Stellungnahmen & Vorträge

Vortrag von Dr. Andreas Bsteh

Wissenschaftlich-theologische Bemühungen im Zusammenhang mit dem christlich-islamischen Dialog aus christlicher Sicht

(REFERAT BEI DER VOLLVERSAMMLUNG DES KLRÖ AM 16.3.2002)

VORBEMERKUNGEN

  1. Ein umfassendes Verständnis von Dialog geht davon aus, dass es dabei grundsätzlich nicht nur um einen Gedankenaustausch geht, nicht nur um ein Sich-besser-Kennenlernen, nicht nur um einen gemeinsamen modus vivendi. Das alles ist auch Aufgabe des Gespräches zwischen Menschen. Doch der tiefste und eigentliche Sinn des Dialoges ist nicht “etwas” mitzuteilen, sondern sich selbst mitzuteilen. Es geht m. a. W. im Dialog nicht nur um informative Mitteilungen, sondern um eine personale Kommunikation, um Selbstmitteilung.
  2. Auf den christlich-islamischen Dialog angewandt heißt das, dass sein Wesen erst dort erreicht wird, wo es ein Dialog wird von der Mitte christlichen Glaubens zur Mitte islamischen Glaubens, wo es darum geht, sich dem Anderen zu öffnen in dem, was einen zuinnerst und zutiefst bewegt als gläubigen Menschen - als Christ und als Muslim.
  3. Wo ist diese Mitte christlichen Glaubens? Und wie erreicht man es, diese Mitte dem Anderen mitzuteilen? Und wo ist die Mitte islamischen Glaubens, und wie wird diese mitteilbar?
    In der Ganzheit des Lebens - dass sich diese in der Vielfalt zwischenmenschlicher Bezüge nicht monologisch um das eigene Selbst bewegt, sondern in den Austausch tritt mit dem Anderen.

Der wissenschaftlich-theologische Beitrag zu dieser ganzheitlichen Aufgabe liegt im je neuen geistigen Verstehenlernen der eigenen Identität in und aus der jeweiligen Begegnung, und es gilt, dem Anderen, der mich nach dem Grund meiner Hoffnung fragt, diesen Grund in seine Verstehensmöglichkeiten hinein zu vermitteln.
Darin liegt die urtümliche Aufgabe der Theologie als inneres Moment des Glaubens, der im Ganzen menschlicher Existenz sein Verstehen sucht. Indem er dieses Verstehen kritisch und systematisch sucht, nennen wir dieses nach den Gründen und Folgen fragende Suchen des Menschen im Hinblick auf seinen Glauben ‘Theologie’. Insofern der Glaube - wie alles andere in unserem Leben - nicht einfach nur administrierbar ist, sondern verantwortet werden muss: vor Gott, vor mir selbst und vor den Anderen.

Näherhin kann man die Aufgabe der Theologie in der Begegnung mit dem Islam u. a. in den folgenden Elementen sehen:

1.

Die Hauptwurzel der muslimischen Identität, die sich als Religion, als Gesellschaftsordnung und als Kultur versteht, ist die Beziehung zu Gott und ist im Grundbekenntnis islamischen Glaubens, in der šahâda ausgesprochen, der ersten Säule des Islams: die Anerkenntnis, dass es keinen Gott außer Gott gibt und dass Muáammad der Gesandte Gottes ist.
Daraus folgt, dass jeder Dialog christlichen Glaubens mit dem Islam immer wieder von der Glaubensmitte muslimischer Identität auszugehen hat, sich in erster Linie mit ihr auseinanderzusetzen und sie in den Dialog einzubeziehen hat. Von Glaube zu Glaube erstreckt sich daher die Hauptachse christlich-islamischer Begegnung, sie wird von beiden Seiten immer wieder neu in die Mitte des Interesses gerückt werden müssen: In beiden Religionen geht es um die Gestaltung menschlicher Existenz aus ihrer - ursprünglichen und über Sinn oder Scheitern letztentscheidenden - Beziehung zu Gott.
Bei aller Zurückhaltung, die gegenüber pauschalen Kennzeichnungen angebracht erscheint (s. unten unter Pkt. 4), sei hier auf die Charakterisierung der drei abrahamitischen Religionen hingewiesen, die Louis Massignon (1883-1962) vorgenommen hat, indem er sagte, dass, “wenn Israel die Religion der Hoffnung ist und das Christentum jene der Liebe, der Islam die Religion des Glaubens sei.” Nimmt man diese Aussage cum grano salis, kann man in ihr tatsächlich etwas Treffendes finden, wenigstens die klare Aussage, dass man nicht sagen kann, was der Islam ist, ohne von seinem Glauben an Gott zu sprechen!
Dabei haben wir uns in der heutigen Situation - wie in jeder Stunde der Geschichte - zugleich sehr ernst und kritisch mit der Frage zu befassen, inwieweit in unserer christlichen und muslimischen Identität tatsächlich die tragende Wesensmitte Gott ist, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, oder sich Dinge eingeschlichen haben, die vergleichbar sind mit dem, was Jesus in einer bestimmten Stunde dazu bewogen hat, unter Berufung auf die Schrift auszurufen: “Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle.” (Mt 21,13 vgl. Jes 56,7 und Jer 7,11). Wir haben uns im Dialog mit unseren muslimischen Schwestern und Brüdern immer wieder gegenseitig in diese Verantwortung zu rufen und nicht einfach faktische Gegebenheiten, die der zentralen Botschaft unseres Glaubens, unseres Glaubens an den lebendigen Gott möglicherweise widersprechen, als unveränderlich anzusehen, sondern als Corrigenda wieder in Ordnung zu bringen.

2.

Aus dieser gegenseitigen Sorgsamkeit im Umgang mit den Inhalten unseres Glaubens haben wir, Christen und Muslime, in der Begegnung der Vielfalt, in die hinein sich die Hauptwurzel bzw. der Hauptstamm unseres Glaubens wie in seine großen und kleinen Verästelungen entfaltet - bis hinein in sein Blattwerk, nachzugehen. Die kritische Scheidung von legitimen wie illegitimen Elementen wird immer die Aufgabe der Theologie bleiben, nie mit dem je Erreichten zufrieden zu sein, sondern immer Suchende zu bleiben.
Vielleicht gehört ja in diesem Sinne zu den wichtigsten Kriterien für uns die Frage, ob wir wirklich an den einen und einzigen Gott glauben oder uns stillschweigend (und vielleicht auch unbewusst) Götzen gemacht haben, den Gottesglauben also eingetauscht haben gegen ins Unendliche verlängerte Projektionen des eigenen Ichs, m. a. W. gegen Götzenbilder. Wir werden uns also, Muslime und Christen, künftig auf unserem Weg des Glaubens begleiten dürfen - mehr als dies bisher der Fall war - einfach aufgrund der Tatsache, dass wir irreversibel in eine Situation der Begegnung hineingeführt wurden.
Die Selbsterkenntnis in der Fremderkenntnis und die Fremderkenntnis im Lichte der Selbsterkenntnis zu vertiefen wird demnach immer mehr zu einer der großen Aufgaben der theologischen Rechenschaft werden, die uns als bleibendes Moment des Glaubens, der sich in die Situation der Begegnung gestellt weiß, aufgetragen ist.
Christen werden sich um die immer tiefere Erkenntnis des islamischen Glaubens zu bemühen haben und in diesem Bemühen ihren eigenen Glauben neu kritisch zu reflektieren und zu vertiefen lernen müssen - und Muslimen ist etwas Ähnliches in der Begegnung mit christlichem Glauben als Aufgabe gestellt.
Christen haben sich für den Islam als Anfrage an ihren Glauben zu öffnen und Muslime für das Christentum als Anfrage an ihren muslimischen Glauben, und beide in dieser Begegnung eine neue Tiefe und Lauterkeit und eine neue Transparenz in der Frage nach ihrer wahren Identität, die eben nur aus ihrer Beziehung zu Gott, dem Geheimnis unseres Glaubens, zu gewinnen ist, anstreben.

3.

Fragen wir uns jedoch nach der Gesamtaufgabe, um die es im christlich-islamischen Dialog geht, geht es noch um wesentlich mehr, es geht darum, unsere spirituellen Schätze miteinander teilen zu lernen, einer dem Anderen also Anteil zu geben an dem, was uns zutiefst auf der Suche nach Gott und nach einem Leben aus dieser Suche nach Gott bewegt. Es geht m. a. W. gerade auch in dieser Begegnung um das, was in den Vorbemerkungen über die tiefste Bedeutung des Dialoges gesagt wurde - um die “Öffnung des Selbstes für den Anderen”, um eine neue Qualität, die aus der Begegnung kommt - um eine neue WIR-Gestalt unseres Glaubens. Es geht ganz einfach darum, dass ich bei aller Verschiedenheit und unter Wahrung der Andersheit des Anderen, nicht mehr der sein will, der ich bin, ohne ihn.
Das hat nichts mit einer neuen Einheitsreligion zu tun, die in der Begegnung entstehen soll, es hat auch nichts damit zu tun, ein “neues Christentum” oder einen “neuen Islam” zu erfinden, damit beide besser zueinander passen. Vielmehr geht es in der Begegnung um eine ganz neue und radikale Rückbesinnung auf die ursprünglichen Glaubensinhalte: eine Rückbesinnung, die ohne diese Begegnung und die in ihr liegende Herausforderung vielleicht gar nicht möglich wäre. Es geht darum, die wesentlichen Inhalte des eigenen Glaubens in der Begegnung neu buchstabieren zu lernen, um sie dem Anderen in seine Verstehensmöglichkeiten hinein zu vermitteln, sie also für ihn verständlich zu machen oder ihm zumindest Verstehenszugänge, Verstehensansätze zu eröffnen. Es geht um das, was ein muslimischer Freund einmal in die Worte fasste: “We have to knock at the door of our traditions until they open.” Sich öffnen für den Anderen - in der Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Geheimnis des eigenen Glaubens und vor dem unbegreiflichen Geheimnis des Glaubens des Anderen, um hinfort einander zu helfen, immer tiefer in dieses Geheimnis hineinzufinden und daraus zu leben.

4.

Ein letzter Aspekt sei noch angesprochen, der für jede Dialogkultur und darum auch für die christlich-islamische wichtig ist: die Bereitschaft, Abschied zu nehmen von vielleicht vertrauten, aber leider oft allzu vertrauten Klischees und von Pauschalurteilen. Positiv gesagt, eine echte Dialogkultur lebt in einem entscheidenden Sinn von der Fähigkeit zu differenzieren und von der Bereitschaft, im Anderen wie im Eigenen das Gute zu suchen.
Das gröbste und verwerflichste Klischee ist es, sich einfachhin für gut und den Anderen einfachhin in jeder Hinsicht für böse zu halten, sich selbst für das Ideal zu halten und den Anderen zu verteufeln. Durch die Jahrhunderte hat man es getan und dabei nicht zurückgeschreckt, bis ins Heiligste des Anderen selbstgerecht einzudringen und Gott zu danken, dass man nicht (schlecht) ist wie die Anderen, wie die Räuber, Ehebrecher usw. (vgl. Lk 18, 9-14). Sich selbst zu den Gläubigen zählend rechnete man die Anderen in Bausch und Bogen zu den Ungläubigen, rechnete sich selbst zu den Kindern des Reiches und die Anderen zu den Verworfenen, zu den Verdammten. Um des Guten will, das man im eigenen Glauben zu finden meint, macht man den Anderen und seinen Glauben schlecht. Schwarzweißmalereien bis zur direkten Verteufelung des Anderen - er ist der Teufel, er ist der Satan. Kann man wirklich vergessen, dass Jesus z. B. sagt, dass am Ende der Zeiten “viele von Osten und Westen kommen werden und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; die aber, für die das Reich bestimmt war, hinausgeworfen werden” (Mt 8,11)? Und dass schon Johannes den Selbstgefälligen zurief: “Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.” (Mt 3,8f.)?
Es gibt aber auch viele andere, vielleicht subtilere Pauschalurteile bzw. Klischees, die aber auch dazu verführen können, die eigene Religion wie die des Anderen in eine ‚Schublade’ abzulegen. Als Beispiel sei hier abschließend angeführt die allzu griffige und im gleichen Maße problematische Unterscheidung, dass das Christentum die Religion sei, die an die Menschwerdung des Wortes Gottes glaubt, während im Unterschied dazu der Islam die Religion sei, die an die Buchwerdung des Wortes Gottes glaubt; hier gelte die “Inlibration” (ein Begriff, den Harry Wolfson vor etwa 30 Jahren geprägt hat), dort die “Inkarnation” des Gotteswortes.

Trägt man dabei dem Umstand entsprechend Rechnung, dass auch für christlichen Glauben die Schriftwerdung des Wortes Gottes zum ursprünglichen Offenbarungsereignis gehört, die Menschwerdung des Wortes Gottes in Jesus Christus erst mit der Schriftwerdung im Zeugnis des Neuen Testaments ‘abgeschlossen’ ist? Und umgekehrt: Wird man mit dieser so einfachen Unterscheidung der Prophetenrolle des Muáammad wirklich gerecht? Der bindenden Auslegung des koranischen Wortes durch sein Leben / Beispiel und sein Wort, der Verbindlichkeit, die der auf die Handlungen und Worte Muáammads zurückgehenden Überlieferung in den Áadîëen im islamischen Glauben zukommt?

Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich die Kirche dazu bekannt, dass sie in der Beziehung zu den nichtchristlichen Religionen eine der großen Aufgaben unserer Zeit sieht, wie dies vor allem in der Erklärung “Nostra aetate” zum Ausdruck kam. Es scheint mir wichtig, dass man die geistige Herausforderung, die darin liegt, als eine Jahrhundertaufgabe verstehen lernt und sich ihr mit ganzer Kraft aus der Mitte des Glaubens heraus widmet.