uns ein. Wir sind bereit, dir diese Besorgung vorzutanzen, dieses Haushaltungsbuch, diese Mahlzeitbereitung, diese Nachtwache, bei der wir schläfrig sein werden. Wir sind bereit, dir den Walzer der Arbeit zu tanzen, den der Hitze, dann wieder den der Kälte. Wenn gewisse Melodien in Moll stehen, werden wir nicht behaupten, sie seien traurig; wenn andere uns etwas außer Atem bringen, sagen wir nicht, sie stießen uns die Lunge aus dem Leib. Und wenn Leute uns anrempeln, werden wir es lachend hinnehmen, wohl wissend, dass beim Tanz so was immer geschieht”[29].
Zur konkreten Gestalt des christlichen Lebens gehört daher immer etwas Unvorhersehbares; der Wille Gottes, für den wir offen und verfügbar sein sollen, liegt nicht wie ein längst berechneter Plan vor uns. In diesem Sinn formuliert Madeleine Delbrêl am Schluss des zitierten Textes die Bitte:
„Gib, dass wir unser Dasein leben nicht wie ein Schachspiel, bei dem alles berechnet ist; nicht wie ein Match, bei dem alles schwierig ist; nicht wie ein Zahlenproblem, bei dem man sich den Kopf zerbricht; sondern wie ein endloses Fest, bei dem man dir immer wieder begegnet, wie einen Ball, einen Tanz in den Armen deiner Gnade, während Musik der Liebe uns allzeit umfasst. Herr, komm und lade uns ein”[30].
Ähnliche Hinweise gibt Madeleine Delbrêl auch in dem Text „Die Ekstase deiner Verfügungen”[31]:
„Wenn einer, der uns liebt, etwas von uns verlangt, danken wir ihm, dass er uns brauchen kann. Wenn es dir gefiele, Herr, während unseres ganzen Lebens ein einziges Ding von uns zu fordern, wir könnten’s vor Entzücken nicht fassen, und dies eine Mal deinen Willen erfüllt zu haben, wäre das Ereignis unseres Schicksales. Aber weil du täglich, stündlich, minütlich uns eine solche Ehre antust, finden wir das so natürlich, dass wir blasiert sind und genug davon haben”[32].
Diese Verfügbarkeit für den sich in jeder Situation neu kundgebenden Willen Gottes bringt sehr plastisch der Text „Fahrrad-Spiritualität” zum Ausdruck[33]. Zwei Momente des Fahrens mit dem Fahrrad greift die Autorin heraus, um damit das Hören und Aufmerken auf den Willen Gottes deutlich zu machen: Das Fahrrad kann sich nur gerade halten, wenn es fährt. So bleibt auch der Mensch nur im Gleichgewicht, wenn er sich immer wieder auf Gott hin in Bewegung setzt; nur im Tun des je von neuem erkannten Willens Gottes bewegen wir uns auf ihn zu. Das zweite Moment der „Fahrrad-Spiritualität” bezieht sich auf das Fahren in der Nacht, wo wir nur durch die kleine Lampe des Fahrrades und die reflektierenden Lichter des Straßenrandes uns zu orientieren vermögen:
„Du willst uns keine Landkarte zur Orientierung geben. Unser Weg soll durch die Nacht führen. Kommt eine neue Strecke, leuchtet ein Licht auf, wie die Lampe eines Signals. Oft ist das einzige, was sich sicher einstellt, eine regelmäßige Müdigkeit aufgrund derselben Arbeit, die täglich zu leisten ist, desselben Haushalts, der immer wiederkehrt, derselben Fehler, die zu bekämpfen sind, derselben Dummheiten, die wir vermeiden sollten”[34].
„Christus-Kirche”
Als letzten Aspekt des geistlichen Lebens in einer weltlichen Welt aus der Sicht Madeleine Delbrêls möchte ich das In-der-Kirche-Sein herausstellen. So wenig es für unsere Autorin ein bloß innerliches Christ-Sein gibt - unter Ausklammerung der missionarischen Dimension -, so wenig gibt es für sie ein bloß „privates” Frommsein.
Der Weg ihres Lebens führte Madeleine Delbrêl geradewegs in die Konfrontation zwischen Kirche und Marxismus, zwischen Kirche und Kommunistischer Partei[35]. Zugleich war für sie klar, dass Gemeinschaft mit Christus und Zugehörigkeit zum Leib Christi untrennbar sind. Christus ist für sie ohne Kirche nicht zu denken, so dass sie von „Christus - Kirche” als einer Wirklichkeit spricht[36]. Diesem Christus-Kirche gilt ihre Liebe, weil Kirche Leib Christi ist - und wir alle Glieder seines Leibes sind[37]. Diese Liebe ist aber zugleich sehr realistisch: sie „hat nichts Engelhaftes, nichts Kasernenhofhaftes”; mit diesen Worten beginnt Madeleine eine Überlegung über die Liebe zur Kirche[38].
Kirchliches Leben, Leben in und mit der Kirche, wird seine Konkretion auf der Ebene der Pfarre finden müssen. Die Skizze Delbrêls „Kennzeichen der missionierenden Pfarrei” gibt dazu bespielhaft Impulse und Anregungen[39].
Für Madeleine Delbrêl gab es aber - schon von den Anfängen ihrer Tätigkeit in Ivry bis zu ihrem Lebensende - noch eine Form von Kirchenerfahrung, nämlich das Leben in einer kleinen Gemeinschaft Gleichgesinnter. Diese kleinen Equipen Madeleines bestehen bis heute in ihrem Geist weiter, auch wenn sie nicht sehr zahlreich sind[40].
„In Gemeinschaft leben heißt: für die Welt eine Art Sakrament benützen; heißt auch, die Gegenwart Jesu sicherzustellen. Das in vollkommener Liebe gelebte Gemeinschaftsleben ist ein Streichholz, das man schwerlich entbehren kann, wenn es gilt, unter den uns umgebenden Menschen das Feuer anzuzünden. Das ‘Vae soli’ gilt für alle Sorten des Einsiedlertums. Die Wüsten aus Sand sind nicht die einzigen, in denen Enttäuschungen, Blendwerke, Besessenheiten sich ereignen. Das Gemeinschaftsleben war von jeher ihr Gegengift. Das Zeugnis eines einzelnen trägt - ob es ihm lieb oder leid ist - sein persönliches Prägemal. Das Zeugnis einer Gemeinschaft trägt, falls sie treu ist, das Prägemal Christi”[41].
In diesen ihren Gemeinschaften verfolgt Madeleine Delbrêl aber kein „elitäres” Programm, vielmehr ist sie überzeugt:
„Unsere Berufung ist nichts anderes als das Wesentliche jeder christlichen Berufung. Dass sie Berufung ist, liegt daran, dass uns das Wesentliche vollkommen genügt. Dieses überwältigt, durchwaltet uns, wir sind zu gering, sind schlechthin unfähig, etwas anderes als dieses Wesentliche zu wählen. Davon sind wir so lebendig und so unerschütterlich überzeugt, dass daraus eine Berufung wird. Sie zwingt uns, alles übrige abzulehnen, das nicht dieses Wesentliche ist. Nicht einmal teilweise können wir dem unser Dasein weihen”[42].
2.2. Spiritualität im Zugehen auf die Welt
Gerade in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, unmittelbar vor und nach dem 2. Vatikanischen Konzil wurde der Ruf nach einer realistischen Spiritualität des Laien deutlich artikuliert. Christliches Leben im Vollsinn des Wortes soll „mitten im Leben” gelebt werden, nicht in einem Séparé, in einem geistlichen Ghetto. Madeleine lebte bewusst in der Lebenssituation, in die sie hineingestellt war, das war für sie konkret die Welt des Marxismus und Atheismus.
Die Wirklichkeit von Ivry
Von 1933 bis 1946 wirkte Madeleine Delbrêl als Sozialarbeiterin in Ivry, zuerst auf privater Basis, seit September 1939 im öffentlichen Dienst. In einem autobiographischen Rückblick schildert sie „Überraschungen”, die sie erlebte, als sie 1933 nach Ivry kam:
„In Ivry erwarteten mich Überraschungen. Und zwar gerade zuerst soziale Überraschungen.
- - Die Ungleichheit der Lebensbedingungen, das Arbeiterleben jener Zeit - vor 1936 - bestürzten mich. (Ein ganzes Leben lang keinen Tag frei, außer Sonn- und Feiertagen …)
- - Soziale Überraschungen mit einer christlichen Überraschung gepaart… Die Christen, die dort lebten, schienen an die Fakten, die mich bestürzten, völlig gewöhnt zu sein. Die drei Fabriken, welche die geringsten Löhne zahlten, hatten als Arbeitgeber und Besitzer ortsansässige Katholiken. In Ivry und Umgebung bauten die „christlichen” Fabriken die Kirchen.
- - Dann die Überraschung einer kommunistischen Stadt. Ich entdeckte also gleichzeitig eine kommunistische Stadt, ich, die ich vom Kommunismus nichts wusste, außer, dass er in Russland eine Revolution gemacht hatte.”[43]
Nach der Befreiung Frankreichs von der Nazi-Herrschaft wurde die Stadtverwaltung der Stadt Ivry wieder von den Kommunisten übernommen und Madeleine blieb in ihrem angestammten Dienstbereich. Die enge Zusammenarbeit mit den Kommunisten in der Stadtverwaltung hat Madeleine auch die reale Anziehungskraft des Marxismus vor Augen geführt. Die Kommunisten hofften ihrerseits, sie für sich gewinnen zu können, weil sie wussten, dass sie mit ihnen einer Meinung war „über die skandalöse Welt, in der wir gemeinsam leben, und über die Effizienz, die vonnöten wäre, um ihr Ärgernis zu beheben”. Dass Madeleine dieser Versuchung des Marxismus widerstand, bezeichnete Jacques Loew als „ihre zweite Konversion” im Jahre 1944[44]. Schließlich erregte ihre Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei auch Bedenken seitens der anderen Mitglieder ihrer Equipe und seitens Abbé Lorenzos. Daher quittierte sie schließlich aus Rücksicht auf diese Bedenken den öffentlichen Dienst.
Das Schicksal der Mission de France
Auf einer anderen Ebene hat Madeleine Delbrêl die Problematik der Beziehung von christlichem Engagement und kommunistischer Ideologie miterlebt: Sie nahm intensiven Anteil an den Bemühungen um die pastorale Erneuerung der Kirche Frankreichs anfangs der Vierzigerjahre. 1941 beschloss die Versammlung der Kardinäle und Erzbischöfe Frankreichs die Gründung des Seminars der „Mission de France”. Im Oktober 1942 begann der erste Kurs im Missionsseminar von Lisieux, wobei Abbé Lorenzo, der geistliche Begleiter von Madeleine Delbrêl und Pfarrer in Ivry, einer der Seminarleiter des ersten Kurses war. So war sie mit dem Experiment der Arbeiterpriester eng verbunden - bis zu dessen Abbruch durch die römischen Verfügungen vom September 1953. Es war ihr ein immer wieder geäußertes Bedürfnis, für die „Mission” zu beten. Diesem Anliegen entsprang auch der Entschluss zu einer Wallfahrt nach Rom im Mai 1952, wo sie fast den ganzen Tag über in St. Peter betete, um hernach sofort wieder nach Paris zurückzukehren. Für einige Freunde hat sie einen Bericht über diese „Blitzreise nach Rom” verfasst, der uns erhalten geblieben ist[45]. Wie weit kann das Miteinander von Christen und Kommunisten gehen? Um diese Frage ging es auch bei den Arbeiterpriestern.
Begegnung mit dem Kommunismus
Am eingehendsten hat Madeleine Delbrêl ihre Erfahrungen mit der Wirklichkeit des Marxismus in ihrem Buch „Ville marxiste - terre de mission” reflektiert. Die Autorin verweist zu Beginn ihrer Überlegungen auf die Begrenztheit ihrer Erfahrungen hin:
„Um nicht voreingenommen zu erscheinen, muss ich die Grenzen meiner Begegnung mit dem Marxismus angeben. Diese Grenzen sind: Die Stadt, in der ich lebe - die Marxisten, die da leben. Auch meine eigenen Grenzen dürfen natürlich nicht übersehen werden”[46].
In Ivry erlebte Madeleine Delbrêl den Marxismus als „pseudoreligiöse Lehre und als Aktionsprogramm”[47]. Der „Geist des Marxismus” ist für sie durch den Atheismus geprägt:
„Im Namen der Liebe zu den Menschen wird der Hass gegen Gott gefordert”[48].
Madeleine Delbrêl spricht wiederholt von der Faszination, die von dieser Welt des Marxismus, die sie in Ivry erfuhr, ausging:
„Überraschend waren … die Direktkontakte mit den Kommunisten: zunächst waren es die Basis-Kontakte mit den Kommunisten meines Quartiers. Dann, ziemlich bald, tägliche Kontakte der Zusammenarbeit in der Verwaltung in Angelegenheiten der Gemeinde. Jede Art von Gemeindeverwaltung hätte sich mit dergleichen Angelegenheiten abgeben müssen, weil sie für eine Stadt unentbehrlich sind. Sich unter solchen Umständen weigern, mit den verantwortlichen Beamten zu arbeiten, weil sie Kommunisten waren, wäre einer Verweigerung der Bürgerpflicht gleichgekommen. Diese Kontakte im Revier und bei der Arbeit haben mir erlaubt zu wissen, wer die Kommunisten sind, und durch sie, was der Kommunismus ist. Ich habe damals bei ihnen die Großmut, die Selbstlosigkeit, die Opfer ihrer Militanten kennengelernt, ich habe auch - unterschieden vom Proselytismus - ihren warmen herzlichen Empfang erfahren, nachdem einmal das apriorische Misstrauen geschwunden war. Die Achtung und Zuneigung, die ich ihnen zollte, habe ich nie zurückgenommen”[49].
In einem Vortrag, den Madeleine Delbrêl 1961 in Marseille anlässlich eines Regionalkongresses der Vereinigung der Schwesternkongregationen für Spital- und Sozialdienste hielt, stellte sie das marxistische Hoffen und die christliche Hoffnung einander gegenüber[50].
„In der Kommunistischen Partei sind es ungezählte Herzen, die das Hoffen der Armen in sich hegen, es herausrufen, es der Welt kundtun. Auf diese von den Massen gelebte Erwartung will die kommunistische Lehre eine Antwort sein. Sie schildert eine Zukunft, in der die Sehnsüchte der Armen ihre Erfüllung finden werden: eine Zukunft, die ein bestimmtes Glück sein wird, weil sie das zum Verschwinden bringt, woran die Leute leiden. Alles Unglück entfließt für den Kommunismus einzig dem wirtschaftlichen Missstand, der seinen Schaden durch vielfache Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung anrichtet. Die kommunistische Zukunft ist eine von diesem wirtschaftlichen Missstand befreite Zukunft. Sollte die kommende Welt, auch ohne Gott, zu einem Paradies werden, so deshalb, weil sie eine Welt ohne Bedürftige sein wird”[51].
Dieses Hoffen der Kommunistischen Partei ist auch dadurch gekennzeichnet, dass „keiner für sich selber hofft”, dass jeder „an ihrer Verwirklichung” arbeitet, „aber gar nicht damit rechnen kann, an ihr Anteil zu bekommen”. Am tiefsten drückt Madeleine Delbrêl ihren Respekt gegenüber jenen Kommunisten, denen sie in Ivry begegnet ist, aus, wenn sie erklärt:
„In der Kommunistischen Partei ist - davon bin ich fest überzeugt - das mächtigste Motiv, das den Kommunisten zum Handeln veranlasst, sehr oft, um nicht zu sagen immer, die Liebe. Die kommunistische Hoffnung ist die Hoffnung einer Liebe, ist Liebe, die etwas erhofft”[52].
Für Christen und Kommunisten ist die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung dieser Welt, auf das Ende des Unrechts in dieser Welt gemeinsam.
„Sollen wir aber, weil die Kommunisten im Namen von all dem Revolution machen, unsererseits das Leiden und die Sünden der anderen gelassen hinnehmen?”[53]
In dem eben zitierten Vortrag vor Vertreterinnen der Schwesternorden für Spital- und Sozialdienste erzählt Madeleine Delbrêl von einer kontemplativen Ordensfrau, deren Bruder ein authentischer Marxist war, der aber seine Schwester liebte und deren religiöse Einstellung achtete[54]. Die letzte Distanz zwischen diesen beiden Geschwistern - und damit zwischen Christentum und Marxismus - formuliert Madeleine Delbrêl von der Seite der Schwester aus:
„Vor allem wusste sie, dass zwischen Gott und dem Bösen ein unversöhnlicher Hass besteht, den der Christ notwendig teilen muss. Sie wusste aber auch, dass für den Kommunismus das Böse der Mensch ist, der die Zukunft hindert, und dass der Hass nicht nur das Böse zum Gegenstand hat, sondern jeden Menschen, der das Herandrängen und Herstellen der Zukunft hemmt. Der Kommunist ist verpflichtet, Menschen von heute zu hassen aus Liebe zur Menschheit von morgen. Die beiden Gebote des Herrn „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben; du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”: diese beiden Gebote bilden hier einen leibhaftigen Widerspruch, einen doppelten Widerspruch zwischen der Ordensfrau und ihrem Bruder”[55].
Diese Predigt des Hasses schafft die Distanz, die den Christen vom Marxisten trennt: „In dem Maß, als dieser Hass irgendwo legitim praktiziert wird, befindet sich das Reich Gottes im Rückzug”[56]. Oder das gleiche Anliegen positiv formuliert:
„Für den Christen besteht keine Möglichkeit, Gott zu lieben, ohne die Menschheit zu lieben, und keine Möglichkeit, die Menschheit zu lieben, ohne alle Menschen zu lieben, und keine Möglichkeit, alle Menschen zu lieben, ohne jene zu lieben, die er kennt, und zwar mit einer konkreten tätigen Liebe”[57]. „Wir Christen müssen alles tun, um die Kommunisten die Güte Jesu erfahren zu lassen”[58].
Diese Welt als christliche Herausforderung
Die durch Marxismus und Atheismus geprägte Welt stellt für den Christen eine Herausforderung dar. Die Antwort heißt für Madeleine Delbrêl: Zeugnis, Mission, Verkündigung.
Die Umrisse dieser Sendung des Christen werden schon in den frühen Zeugnissen Madeleines aus ihrer Tätigkeit in Ivry sichtbar. In einem Text aus dem Jahr 1943 mit dem Titel „Missionare am Ort” versucht Madeleine Delbrêl, ein herkömmliches Klischeebild des Missionars aufzubrechen[59].
Wir sind Missionare, die nicht mit einem Schiff in ferne Länder fahren, aber
„uns Missionare, die von der gleichen Liebe geplagt sind, treibt der gleiche Geist anderen Wüsten zu. Von seinem Sandhügel aus betrachtet der weißgekleidete Missionar die weite Fläche der ungetauften Länder. Oben, an der großen Treppe zur Untergrundbahn, blicken wir, Missionare im Tailleur oder Regenmantel, von Tritt zu Tritt - es ist Stoßzeit - über eine Fläche aus Menschenköpfen hin, ihre bebende Fläche, die auf die Öffnung des Tores wartet. Mützen, Hüte, Haare jeglicher Farbe, Köpfe zu hunderten: Seelen zu hunderten. Wir ganz oben. Weiter oben und überall: Gott. Gott überall. Aber wie viele wissen das? … Ja, wir haben unsere Wüsten … Die Liebe führt uns hinein. Derselbe Geist, der unsere weißen Brüder in ihre eigenen Wüsten leitet, führt uns, zuweilen mit klopfenden Herzen, auf die brandenden Treppen, in die Untergrundbahn, die schwarzen Straßen”[60].
Das Anliegen dieser „Missionare ohne Schiff” kann in der Bitte zusammengefaßt werden:
„Herr, Herr, gib wenigstens, dass die Kruste, die mich bedeckt, dir kein Hindernis sei! Geh durch! Meine Augen, meine Hände, mein Mund sind dein”[61].
Voraussetzung dieser fruchtbaren Gegenwart des Christen in dieser Wüste scheinbarer Abwesenheit Gottes ist aber, dass der Missionar „dem Evangelium in sich selbst diesen ehrlichen, weiten, herzlichen Empfang bereitet hat”[62].
In der eingehenden Reflexion ihrer Erfahrungen im kommunistischen Ivry, in ihrem 1957 veröffentlichten Buch „Ville marxiste - terre de mission” spricht Madeleine Delbrêl auch vom stillen und doch beredten Zeugnis eines Lebens nach dem Evangelium in einem ungläubigen Milieu. Sie respektiert eine solche Berufung, ein „Leben purer Präsenz”. Doch für sie steht eine andere Berufung im Vordergrund: Schritt für Schritt möchte sie in das eigentliche Arbeiterleben vordringen und dort beredtes Zeugnis für Christus geben[63].
Für Madeleine Delbrêl besteht ein untrennbarer Zusammenhang von Kirche und Mission. Der einzelne Christ hat mit der Taufe seine Freiheit gegen die Freiheit Christi eingetauscht.
„Er ist frei, weil Christus souverän frei ist, aber er hat kein Recht mehr zu wählen: einen Lebensstandard, der ein anderer wäre als der Christi, eine Aktion, die nicht diejenige Christi wäre, ein Denken, das dem Christi nicht entspräche. Das ist der Zustand des lebendigen Glaubens”[64].
Diese Sätze stammen aus einer Studie, die im Jahre 1951 verfasst wurde.
Das Gebundensein an Christus, das Dasein für sein Werk bedeutet zugleich verfügbar sein für das Wirken der Kirche:
„Die Arbeit der Kirche ist das Heil der Welt; Welt kann einzig durch Kirche gerettet werden. Kirche ist Kirche nur, weil sie rettet. Wir sind nicht Christus-Kirche, wenn wir nicht Rettende sind. Wir sind nicht Rettende, wenn wir nicht Kirche sind. Wir sind nicht Kirche, wenn wir nicht die ganze Kirche sind: Jedes Glied gehört zum gesamten Leib. Und wir sind die ganze Kirche nur, wenn wir in ihr an unserem exakten Platz stehen, was nichts anderes heißt als: an unserem Platz in der Welt, wo Kirche sich durch uns hindurch vergegenwärtigt. Mission heißt: an dem Ort, wo wir stehen, das Werk Christi tun”[65].
Für den Christen muss hier ein Lernprozess einsetzen. Wir kannten „den apostolischen Einsatz … praktisch nicht, den normalen Einsatz eines christlichen Lebens angesichts seines ungläubigen Nächsten. Wir lebten ein christliches Leben, aber ein unter Christen gelebtes christliches Leben”. So erklärt Madeleine Delbrêl in einer 1960 für einen Bischof verfassten Skizze, die den Titel trägt „Apostolisches Wirken heute”[66].
In der gegenwärtigen Situation gilt aber für den Christen die unerbittliche Alternative: „Wenn wir in einer atheistischen Welt leben, stellt sie uns vor die Wahl: zu missionieren oder zu demissionieren”.[67] Das bedeutet nun für den Christen, dass er zur Verkündigung des Evangeliums gerufen ist.
„Christliche Verkündigung … wird uns gezeigt als normale Reaktion unseres Organismus auf die Entchristlichung; als Gebrauch einer Lebensfunktion, als Erledigung eines Auftrags, für den wir konstitutiv ausgerüstet sind. Christliche Verkündigung ist kein Zeitvertreib, sie ist die Frucht eines LEBENS, normale Auswirkung eines normalen Lebens. Unser ganzes Sein ist dafür eingefordert, wie es den ganzen Baum braucht, um eine Blüte zu treiben”[68].
Madeleine Delbrêl weist aber sehr eindringlich auch darauf hin, dass die Verkündigung nicht ohne das Zeugnis der Liebe möglich ist.
„Die beiden Gebote ‚Du sollst den Herrn deinen Gott lieben’ und ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst’ klemmen uns zwischen zwei Imperative, die nicht unvereinbar sein können, da sie doch das Grundgesetz unseres Lebens bilden; sie klemmen uns ein in ein unerlässliches Tun, in eine Leistung, von der uns nichts entschuldigen kann”[69].
1. Schriften von Madeleine Delbrêl
1.1. Französisch
M. Delbrêl, Ville marxiste - terre de mission. Provocation du marxisme à une vocation pour Dieu, Paris 1957 (31995)
M. Delbrêl, Nous autres, gens des rues. Textes missionnaires. Introduction de J. Loew, Paris 1966
M. Delbrêl, La joie de croire, Paris 1968
M. Delbrêl, Alcide. Guide simple pour simples chrétiens, Paris 1968
M. Delbrêl, Communautés selon l’Evangile, Paris 1973
M. Delbrêl, Indivisible amour. Pensées détachées inédites, Paris 1991
M. Delbrêl, Missionnaires sans bateau. Les racines de la mission, Paris 2000
M. Delbrêl, Œvres Complètes, Nouvelle Cité (Montrouge)
t.1: Éblouie par Dieu. Correspondance vol. 1 (1910-1941), 2004
t.2: S’unir au Christ en plein monde. Correspondance vol 2 (1942-1952), 2004
t.3: Humour dans l’amour. Méditations et fantaisies, 2005
t.4: Le Moine et le Nagneau. Alcide et ses métamorphoses, 2006
1.2. Deutsche Übersetzungen
M. Delbrêl, Christ in einer marxistischen Stadt. Hrsg. u. eingel. v. V. Conzemius, Frankfurt 1974 (Übersetzung von Ville marxiste)
M. Delbrêl, Gebet in einem weltlichen Leben, Einsiedeln 1974 (51993) (Teilübersetzung von La joie)
M. Delbrêl, Wir Nachbarn der Kommunisten. Diagnosen. Einführung von J. Loew, Einsiedeln 1975 (Übersetzung von Nous autres)
M. Delbrêl, Frei für Gott. Über Laien-Gemeinschaften in der Welt, Einsiedeln 1976 (21991) (Übersetzung von Communautés)
M. Delbrêl, Der kleine Mönch. Ein geistliches Notizbüchlein, Freiburg 1981(101995) (Übersetzung von Alcide)
M. Delbrêl, Leben gegen den Strom. Denkanstöße einer konsequenten Christin, Freiburg 1992 (Übersetzung von Indivisible amour)
M. Delbrêl, Die Liebe ist unteilbar, Einsiedeln 22000 (neue Übersetzung von Indivisible amour)
M. Delbrêl, Auftrag des Christen in einer Welt ohne Gott, Einsiedeln 22000 (neue Übersetzung von Ville marxiste)
1.3. Anthologien - Texte in Auswahl
M. Delbrêl, Gott einen Ort sichern. Texte-Gedichte-Gebete. Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet v. A. Schleinzer, Ostfildern 2002
M. Delbrêl, Gott bezeugen in unserer Zeit. Ausgewählte Texte Textauswahl, Übersetzung und Einführung v. A. Schleinzer, Leutesdorf 2004
O. Georgens (Hrsg.), Auf den Straßen der Welt verbirgt sich Gott. Hundert Worte von Madeleine Delbrêl, München 2004
3. Biographien - Studien
J. Weismayer, Geistliches Leben in einer weltlichen Welt: Madeleine Delbrêl, in: A. Zottl (Hrsg.), Weltfrömmigkeit. Grundlagen. Traditionen. Zeugnisse, Eichstätt - Wien 1985, 289 - 302 (Anm.: 365 - 367)
Ch. de Boismarmin, Madeleine Delbrêl. Ein Leben unter Menschen, die Christus nicht kennen. Mit einem Vorwort v. J. Loew, München 1986
A. Schleinzer, Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe. Das Lebenszeugnis von Madeleine Delbrêl, Ostfildern 1994
Entschluss 49 (1994), Heft 11 (Themenheft: Madeleine Delbrêl)
M. Heimbach-Steins, Unterscheidung der Geister - Strukturmoment christlicher Sozialethik. Dargestellt am Werk Madeleine Delbrêls, Münster 1994 (2. Auflage: Berlin 2006)
G. Fuchs (Hrsg.), „… in ihren Armen das Gewicht der Welt” Mystik und Verantwortung: Madeleine Delbrêl, Frankfurt a.M. 1995
Ch. de Boismarmin, Madeleine Delbrêl. Mystikerin der Straße, München 21996 (= zweite, neu bearbeitete Auflage von: M.D. Ein Leben unter Menschen, die Christus nicht kennen, München 1996)
K. Boehme, Gott aussäen. Zur Theologie der weltoffenen Spiritualität bei Madeleine Delbrêl, Würzburg 1997
O. Georgens, Missionarisch Kirche sein. Das Evangelium leben mit Madeleine Delbrêl, Ramstein 2002.
K. Boehme, Madeleine Delbrêl. Die andere Heilige, Freiburg 2004
G. François - B. Pitaud - A. Spycket, Madeleine Delbrêl, connue et inconnue. Livre de centenaire, Montrouge 2004.