Dr. Michael Weninger

"Die EU - der Dialog mit den Religionen und Kirchen"

Vortrag beim Forum Ostarrichi 2003

Ich darf dem Katholischen Laienrat Österreichs zunächst einmal meine hohe Anerkennung zum Ausdruck bringen für das gewählte Thema. Es hätte der Zeitpunkt nicht besser sein können, als Ende August d.J. spezifisch zu diesem Thema so eine europaweite Konferenz abzuhalten. Bedenken Sie die jüngsten Initiativen des Heiligen Stuhls, bedenken Sie auch die Fertigstellung des Verfassungsentwurfs mit dem 18. Juli d.J. und bedenken Sie all die politischen Initiativen, die vor uns stehen. Ich danke sehr für die Einladung hier wieder einmal nach Österreich zu kommen, als einer, der die Zeit des Lebens mehr außerhalb als innerhalb Österreichs verbracht hat.

Nun zum Thema: Europäische Union und die Europäisierung der Europäischen Union, die Europäisierung des europäischen Kontinents und die Verantwortung der Katholiken und v.a. der katholischen Laien in diesem europäischen Integrationsprozess.

Gestatten Sie mir, dass ich einen kurzen Blick zurück werfe, zur Gründung der Europäischen Gemeinschaften. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und tief geschockt von den Erfahrungen der Tragödien des Zweiten Weltkriegs haben sich Männer über die frischen Gräber und über die tiefen Gräben hinweg die Hände gereicht, um ein neues Europa zu schaffen. Es waren dies ohne Ausnahme Christen, es waren dies Katholiken und es waren dies Laien, die aus ihrem Verantwortungsbewusstsein, getragen von einem pastoralen, kritischen, katholischen Bewusstsein, einander die Hände zur Versöhnung gereicht haben.

Was benötigt man denn zum Kriegführen? Zur Produktion von Waffen Kohle und Stahl, zur Produktion von Stahl Kohle. Daher war es sehr naheliegend, dass die erste der drei Europäischen Gemeinschaften die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (die Montanunion) war. Sie gibt es nicht mehr, sie ist nach 50jähriger Gültigkeitsdauer vertragsgemäß zu Ende gekommen.

Man wollte gleichzeitig verhindern, dass jemals wieder in diesem Europa ein Staat einem anderen Staat einen Krieg erklären kann, ohne seine eigene Existenzgrundlage zu gefährden. Daher war die zweite Überlegung, eine wirtschaftspolitische Vernetzung in der Gestalt zu schaffen, dass aus diesem Geflecht kein Einziger sich mehr absentieren kann, ohne sich selber zu gefährden. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft war daher die zweite logische Entwicklung hin zu den Europäischen Gemeinschaften.

Und die Erfahrung der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki und die Vorwegnahme der Atomenergie haben die Gründerväter zur dritten der drei Europäischen Gemeinschaften geführt, nämlich zur Europäischen Atomgemeinschaft (der EURATOM).

Dies waren die ersten drei Gründungskerne der Europäischen Union. Die Zielüberlegungen waren politischer und strategischer Natur: zu verhindern, dass jemals wieder ein Staat in Europa sich in die Lage versetzt sieht, einem anderen Staat den Krieg zu erklären. Die Europäische Gemeinschaften, später die Europäische Gemeinschaft, noch später die Europäische Union, ist also eine wirtschafts- und finanzpolitische Organisation, eine politische Organisation mit strategischen Zielen. Die Europäische Union - so scheint es - entwickelt sich aber hin zu einer sicherheits- und verteidigungspolitischen Organisation.

Die Europäische Union ist all das, aber sie ist noch viel mehr. Sie hat auch eine religiöse Dimension. Es gibt so etwas wie ein spirituelles christliches Erbe Europas, und damit auch der Europäischen Union. Dieses christliche, dieses spirituelle Erbe der Europäischen Union hat drei Namen. Es sind drei Eckpfeiler, auf denen diese Konstruktion Europäische Union ruht. Die drei Eckpfeiler sind: Jerusalem, Athen und Rom. Jerusalem, die Geburtsstätte der drei abrahamitischen Religionen, Athen, die Geburtsstätte der Demokratie, und Rom, die Geburtsstätte des römischen Rechts. Diese drei Grundpfeiler sind die Basis, auf denen die Europäische Union ruht. Es gibt also ein geistiges, ein geistliches, ein spirituelles, ein religiöses Erbe Europas. Ob das die Gegner anerkennen wollen oder nicht, ist nebensächlich, es ist ein Faktum. Ein Faktum, das man nicht negieren kann. Es genügt ein ganz einfaches Gedankenspiel: Würden wir vom Europa des Jahres 2003 alles, was es an religiösem Erbe hat, in der Musik, in der Literatur, in jeder Form der Kulturschöpfung, auch in der Politik, in der Lehre, in der Wissenschaft, abziehen, das entweder christlich fundiert oder überhaupt christlich ist, was würde da übrig bleiben? Ein kümmerlicher Rest. Auch dies soll man den Gegnern, die immer wieder meinen, es gebe kein europäisches Erbe genuin christlicher Natur, entgegenhalten. Es gibt ein religiöses Erbe, auch wenn die Feinde des Christentums und die Feinde der römisch-katholischen Kirche anderer Meinung sind, es ist ein Faktum und dieses Faktum lässt sich sehr leicht darlegen und begründen.

Die Frage ist allerdings nun, wie macht sich dieses religiöse, spirituelle Erbe in der politischen Welt in der Europäischen Union bemerkbar? Die Europäische Union sind eigentlich zwei Begriffe. Sprechen wir von EU, so meinen wir einerseits das Netzwerk der Institutionen, die in der Summe die Europäische Union ausmachen, also die Europäische Kommission, den Europäischen Rat, das Europäische Parlament, den Europäischen Gerichtshof usw. Aber andererseits sind das wir, die Bürger, gleich welcher Sprache, gleich welchem Kulturkreis sie angehören mögen, die die Europäische Union konstituieren. Daher müssen wir, wenn wir von Europäischer Union sprechen, sehr fein auseinanderhalten, was wir meinen, wenn wir diesen Begriff verwenden.

Die spirituelle Dimension der Europäischen Union sieht man im Geflecht der Institutionen nicht sehr deutlich. Es gibt christliche Politiker, es gibt den politischen Beraterstab beim Präsidenten der Europäischen Kommission, dem anzugehören ich als erster Österreicher die Ehre habe. Dieser Beraterstab konzentriert sich lediglich auf vier Themenbereiche: die Außenpolitik, die Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Reform der Institutionen und den Dialog mit den Religionen, Kirchen und Weltanschauungen. Bei der Beschlussfassung der Europäischen Kommission, diesen Beraterstab zu gründen, hat man gerade dadurch unterstreichen wollen, dass dem Dialog mit den Religionen, Kirchen und Weltanschauungen eine besondere Bedeutung beizumessen ist, ihm zumindest dieselbe Bedeutung wie der Außenpolitik, der Wirtschafts- und Finanzpolitik und der Reform der Institutionen zukommt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich denke, es ist auch ein Glücksfall der persönlichen Zusammensetzung der Europäischen Kommission, wo es doch einige Katholiken innerhalb der Kommission gibt. Ich bin zuständig u.a. auch für den Dialog mit den Religionen, Kirchen und Weltanschauungen. Ich bin der Hauptberater des Präsidenten und der einzige, der vom Präsidenten selbst persönlich ausgewählt wurde. Ich bin auch gleichzeitig Mitglied in der außenpolitischen Abteilung und dort mit etwa 20 Staaten beschäftigt. Ich bin vom Zivilberuf her Diplomat, österreichischer Beamter, war zuletzt österreichischer Botschafter in Jugoslawien während der Kriegszeit. Ich war auch der erste österreichische Missionschef in der Ukraine, ich habe die Botschaft in Kiew eröffnet, war fünf Jahre Vizebotschafter in Polen, war zweimal in Moskau auf Posten, ich habe weit über 20 Jahre in Osteuropa zugebracht und kenne daher die Perlen und Schätze des östlichen Christentums. Und wenn der Hl. Vater von zwei Lungen Europas spricht, so hat er sehr, sehr recht. Ohne dieses östliche Christentum, in der vielfältigen Form, wie wir es in Osteuropa kennen, wäre dieses große gemeinsame Ziel, ein gemeinsames vereintes Europa zu schaffen, nicht möglich. Zu meiner akademischen Herkunft: Ich habe Theologie und Philosophie studiert, in Innsbruck, Wien und Los Angeles, in Jerusalem und Paris. Ich bin dann später Diplomat geworden. Eigentlich wollte ich ursprünglich Priester werden und in den Diplomatischen Dienst des Hl. Stuhls eintreten, bin dann aber doch Laie geblieben. Aber der Heilige Geist hat es gut gemeint mit mir, denn gewiss stehe ich dort, wo er mich hin haben wollte: im politischen Engagement für die gute Sache.

Und da bin ich beim Hauptthema, beim Engagement der katholischen Laien im Herausbilden eines europäischen Integrationsprozesses, der christ-katholische Züge kennt. Also, es gibt diesen politischen Beraterstab beim Präsidenten der Europäischen Kommission und es gibt etwa 50 unterschiedliche religionspolitische Interessensvertretungskörperschaften in Brüssel. Unter diesen gibt es lediglich zwei, die sich eines völkerrechtlichen Status erfreuen. Und zwar sind das der Apostolische Nuntius, der als Diplomat seine Existenz einem bilateralen völkerrechtlichen Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und der Europäischen Union verdankt, und der Botschafter des Souveränen Malteser Ritterordens, ebenfalls als Diplomat und daher auf Grundlage eines völkerrechtlichen Vertrages etabliert. All die übrigen sind zwar auch vorhanden, haben aber keine juridische Existenzgrundlage. Und das ist eine große Schwäche.

Es gibt da auch wiederum unterschiedliche Organisationen mit mehr oder weniger großem Interesse an einem europapolitischen Engagement.. Es gibt auch verschiedene Vertretungskörperschaften mit unterschiedlichen Zielsetzungen und letztlich solche mit der erklärten Sorge und mit heilsgeschichtlicher Motivation, die sich um unser gemeinsames Europa verdient machen. Die römisch-katholische Kirche ist neben dem Apostolischen Nuntius und dem Souveränen-Malteser-Ritterorden vorwiegend vertreten durch die Kommission der Nationalen Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE). Die Österreichische Bischofskonferenz wird dabei vertreten durch Exzellenz Dr. Egon Kapellari aus Graz. Die römisch-katholische Kirche verfügt über die größte, modernst organisierte und effizienteste aller Vertretungskörperschaften.

Warum ist die römisch-katholische Kirche so erfolgreich? Weil sie auf zwei Füßen steht. Auf der einen Seite gibt es den Apostolischen Nuntius, der die Anliegen der Weltkirche formuliert, die Wünsche des Hl. Vaters, die Belange des Staatssekretariats, also die weltkirchlichen Aufgaben, und dann gibt es die COMECE, die Kommission der nationalen Bischofskonferenzen, die die Wünsche, Beschwerden, Sehnsüchte und Kritiken der Ortskirchen formulieren: ein perfektes Doppelpassspiel also von weltkirchlichen und ortskirchlichen Anliegen. Und das funktioniert hervorragend. Es gibt eine Reihe von anderen katholischen Organisationen wie OCIPE, der Jesuitenorden verfügt über mehrere Büros in Brüssel, es gibt eine internationale Dominikanerkommunität, es gibt eine internationale Franziskanerkommunität. Die weiblichen Ordensoberen haben auch ein eigenes Büro in Brüssel. Es gibt natürlich auch die Caritas Internationalis, die mit einem Büro vertreten ist: eine ganze Fülle katholischer Interessensvertretungskörperschaften also, die es bereits in Brüssel gibt.

Die protestantischen Kirchen sind vertreten einerseits durch die Konferenz der Europäischen Kirchen (KEK), die den Zusammenschluss von 126 Kirchen und Konfessionen sehr unterschiedlicher Art (die römisch-katholische Kirche gehört nicht dazu) darstellt. Sie versammelt zwar 126 Kirchen und Konfessionen, aber die Stärke macht gelegentlich auch die Schwäche aus. Man kann sich ja vorstellen, dass es bei so einer Fülle unterschiedlicher Mitglieder mitunter sehr schwierig sein kann, gemeinsame Positionen zu formulieren, und noch schwieriger, sie dann politisch umzusetzen. Daneben gibt es auch nationale Büros wie z.B. die Evangelische Kirche Deutschlands. Die Lutherische Kirche Finnlands wird von einem Büro von London und die Lutherische Kirche von Schweden wird von einem Büro von Stockholm aus vertreten.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe von freikirchlichen Organisationen.

Die orthodoxen Kirchen sind ebenfalls mit eigenen Büros vertreten. Es gibt ein hervorragend geführtes Büro des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, es gibt ein eigenes Büro der griechisch-orthodoxen Kirche, der größten und stärksten der orthodoxen Kirchen der Europäischen Union. Der russisch-orthodoxe Patriarch hat auch sein Büro in Brüssel. Der Bürovertreter ist erst vor kurzem der russisch-orthodoxe Bischof für Österreich geworden, eine junge hochwürdige Persönlichkeit namens Hilarion und gleichzeitig auch der Vertreter des russisch-orthodoxen Patriarchats bei der Europäischen Union.

Es gibt bei den jüdischen Gemeinschaften mehrere Büros. Dort, wo politische Belange im Vordergrund stehen, ist es quasi das Europa-Büro des Jüdischen Weltkongresses, dort wo religiöse Fragen im Vordergrund stehen, ist es die Konferenz der europäischen Großrabbiner. Es sind auch die "Europäischen jüdischen Gemeinschaften" mit einem eigenen Büro vertreten und demnächst wird ein viertes jüdisches Büro eröffnet werden und zwar die jüdische Parallelorganisation zur Caritas und Evangelischer Diakonie. Sie heißt "Joint".

Es ist etwas schwieriger mit den Muslimen. Es gibt zwischen 14 und 17 Millionen Muslime in den Staaten der Europäischen Union. Eine Vergleichsziffer: Zum Zeitpunkt der Gründung der Europäischen Gemeinschaft waren es 800.000, also innerhalb von 50 Jahren hat sich die Zahl der Muslime von 800.000 auf annähernd 17 Millionen vergrößert. Eine andere Vergleichsziffer: Wie viele Muslime leben in den Vereinigten Staaten von Amerika? Ziemlich genau 10 Millionen. Von den 10 Millionen Muslime in den USA sind 4 Millionen Konvertiten, sie sind konvertiert von freikirchlichen Organisationen, Agnostikern, Materialisten. Hingegen sind die weit überwiegende Zahl der Muslime der Europäischen Union Immigranten: der erste große Unterschied.

Wir kennen nun in dieser Gruppe von 14 bis 17 Millionen Muslime drei unterschiedliche Gruppierungen. Die eine Gruppe sind jene Muslime, die schon lange in einem der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union leben, die Staatsbürgerschaft eines der Mitgliedsstaaten haben, mitunter in dritter, vierter Generation bereits in Europa ansässig sind, oft völlig integriert, aber auch assimiliert sind. Die zweite Gruppe sind jene Muslime, die entweder Doppelstaatsbürgerschaft haben, dort wo die jeweiligen nationalen Gesetze dies erlauben, wie etwa im Bezug auf die türkischen Staatsbürger in Deutschland, oder dort, wo es keine Doppelstaatsbürgerschaft gibt, meist im Besitz der Staatsbürgerschaft des Herkunftslandes sind, mit der sichtbaren Konsequenz, dass diese Muslime rückgebunden sind an die politischen Systeme und politischen Parteien und Verhältnisse ihres Herkunftslandes. Und die dritte Gruppe ist die problematische Gruppe, es ist nämlich diejenige, die sich nicht nur illegal in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union aufhält, sondern innerhalb der Schengengruppe, wo es ja intern keine Grenzkontrollen mehr gibt, auch wandert. Hier besteht auch die Schwierigkeit, sie zu erfassen, weshalb es lediglich nur exakte Schätzungen, aber keine genauen Zahlenangaben gibt. Denn die letzte Gruppe lebt oft im Untergrund, illegal, ist meist nicht in einem legalen Arbeitsverhältnis eingegliedert, ist daher nicht von einer öffentlichen Sozialversicherung und Gesundheitsvorsorge erfasst. Es gibt auch zahlreiche radikale Untergruppen. Denken Sie nur an den sogenannten Kalifen von Köln (der erst kürzlich nach Verbüßung einer mehrjährigen Haftstrafe wieder freigekommen war).

Diese drei großen Gruppierungen gibt es. Gleichzeitig muss aber eine Vielzahl einzelner muslimischer Kommunitäten beachtet werden, in welche sie sich differenzieren. Sie unterscheiden sich durch die Sprachen, die in diesen Kommunitäten gesprochen werden. Es gibt keine Weltsprache, die in den muslimischen Kommunitäten der Europäischen Union nicht gesprochen würde. Sie unterscheiden sich weiters durch die Tradition, durch die Kulturen, durch den Grad an Fähigkeit und auch durch den Grad an Willen, sich in europäische Strukturen zu integrieren. Und letztlich unterscheiden sie sich auch durch den Grad an politischer Radikalität, an politischem Extremismus und an politischen Zielvorstellungen, die hinreichen bis zum großen Schlagwort der Islamisierung Europas.

Dieser Islamisierung Europas halten wir die Europäisierung des Islams hingegen. Es hat vor wenigen Wochen zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt den ersten Kongress der Europäischen Imame in Graz gegeben. Es waren von ganz Europa die führenden Imame vertreten. Mit Erstaunen muss man feststellen, dass sich viele der gemäßigten Imame der Problematik bewusst sind und eine Verbindung zwischen Muslime- und Europäer-Sein herstellen wollen. Das ist ja das Fernziel: Wer gläubig ist, soll gläubig bleiben können. Aber gleichzeitig muss er sich dem europäischen Rechtssystem und dem europäischen politischen System annähern, es akzeptieren. Das meint auch das Schlagwort von der Europäisierung des Islams.

Weil es so eine Fülle, so eine Vielzahl an muslimischen Kommunitäten gibt, gibt es auch keine gemeinsame muslimische Vertretungskörperschaft in Brüssel. Wir versuchen jetzt, doch einige zu identifizieren aus dieser Fülle von Gemeinschaften, die wir als Ansprechpartner heranbilden können. Es müssen die Sprachgruppen respektiert sein, es müssen ja auch die unterschiedlichen religiösen Differenzen, die es gibt, respektiert sein - es gibt ja nicht nur die Schiiten und Sunniten. Es gibt nicht nur einen Islam in der Europäischen Union, es gibt mehrere Islame, auch mit dieser Wirklichkeit müssen wir uns anfreunden.

Und damit bin ich bei einem sehr schwerwiegenden Thema, nämlich bei der Frage des Dialogs. Es kann keinen Dialog geben zwischen religiösen Analphabeten. Wie können wir denn einen religiösen Dialog führen, wenn wir von den Partnern dieses Dialogs überhaupt keine Kenntnisse besitzen. Was wissen wir denn vom Islam? Wie kann ich denn einen religionspolitischen Dialog führen, wenn ich selber nicht weiß, woran ich glaube? Die Unfähigkeit ein religiöses Gespräch zu führen ist dramatisch angestiegen. Es ist erschütternd zu bemerken, wie schwach das religiöse Wissen heute ist. Und weil es kein religiöses Wissen gibt, fehlt auch das religiöse Vokabular. Wie wollen wir denn einen religionspolitischen Dialog führen, wenn wir erstens selber nicht wissen, woran wir glauben, und zweitens nicht wissen, woran die anderen glauben. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Genau so ist es auch mit der Ökumene. Jetzt hat es diesen Kirchentag in Berlin gegeben. Auf der einen Seite eine tolle Sache. Man ist zusammengekommen in großer Zahl, man ist ins Gespräch gekommen, gleichzeitig ist aber auch eine große Gefahr damit verbunden, denn Ökumene kann sich nicht darin erschöpfen, dass man ein paar Kerzen anzündet, fromme Lieder singt usw. Was Not tut, wäre Fraktur reden. Ich bin dem Hl. Vater und dem Hl. Stuhl unendlich dankbar für die jüngsten Dokumente, v.a. "Dominus Jesus" zum Thema Kirche und das jüngste Dokument über das Altarssakrament, aber auch das Nachsynodale Schreiben "Ecclesia in Europa". Es ist nun einmal ein Unterschied zwischen der römisch-katholischen Kirche und einer freikirchlichen Konfession. Es ist einmal ein Unterschied zwischen einem Altarsakrament und einer Abendmahlfeier, wo man kaum mehr glaubt oder weiß, dass hier Christus tatsächlich präsent ist. Es ist ein Unterschied, ob ich eine weibliche Organisatorin einer religiösen Gruppe verschiedener Verbindlichkeit habe oder einen römisch-katholisch geweihten Priester. Über diese Unterschiede müssen wir auch einmal reden. Wir dürfen nicht diese Unterschiede, die es ja gibt, durch frommen Zauber zudecken. Was Not tut, ist ein offenes Gespräch, auch ein Streitgespräch, aber ein kultiviertes. Wir müssen auch Streitkultur lernen, wir müssen Gesprächskultur lernen, v.a. müssen wir Theologie studieren.

Nach dem 11. September hat die führende deutschsprachige Zeitung, nämlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung, einen Leitartikel veröffentlicht mit der Überschrift: "Müssen Politiker Theologie studieren?". Keine Frage: Politiker müssen heute Theologie studieren. Wir meinen, dass wir in einer religionslosen Zeit leben, einfach weil wir die religiösen Zeichen nicht mehr zu sehen und zu hören im Stande sind. In Wahrheit aber leben wir in einer zutiefst religiösen Zeit. Die Sinnkrise ist aller Orten zu bemerken, die Hoffnungslosigkeit ist überall zu erkennen, die Suche nach Sinn ist aller Orten zu spüren. Nur die Antworten werden nicht gegeben, oder wenn sie gegeben werden, dann werden sie schlecht und unzulänglich gegeben, weil wir es einfach nicht mehr verstehen, Glauben in entsprechender Weise zu vermitteln, weil wir das Glaubenswissen auch ausgezehrt haben, weil uns das religiöse Vokabular fehlt, weil uns das religiöse Wissen fehlt. Wir leben heute in der Gottvergessenheit, in der Theologievergessenheit. Das ist auch das Problem in der Auseinandersetzung mit dem Islam und das ist auch das Problem in der Auseinandersetzung mit den Glaubensschwestern und -brüdern aus anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Ich muss noch ein sehr schwieriges Thema anschneiden, nämlich die juridischen Voraussetzungen für ein theologisches und religionspolitisches Engagement in der Europäischen Union. Das europäische Primärrecht, zumindest so wie es heute vorhanden ist, ist im Bezug auf die Religionsgemeinschaften äußerst dürftig. Es sind nur wenige Dokumente, von denen lediglich zwei von besonderer Bedeutung sind. Das europäische Sekundärrecht allerdings ist mittlerweile so voluminös geworden, dass selbst Fachleute nicht mehr im Stande sind, es zu überblicken. Das sind z.B. Entscheidungen der Europäischen Gerichtshöfe zu religionspolitischen Fragestellungen. Ganz konkret: eine große deutsche Abtei, die gleichzeitig auch eine Brauerei betreibt, und der Abt hat dem Bruder-Kellermeister Aufträge erteilt und der Bruder-Kellermeister ist in die größten Schwierigkeiten gekommen, ob er diesen Aufträgen seines Ordensoberen nachkommen soll oder nicht. Denn als Generaldirektor der Brauerei war er natürlich den deutschen Gesetzen unterworfen, als Ordensmann natürlich als Untergebener den Anweisungen des Ordensoberen. Die Anweisungen des Ordensoberen waren nicht gerade harmonisch abgestimmt mit den deutschen Sozial- und Arbeitsgesetzen. Jetzt hat dieser Abt Gewissensbisse bekommen, sie haben die Frage dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt, und der Europäische Gerichtshof hat eine sehr weise Entscheidung getroffen: Gebt dem Abt, was des Abtes ist, und der deutschen Regierung, was der deutschen Regierung ist. Ein Ordensmitglied ist und bleibt an die Ordensgelübde gebunden und ist dem Ordensoberen verpflichtet. Allerdings darf der Ordensobere von seinem Ordensuntergebenen nicht etwas verlangen, was gegen die Zivilgesetzgebung verstößt. D.h. der Abt muss in seinen Anordnungen auch gegenüber seinem Bruder Kellermeister, der Generaldirektor der Brauerei ist, solche Anweisungen geben, dass er nicht gegen deutsche Gesetze verstößt.

Das Sekundärrecht hat sich im Lauf der Zeit zu einem höchst voluminöses Rechtsbestand entwickelt. Es besteht aus Erkenntnissen des Europäischen Gerichtshofs, aus Beschlüssen der Europäischen Kommission, aus Entscheidungen des Europäischen Parlaments, aus politischen Entscheidungen des Europäischen Rates usw. Dieses Sekundärrecht kann mit gutem Recht als ein bereits ausgebildetes Corpus iuridicum bezeichnet werden.

Der Verfassungsentwurf für das Europa der Zukunft, der am 18. Juli d.J. in Rom übergeben wurde, kennt einige wenige, aber sehr bedeutende Bestimmungen religionspolitischer Natur, die uns unmittelbar betreffen. Die bedeutendste Bestimmung bildet der Artikel I-51. Er besteht aus drei Absätzen, wobei die ersten beiden Absätze die sogenannte Deklaration 11 zum Vertrag von Amsterdam wiederholen. Wann immer Sie von I-51 lesen oder hören, das ist dann jener Artikel in der Europäischen Verfassung, der zentral mit den Religionsgemeinschaften und Kirchen zu tun hat. Er sagt in den beiden ersten Absätzen nichts anderes, als dass die Europäische Union die Kirchen und Religionsgemeinschaften achtet, entsprechend ihrem Rang und ihrem Status, den die einzelnen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union entsprechend ihren verfassungsmäßigen Voraussetzungen diesen einräumen. Die religionspolitischen Angelegenheiten bleiben also im Wesentlichen bei den Mitgliedsstaaten. Der dritte Absatz hat es allerdings in sich. Er bestimmt nämlich, dass die Europäische Union mit den Religionsgemeinschaften und Kirchen sowie Weltanschauungsgemeinschaften einen offenen, transparenten und regulären Dialog führen wird. Damit hat die Europäische Union anerkannt, dass den Kirchen ein Selbstwert zukommt, dass die Kirchen und Religionsgemeinschaften nicht so wie bisher irgendwo subsumiert werden unter Kulturvereinigungen, NGOs, Gewerkschaften oder ähnlich strukturierten Gruppierungen, nein, man hat endlich einmal anerkannt, dass den Religionsgemeinschaften und Kirchen auch eine mystische Dimension innewohnt, dass die Religionsgemeinschaften und Kirchen Gemeinschaften sui generis sind. Gleichzeitig wurden sie aber nicht nur in ihrem Selbstwert anerkannt, sondern auch als bedeutsam für den europäischen Integrationsprozess insgesamt gewürdigt. Mit ihnen will man einen offenen, transparenten und regulären Dialog führen. Meine Aufgabe ist es jetzt, die Europäische Kommission institutionell für diesen Dialog vorzubereiten, für den Fall, dass die Regierungskonferenz, die am 4. Oktober d.J. beginnen wird, diesen Artikel beibehält, woran ich keinen Zweifel hege. Daher liegen meine Vorschläge auch schon fertig in der Schublade, ich werde sie im Herbst dem Präsidenten vorlegen, sodass wir (mit "wir" meine ich die Europäische Union als Institution) für diesen offenen, transparenten und regulären Dialog entsprechend vorbereitet sein werden.

Dass in die Europäische Verfassung die Europäische Grundrechtscharta aufgenommen wurde, ist von besonderer Bedeutung, denn die Europäische Grundrechtscharta war bis jetzt ohne juridische Verpflichtung, sie war ein politisches Orientierungsinstrument, eine Richtschnur, eine Absichtserklärung. Jetzt ist diese Grundrechtscharta der Europäischen Union als Teil II der EU-Verfassung aufgenommen worden und dadurch in Verfassungsrang gehoben worden. Und in ihr gibt es eine Reihe von religionspolitisch bedeutsamen Bestimmungen: u.a. wird in der Präambel von der Würde des Menschen gesprochen. Das ist sensationell, denn wer spricht heute noch von der Würde des Menschen? Wir sprechen heute von Menschenrechten, wir sprechen von Individualrechten, wir sprechen von Grundrechten, wir sprechen von Kollektivrechten, von Minderheitenrechten usw. Die großen juridischen Kodifikationen nach dem Zweiten Weltkrieg (vergleichen Sie nur die großen Menschenrechtskodifikationen der Vereinten Nationen) kannten aber noch die Menschenwürde. In den letzten Jahren ist die Menschenwürde in den Rechtskodifikationen nahezu verschwunden. Wie kann man aber denn über Menschenrechte befinden, wenn es keine Menschenwürde mehr gibt? Denn aus der Würde des Menschen begründen sich die Menschenrechte. Und die Würde des Menschen ist wieder grundgelegt in der Gottesabbildlichkeit des Menschen. Diese Würde des Menschen ist nunmehr auch Gegenstand des EU-Verfassungsvertrag, wo von ihr und ihrer Unantastbarkeit die Rede ist.

Ich möchte noch auf die sogenannte Präambel der Verfassung eingehen. Der Gottesbezug und das christliche Erbe in der Präambel sollte eigentlich in einem europäischen Verfassung Platz finden. Wenn man sieht, wie jetzt der Verfassungsvertrag vorliegt, wie die Präambel formuliert ist, muss ich allerdings feststellen: sie ist formal wie inhaltlich weitgehend misslungen, wahrscheinlich weil unter Zeitdruck entstanden.. Präambeln stellen oft jenen Teil eines Vertragswerkes dar, der all das enthält, was man im Hauptteil nicht unterzubringen in der Lage war. Hier ist es nicht viel anders. Es ist zumindest das spirituelle Erbe, jedoch nicht das christliche Erbe Europas genannt. Schnippisch könnte man formulieren, dass Gott noch einmal einen Segen gehabt hat, in dieser Präambel nicht Erwähnung gefunden zu haben.

Was wir brauchen, ist eine neue europäische politische Theologie. Oder, wenn man es so formulieren möchte, eine neue politische pastorale Theologie, wie sie der Heilige Vater in vielen seiner Schriften und Predigten formuliert und unter dem Stichwort von der Evangelisierung Europas zusammengefasst hat.

Das erste Element einer solchen neuen europäischen politischen Theologie wäre, das begriffliche Gegensatzpaar von Menschenwürde und Menschenrechten aufzugreifen.

Das zweite Element, das in den Blick genommen werden müsste, ist das Verhältnis von Person und Individuum. Wer spricht heute noch von Person? Wir sprechen von Individualrechten, von Individuen. Der Mensch ist mehr als nur ein Individuum. Hier gibt es eine hervorragende Enzyklika "Evangelium vitae" aus dem Jahr 1995. Diese beschäftigt sich mit dem ambivalenten Verhältnis von Person und Individuum.

Das dritte Element wäre eine gelebte Solidarität, eine gelebte Geschwisterlichkeit. Seit gestern bin ich hier in Neuhofen, ich gehe gerne spazieren und bei jedem Zaun, wo ich vorbei gekommen bin, hat ein rasenmähender Mann oder eine rasenmähende Frau zu mir als wildfremdem Menschen "Grüß Gott" gesagt. Ich gehe da vorbei und plötzlich grüßt mich jemand, der nimmt mich wahr, der sieht, dass jemand vorbei kommt. Ich bin gerührt über diese Form der Mitmenschlichkeit, die es offensichtlich in Österreich und diesen Kleinkulturen noch gibt. Solidarität und Geschwisterlichkeit wäre das nächste Element.

Das vierte Element wäre das Gegensatzpaar von Subsidiarität und Kollektivismus. Selbstverständlich brauchen wir Subsidiarität, genauso wie wir Föderalismus brauchen. So viel Zentralismus, so viel Brüsseler Bürokratie wie notwendig ist, um das große Ganze zusammenzuhalten. Aber so viel Föderalismus wie immer nur möglich, damit der Einzelne als Einzelner sich in dieser Europäischen Union in seiner genuinen Identität wiederfinden kann. Auch zu diesem Thema gibt es eine ganz hervorragende Enzyklika "Centesimus annus" aus dem Jahr 1991.

Das nächste Element dieser neuen politischen Theologie wäre der ambivalente Begriff von Freiheit und Ordnung. Freiheit ohne Ordnung ist Anarchie. Ordnung aber ohne Freiheit Diktatur. Es muss also das rechte Maß zwischen Freiheit und Ordnung gefunden werden. Ordnung muss also diesen Freiheitsraum eröffnen und abzirkeln, diesen Raum, innerhalb dessen sich Freiheit erst verwirklichen kann, da ohne diese Ordnung Freiheit ja gar nicht existieren kann.

Das nächste Element wäre eine neue Schöpfungstheologie, die Bewahrung der Schöpfung. Die BSE-Krise und andere Krisen zeigen uns ja in besonderer Weise, dass wir Schöpfung in einer ganz neuen Art und Weise sehen müssen. Wir brauchen so etwas wie eine neue Marktwirtschaft, eine soziale Marktwirtschaft dürfte uns hinlänglich klar sein, wir brauchen aber auch eine öko-soziale Marktwirtschaft. Es war der frühere Vizekanzler Josef Riegler, der diese Vision damals schon thematisiert hat. Leider ist sie mittlerweile in Vergessenheit geraten. Eine ökosoziale Marktwirtschaft ist erforderlich, ein neuer Blick für Gottes Schöpfung, ein neuer Umgang mit der Zeit. Die Verlangsamung unseres Lebens müsste Platz greifen, Zeit haben für sich und für andere, die innere Ruhe finden, die Voraussetzung ist für ein echtes Gebet. Das alles hat mit Schöpfungstheologie zu tun. Verlangsamung unseres Lebensrhythmus und damit aber auch eine neue Sichtweise des Lebens überhaupt: der alte und kranke Mensch ist in seiner Würde, in seiner Person zu sehen. Ich bin dem Hl. Vater unendlich dankbar, dass er trotz seiner Krankheit weiterhin dieses Amt ausübt und oft an stundenlangen Zeremonien unter Schmerzen teilnimmt. Er gibt damit den alten und kranken Menschen Hoffnung: "Du bist Bruder und Schwester und auch wenn du krank und alt bist, hat du deine Würde." Eine neue Sichtweise der Schöpfung ist notwendig.

Zuletzt: Rechenschaft vom Glauben geben. Sind wir in der Lage, Zeugen der Hoffnung zu sein? Sind wir in der Lage, von unserem Glauben, den wir zweifellos haben, Rechenschaft abzulegen und zwar so, dass wir unter Umständen einen anderen mitreißen und mit unserer Fröhlichkeit anstecken können? Und Nietzsche hat schon recht gehabt, wenn er gesagt hat: "Fröhlicher sollten mir die Christen aussehen."

Die neue politische Theologie hat auch damit zu tun, Sehnsucht wach zu halten und diese Sehnsucht auch zu stillen versuchen, ein Stück Fenster des Himmels soweit zu öffnen, dass wir hier und jetzt in dieser Zeit- und Raumkonstellation den Ausblick wahren können auf einen Himmel, der sich jenseits von Zeit und Raum befindet aber unser erlösungsbedürftiges Leben berührt. Sehnsucht wach halten und versuchen, die Sehnsucht zu stillen.

Das letzte Thema: Erlöstsein leben. Wir sollten in unserem Alltag Erlöstsein leben. Sind wir uns denn überhaupt bewusst, dass wir schon die Erlösten sind? Zwar noch nicht im Vollbesitz der Freuden, aber bereits die Erlösten. Leben wir dieses Erlöstsein? Wenn wir dieses Erlöstsein lebten, dann schauten wir wirklich freudiger aus, dann wäre auch die Welt ein Stück fröhlicher und menschenwürdiger, und dann würde auch die Welt neu gestaltet werden durch uns.

Dass wir zu dieser Aufgabe berufen sind, das ist keine Frage. Dass uns diese Aufgabe gelingen wird, davon bin ich überzeugt, denn der Heilige Geist ist mit uns. Allerdings müssen wir selbst auch etwas dazutun. Hier und jetzt habe ich versucht, ein wenig das Meinige zu leisten.

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