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Kirchliches “Kerngeschäft” und christlicher Auftrag angesichts von Amazonien und Corona - in der Spannung von Liturgie und Diakonie

Vortrag von Univ. Prof. Dr. Johann Pock, Universität Wien, bei der Jubiläumsveranstaltung "50 Jahre Katholischer Laienrat Österreich" am 10. Oktober 2020 im dialog.hotel.wien Am Spiegeln

Kirchliches "Kerngeschäft" und christlicher Auftrag angesichts von Amazonien und Corona - in der Spannung von Liturgie und Diakonie

Univ. Prof. Dr. Johann Pock, 10.10.2020

 

Sehr geehrte Frauen und Männer im Katholischen Laienrat Österreichs!

Ich wollte eigentlich ganz anders einsteigen – aber die gestrige Papstbotschaft bzw. den Gebetsaufruf über ein Youtube-Video für das weltweite „Gebetsapostolat des Papstes“ kann ich angesichts Ihrer 50-Jahr-Veranstaltung nicht übergehen. Ich möchte sie an den Anfang stellen:

https://m.youtube.com/watch?v=8aaC-smfnW8 (9.10.2020)

Es geht um das Gebetsanliegen des Papstes für Oktober: „Lasst uns beten, dass die Laien, und in besonderer Weise die Frauen, kraft der Taufe mehr an den verantwortlichen Stellen der Kirche mitwirken.“

Die Kommentare im Internet waren absehbar: Da ist die Rede von Realsatire der Katholischen Kirche. Und das ist noch der netteste Kommentar. Und der Papst betont die besondere Berufung der Laien. Laien und Laiinnen (Sic!) bezeichnet er als „Protagonisten“ der Kirche. In der Kirche sollten die „Räume für eine weibliche Präsenz erweitert“ werden. Frauen sollten mehr „an den verantwortlichen Stellen in der Kirche“ mitwirken.

Man wartet gleichsam darauf, dass er sagt: Und deshalb öffnen wir jetzt das Weiheamt.

Aber weit gefehlt! Er warnt am Schluss: Man dürfe nicht „in einen Klerikalismus fallen, der das Charisma der Laien aufhebt“. Viele verantwortliche Stellen in der Kirche sind nur für jene offen, die geweiht sind – und die Zulassung zum Weiheamt wird mit dem Verweis darauf verwehrt, dass damit das Laien-Charisma zerstört würde.

Damit sind wir beim Thema, dem ich heute nachgehen möchte: Ein ganzes Jahr lang gab es ein Wechselbad der Gefühle – gesellschaftlich wie auch kirchlich. Ich möchte einigen zentralen Themen dabei nachspüren.

Zunächst zu den Rahmenbedingungen meiner Überlegungen:

Wenn der Katholische Laienrat Österreichs heuer sein 50-Jahr-Jubiläum feiert, so sind die Rahmenbedingungen im Vergleich zur unmittelbaren nachkonziliaren Zeit völlig andere. Und doch bleibt eines gleich: Die katholische Kirche hat den Auftrag, sich in der jeweiligen Zeit einzubringen – gestaltend, um den Aufbau des Reiches Gottes bemüht, und für das Heil der Menschen gesendet.

Das Jahr 2020 stellt dabei eine spezifische Herausforderung dar: gesellschaftlich und wirtschaftlich bildet die Corona-Pandemie auf Weltebene den größten Einschnitt seit dem II. Weltkrieg – mit Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, so auch auf die Religionen bzw. die religiösen Praktiken. Kirchlich gibt es gleichzeitig zwei zentrale Dokumente von Papst Franziskus zu bedenken: Querida Amazonia im Nachgang zur Amazoniensynode – und jüngst nun Fratelli Tutti, die neue Sozialenzyklika des Papstes.

Was ich Ihnen heute anbieten kann, sind einige Thesen zur Frage, welche Konsequenzen ich für das „Handeln der Kirche in der Welt von heute“ angesichts dieser Rahmenbedingungen sehe. Ich verweise auch ausdrücklich darauf, dass ich hier die gesellschaftlich-politischen Handlungsoptionen, die ich als äußert wichtig ansehe, auslasse, da sich Regina Polak im zweiten Vortrag des Nachmittags stärker darauf konzentrieren wird.

Meine 4 Thesen behandeln

-          den Aspekt der Schere zwischen kirchlichen Amtsträgern und dem Volk Gottes

-          dann den Umbruch in der Gemeindepastoral mit einer Individualisierung kirchlicher Praxis

-          die sich zeigenden theologischen Bruchlinien im liturgischen Bereich

-          und die Auswirkungen auf Seelsorge und Diakonie

Und ich schließe mit einem Resümee, in dem ich mich auf Hartmut Rosas Wort von der „Lebensrelevanz“ beziehe.

 

These 1: Die Schere zwischen kirchlichen Amtsträgern und dem sogenannten „Kirchenvolk“ ist in den letzten Monaten weiter aufgegangen. Darin liegen Gefahren und Chancen.

Mehrere Ereignisse haben die Amtsfrage innerhalb der Katholischen Kirche seit vergangenem Jahr beinahe radikalisiert:

-          Zunächst die Amazoniensynode mit den vielen Hoffnungen auf Änderungen der Weihezulassungsbedingungen. Auf der Synode gab es die klare Forderung, dass es regionale Lösungen braucht, um die Sakramentalität der Kirche und die Sakramentenspendung, vor allem die regelmäßige Eucharistiefeier für alle christlichen Gemeinden zu ermöglichen.

-          Dann das nachsynodale Schreiben Querida Amazonia von Papst Franziskus. Dieses enthält tolle Visionen des Papstes, bleibt aber in der Frage der Ämter und der Weihezulassung gänzlich unkonkret. Felix Gmür, Bischof in der Schweiz, sagt dazu: „Der Papst denkt dabei anders als wir es uns gewohnt sind. Er denkt nicht von Ämtern her. Sein Ausgangspunkt ist vielmehr das Volk Gottes. Von daher entwickelt er die Vision einer inkulturierten Kirche, die «das Soziale besser mit dem Geistlichen verbinden» kann (Nr. 76). Dazu bedarf es auch inkulturierter Ämter und Dienste. Zu diesen gehören aufgrund des Mangels an Priestern, wie bei uns, «Laien-Gemeindeleiter» (Nr. 94)

-          Im deutschen Synodalen Weg ist aktuell die Frage der Ämter und vor allem die Frage von mehr Rechten von Frauen in der Kirche das heißeste Eisen, das die deutsche Kirche und sogar die deutsche Bischofskonferenz vor eine Zerreißprobe stellt. Selten zuvor haben sich Bischöfe so klar positioniert – mit unmittelbaren Reaktionen von römischen Stellen und auch von kirchlichen Würdenträgern, die meinen, die Kirche retten zu müssen, wie die Kardinäle Müller oder Burke.

-          Im Juli schließlich die Instruktion aus Rom, die nochmals die alleinige Leitungsvollmacht des Priesters als Hirten seiner Pfarre hervorgehoben hat. Von Laien-Gemeindeleitern ist hier nicht die Rede, ganz im Gegenteil.

Gegenläufig dazu hat gerade die Coronakrise mit dem Lockdown im Frühjahr gezeigt, wie wichtig das gemeinsame Priestertum ist. Loblieder auf die Hauskirche werden seither gesungen und das Heil im gelebten christlichen Glauben und in den Kleingruppen gesehen. Offizielle und jahrzehntelang gewohnte Formen der Seelsorge waren plötzlich auf Standby gestellt. Hierarchisierung und gleichzeitig Individualisierung der Glaubensvollzüge gehen seither Hand in Hand.

 

Worin liegen hier die Gefahren?

Eine erste Gefahr sehe ich darin, dass einer Individualisierung der Glaubenspraxis Vorschub geleistet wird. Jede und jeder schmiedet sich die eigene Form des christlichen Glaubens zusammen mit Versatzstücken aus unterschiedlichsten Konfessionen und Religionen. Wie in Online-Formen der Kommunikation wie Facebook oder Twitter wird hier auch im religiösen Bereich nochmals stärker die Bildung von „religiösen Blasen“ gefördert, in denen kritische Stimmen oder der eigenen Meinung entgegenstehende Stimmen ausgeblendet, de-friended oder gesperrt werden.

Eine zweite Gefahr steckt in der Klerikalisierung. Ich habe das im Blick auf die Instruktion vom Juli schon näher ausgeführt: Der Innsbrucker Kirchenrechtler Wilhelm Rees formulierte schon 2008: „Als wesentlich erscheint es, Laien nicht nur als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Seelsorge zu integrieren, sondern vor allem das Zueinander von Priestern und Laien mit Blick auf Leitung zu klären.“ Eine solche Klärung scheint nun erfolgt zu sein – jedoch ohne eine Wertschätzung von jahrzehntelanger theologischer, kirchenrechtlicher und pastoraler Überlegungen der letzten Jahrzehnte. Hier wird deutlich, wie sehr das Schreiben hinter der Ekklesiologie des II. Vatikanums (Lumen Gentium, Gaudium et Spes) zurück bleibt: Dass es die Kirche ohne die Welt nicht geben kann; dass das Dienstpriestertum vom Volk Gottes und von der gemeinsamen Taufe her zu denken ist etc. Man möchte „den Klerikalismus überwinden“ – und festigt zugleich ein zutiefst hierarchisches Konzept. Den Laien wird wiederum (wie schon 1997 und unter mehrfachem explizitem Verweis darauf) eingeschärft, was sie alles nicht sind und nicht tun dürfen. Sie sind zur „Mitarbeit am Dienst des Priesters“ da; sie dürfen nicht leiten, nicht in der Eucharistie predigen … Ganze zwei von 124 Abschnitten widmen sich ihnen explizit – und dort in Form von Abgrenzungen.

Wer gehofft hatte, dass sich unter Papst Franziskus tatsächlich die mehrfach genannte Stärkung der Ortskirchen durchsetzt, Synodalität und regionale Lösungen – wird hier wieder einmal enttäuscht. Wie so viele Dokumente der letzten Zeit (z.B. Veritatis gaudium) haben die päpstlichen Aussagen zur missionarischen Kirche keinen Einfluss auf die nachfolgenden Normen. Wie zwei erratische Blöcke stehen sie nebeneinander. Jene, die die Normen formulierten, nehmen keine Rücksicht auf die grundlegenden Einführungen der Texte.

Und die gestrige Aussage des Papstes unterstützt diese Tendenz: Denn wenn vom Papst davor gewarnt wird, dass das Charisma der Laien nicht durch Klerikalisierung ausgehöhlt werden dürfte – so klingt das doch ziemlich zynisch.

 

Es haben sich aber auch viele Chancen gezeigt:

Eine Chance der letzten Monate liegt darin, dass sich gerade für einige sehr gemeindegebundene Christen der Horizont geweitet hat: Sie haben auch andere Predigten gehört, andere Zelebranten kennengelernt.

Eine Chance für die Kirche liegt darin, dass sie radikal vor die Frage gestellt ist: Wie sieht es denn nun mit der Ämterstruktur aus? Diakoninnen und Frauenpriestertum werden vermehrt auch von Bischöfen gefordert. Derzeit hält hier das römische Bollwerk in der Glaubenskongregation jedoch noch. Und auch die jüngsten Aussagen des Papstes stellen keinen wesentlichen Schritt in Richtung baldiger größerer Änderungen dar.

Zugleich merken aber auch unsere Diözesen, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher: Wenn man Änderungen in den Diensten und Ämtern nicht aktiv angeht, wird es bald auch keine Frauen und Männer mehr geben, die außerhalb des geweihten Amtes bereit sein werden, in mehr oder weniger verantwortlichen Positionen der Kirche mitzuarbeiten.

In Querida Amazonia hat der Papst eigentlich den Weg gezeigt. Er spricht von einer „Inkulturation der Ämter und Dienste“ (QA 85): „Die Inkulturation muss sich auch auf konkret erfahrbare Weise in den kirchlichen Organisationsformen und in den kirchlichen Ämtern entwickeln und widerspiegeln. Wenn Spiritualität inkulturiert wird, wenn Heiligkeit inkulturiert wird, wenn das Evangelium selbst inkulturiert wird, können wir nicht umhin, auch hinsichtlich der Art und Weise, wie kirchliche Dienste strukturiert und gelebt werden, an Inkulturation zu denken.“ Das finde ich einen spannenden Ansatz – eine Inkulturation der Ämter ist nämlich genau das, was von Anfang der Kirche an geschehen ist: Der „Episkopos“ ist dem griechischen Vereinswesen entnommen; die „Presbyteroi“ den jüdischen Synagogenstrukturen.

Und der Papst meint: „Es ist notwendig, dass der kirchliche Dienst so gestaltet wird, dass er einer größeren Häufigkeit der Eucharistiefeier dient, auch bei den Gemeinschaften, die ganz entlegen und verborgen sind.“ (QA 86)  Und weiter: „Aber gleichzeitig werden Amtsträger gebraucht, die das Empfinden und die Kulturen des Amazonasgebietes von innen her verstehen können.“ Natürlich ist das für Amazonien gemeint – aber dennoch gilt es überall: Amtsträger müssen „das Empfinden und die Kulturen“ der Menschen, in denen sie tätig sind, von innen her verstehen.

Er geht hier jedoch nicht den Schritt, der in der Synode selbst und im Abschlussdokument angedacht war – nämlich zur Weihe von personae probatae. Vielmehr betont er auch hier die Bedeutung der Berufung der Laien – und vor allem auch der Frauen.

„In einer synodalen Kirche sollten die Frauen, die in der Tat eine zentrale Rolle in den Amazonasgemeinden spielen, Zugang zu Aufgaben und auch kirchlichen Diensten haben, die nicht die heiligen Weihen erfordern und es ihnen ermöglichen, ihren eigenen Platz besser zum Ausdruck zu bringen. Es sei daran erinnert, dass ein solcher Dienst Dauerhaftigkeit, öffentliche Anerkennung und eine Beauftragung durch den Bischof voraussetzt. Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften haben, ohne dabei jedoch ihren eigenen weiblichen Stil aufzugeben.“

Wie so häufig klingt auch hier das, was als Wertschätzung gedacht ist, wie eine verkappte Festschreibung von überkommenen Rollenbildern.

„Dauerhaftigkeit“, „bischöfliche Beauftragung“, „effektiven Einfluss“ auch bei der Leitung von Gemeinschaften – aber „den eigenen weiblichen Stil“ nicht aufgeben.

(Ich würde gerne mal konkret wissen, was hier wirklich gemeint ist: Was meint der Papst mit „weiblicher Stil“?)

Klar ist, dass eine Gemeinschaft wie unsere Kirche Dienste und Ämter braucht. Und es ist auch deutlich, dass es in der Ämterstruktur im Gebälk knirscht. Corona hat hier keine Lösung geboten – aber die Problematik nochmals verdeutlicht: Sichtbar waren da medial monatelang nicht die vielen kompetenten Frauen, die das Pfarr- und Gemeindeleben wesentlich tragen, sondern hauptsächlich geweihte Männer in gestreamten Privatgottesdiensten.

Dass gleichzeitig Gottesdienste gefeiert wurden – in kleinsten Gruppen, in Hauskirchen, in privaten Initiativen, auf Zoom oder anderen Plattformen – ist jedoch auch klar.

Somit haben wir in den letzten Monaten viel über unsere Kirche gelernt: Der Graben zwischen „klerikalistisch“ und „eigenständig“ Christsein wurde z.B. tiefer.

Die Eucharistie ist plötzlich doch nicht so zentral – zumindest nicht der physische Empfang der Kommunion –, wie der ständige Verweis auf die Möglichkeit der „geistlichen Kommunion“ zeigt. Bei aller Notwendigkeit, die staatlichen Vorgaben mitzutragen, war die Stimme der Kirchen lange Zeit verstummt. Erst mit dem Pfingsthirtenbrief hat die österreichische Bischofskonferenz versucht, zu vielen Themen der letzten Zeit Stellung zu nehmen. Hans Joachim Sander hat es so ausgesprochen: „Die Pastoralmacht liegt beim Staat.“

Gleichzeitig erfolgten aber massive Exklusionsprozesse: Wer keinen guten Internet-Zugang hatte oder hat, ist abgehängt. Wer alleine lebt, war kommunikativ am Nebengleis.

 

Meine zweite These lautet daher: Der Umbruch der Gemeindeseelsorge ist durch die Coronapandemie verstärkt und radikalisiert worden. Und Kirchen erlebten einen Individualisierungsschub.

Robert Ochs, Leiter der Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung der Diözese Augsburg, hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Die „normale Gemeinde“ hat den Vorgeschmack ihres Endes erlebt. Gemeinde hat nicht stattgefunden!

Zugleich haben sich neue, kreative Möglichkeiten in den Kirchen aufgetan. Neue Formen von Gottesdiensten wurden entwickelt. Und was lange Zeit undenkbar war, ist plötzlich möglich: Taufen an allen möglichen Orten, das Eingehen auf unterschiedlichste Wünsche der Menschen.

Das bedeutet aber: Die Nutzungsmuster liegen beim Individuum. D. h. die Mitglieder machen noch mehr, was sie wollen.

Sehr deutlich wurde dies am Thema der Sonntagspflicht: Sie gehört ja zu den „5 Geboten der Kirche“, die nicht einmal von vielen Priestern und Theologieprofessoren gekannt werden.

Während der Hauptphase der Pandemie haben einige Bischöfe offiziell die Sonntagspflicht aufgehoben. Und dann im Sommer gesagt: Jetzt gilt die Sonntagspflicht wieder. Bezeichnend dabei ist, dass dies wohl überhaupt keine Auswirkung auf den Kirchenbesuch hatte.

D. h. es gibt immer noch Bischöfe, die meinen, den KatholikInnen vorschreiben zu können, wie sie ihr Christsein zu leben haben und was dazugehört. Nur ist das mittlerweile praktisch allen ChristInnen egal – was der durchschnittliche Gottesdienstbesuch an Sonntagen in Österreich von ca. 10% an den Zählsonntagen eindrücklich beweist. Den Bischöfen und Priestern ist der Zugriff auf die Gläubigen über das Mittel von Geboten und Verboten entzogen.

Hingegen haben sich hier verstärkt die Selbst-Organisationskräfte gezeigt: Menschen vor Ort haben sich nicht nur mit Klopapier, Nudeln und Backmischungen eingedeckt, sondern auch selbst geschaut, wie sie auf ihre Weise z.B. die Fastenzeit und Ostern feiern.

Lukas Wiegelmann sagt es in der neuesten Herder-Korrespondenz so: „Regelmäßige Gottesdienste, die Abläufe des Kirchenjahres, die Fülle der Gemeindeaktivitäten – all das wurde von Corona unterbrochen. Vieles davon ist bis heute nur eingeschränkt möglich. Doch wenn christlicher Alltag etwas benötigt, dann ist es Normalität. Je länger die Unterbrechung anhält, desto größer wird das Risiko, dass die Menschen sich ihr Christsein einfach abgewöhnen.“

Die Territorialseelsorge war in Coronazeiten in vielen ihrer Vollzüge nicht möglich. Daneben wurden digitale Formate erfunden – die alle territorialen, regionalen, ja internationalen Grenzen überschritten haben. Wir erleben hier einen Wechsel von einer Angebotskirche zu einer Nachfragekirche, in der auch neue Nachfragemodelle möglich sind.

Für unser Verständnis von Kirche bedeutet dies jedoch: Wir können nicht so tun, als ob nichts geschehen wäre, und einfach weitermachen. Corona bietet hier keine Antworten – aber hat viele Fragen gestellt und manches deutlich gemacht: Die Distanz zwischen Hierarchie und Basis; die Notwendigkeit, auf Ausschlussprozesse zu schauen; die Gefahr, elitär zu werden etc.

Ein Hauptbeispiel dafür ist die Liturgie.

 

Meine 3. These: Gerade an den liturgischen Feiern zeigten sich in der Coronakrise theologische Bruchlinien.

Julia Knop von der Uni Erfurt formulierte es treffend: „Nicht wenige Katholik*innen sind ernsthaft verstört angesichts des Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert.“

Die Liturgiereform war die wohl sichtbarste Änderung nach dem II. Vatikanum. So zeigen sich gerade bei liturgischen Neuerungen und Änderungen die Konfliktlinien zwischen „progressiv“ und „konservativ“. Die Coronakrise hat deutlich gemacht, dass die Vielfalt von liturgischen Formen für das Leben der ChristInnen zentral ist. Zugleich war gerade an den gestreamten Gottesdiensten eine massive Klerikalisierung ablesbar.

Meine persönlichen Erfahrungen sind dabei nur ein kleines Blitzlicht, das die Situation um Ostern herum darlegt:

-          Ich helfe üblicherweise zu Ostern in meiner Heimatpfarre aus, die mittlerweile Teil eines großen Seelsorgeraums mit 8 Pfarren und mehreren Priestern ist.

-          Als absehbar war, dass das 8. Sakrament, die sogenannte „Fleischweihe“, heuer ausfallen würde, hat mich eine sehr nette und engagierte Frau aus der Pfarre angerufen: Sie hätte eine Idee. Ich könnte doch mit dem Auto und mit Weihwasser herumfahren in der Pfarre; sie würden das bekanntmachen – und die Gläubigen könnten ihre Osterkörbe an den Wegrand stellen. – Dass ich das abgelehnt und sie auf die Möglichkeit verwiesen habe, die Körbe selbst zu Hause im Kreis der Familie zu segnen, legt sich nahe. Zugleich zeigt sich hier die immer noch hohe Wertschätzung dem priesterlichen Handeln gegenüber – oder auch ein gewisses magisches Verständnis. Und zugleich das geringe Selbstvertrauen, das ChristInnen bei uns häufig noch haben.

-          Die zweite für mich einschneidende Erfahrung war die Frage, wie Ostern gefeiert werden könnte. Als von Rom die Regelung kam, man müsse den Priestern die Feier der Karwochenliturgie ermöglichen, und zugleich von der Bischofskonferenz aufgrund der Coronabestimmungen die Reduktion auf höchstens 5 Beteiligte bei den Feiern, ist mir buchstäblich der persönliche und theologische Kragen geplatzt. Ein Anruf aus meiner Heimatpfarre war dann noch bezeichnend: Sie hätten schon die 5 Personen zusammen; würden das gar nicht groß bekanntmachen und die Kirche abschließen – und wir könnten dann die Karwochenliturgie feiern.

Vor allem am letzten Beispiel zeigt sich mir, wie sehr hier etwas schiefgelaufen ist bzw. schiefläuft. Die mühsamen Bemühungen nach dem II. Vatikanum, die „actuosa participatio“ aller Mitfeiernden zu fördern, ist zu einem guten Teil misslungen – bzw. ist nicht klar genug, worin sie besteht. Klar ist jedoch seit der Liturgiereform, dass die Eucharistiefeier und auch alle anderen liturgischen Formen nicht eine Feier eines einzelnen Priesters sind.

Genau das war aber zu einem guten Teil das Bild, das gestreamte Gottesdienste über Wochen hinweg gezeigt haben: Zum Teil hoch engagierte Priester, die stellvertretend für ihre Gemeinden allein daheim (oder am Altar in der Kirche) gestanden oder gesessen sind. Und die so die Hl. Messe zelebriert haben. Gar nicht wenige solcher Streams haben mehr Menschen erreicht, als so manche Sonntagsmesse.

Während in Österreich die Bischofskonferenz m. E. zu Recht die Hygiene-Beschränkungen der Regierung voll mitgetragen haben und mittragen, gibt es weltweit jedoch auch viele Priester und Bischöfe, die das nicht akzeptieren wollen – und die sehr eigenartige Vorstellungen von liturgischen Feiern haben: Eine Hostie könne niemanden anstecken; Mundkommunion sei nicht nur theologisch richtiger, sondern auch hygienisch sinnvoller etc.

Auf der anderen Seite jener Bischof aus den USA, der in seiner Diözese Santa Fa die Order ausgab, dass liturgische Feiern nicht länger als 35-40 min sein dürften – und der jenen Priestern, die in der Coronazeit länger als 5 Minuten predigten, ein Predigtverbot androhte.

Julia Knop formuliert es ähnlich: „Weder Weihwasser noch Hostie wirken viruzid. Und nicht alles, was erlaubt ist und vor Jahrzehnten einmal gängig war, ist heute sinnvoll.“ Und sie bringt einige markante Beispiele solcher liturgischen Formen und hinterfragt sie: „Ob ein täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer ans Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Coronakrise sind, kann zumindest gefragt werden.“

Ich möchte mich hier nicht lustig machen über die Versuche von Priestern, mit der neuen Situation umzugehen. Denn sie waren wenigstens aktiv. Eine internationale, ökumenische Studie zu Erfahrungen von SeelsorgerInnen mit der Digitalisierung in der Zeit von März bis Mai zeigt, dass es viel neues Engagement im Bereich der neuen Medien gab. Aber die erste Auswertung für Österreich zeigt auch zugleich, dass die Hälfte der an der Studie beteiligten Seelsorger keine eigenen Gottesdienste in dieser Zeit angeboten haben. Und Ökumene ist überhaupt ausgefallen.

Ein für mich sehr guter Ansatz im Blick auf Liturgie angesichts von Corona ist jener des Erfurter Liturgikers Benedikt Kranemann. Er meint: Wir dürfen dem Tod nicht das letzte Wort lassen! „Christliche Liturgie kann heute nicht mehr triumphalistisch daherkommen, sondern … steht in der Spannung von Karfreitag und Ostermorgen“.

Das wurde nicht zuletzt bei der heurigen Form der Karwochenliturgie deutlich: Kein Pomp und Gloria. Ganz viel Stille. Reduktion der Feiern auf einfache Zeichen. „Die Liturgie der Karwoche im Jahr 2020 gibt der Passion eine neue Anschauungsform“, so Gregor Maria Hoff. „Die Leere, die der Tod vieler Menschen hinterlässt, markiert den Ground zero einer Welt, die sich im Zeichen eines Virus globalisiert. Politisch scheint sie nicht solidarischer zu werden – auch auf diese Weise verschlägt Covid-19 den Atem. Die Aussichten auf Pfingsten und ein Wehen des Geistes werden nicht hoffnungsstabiler. Der Glaube, den ein lungenkranker Greis vom Stuhl Petri aus verkündet, scheint nichts von der Unerschütterlichkeit des Felsens zu haben, auf dem der Jesus des Matthäusevangeliums seine Kirche zu bauen versprach.“

Eine Liturgie, die angesichts von Corona die Verletzlichkeit des Menschen sichtbar macht – aber nicht dabei stehenbleibt, sondern eine Hoffnungsperspektive vermittelt: dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass es einen Gott gibt, der in all seiner Unbegreiflichkeit den Menschen nicht allein lässt. Mit dem man rechten und klagen kann.

Gerade im Bereich der Liturgie haben sich dann auch viele neue Formen entwickelt: Internetgottesdienste – oder auch kleine Hauskirchen.

Ein Beispiel aus meiner Verwandtschaft: Eine 80jährige Tante, Mutter von 4 Kindern und Oma von 10 Enkeln, die hoch katholisch ist – und Ostern heuer zu Hause im kleinsten Kreis gefeiert hat. Und sie sagt: Sie hat noch nie so intensiv die Karwoche und Ostern erlebt … Die gewohnten Formen der kirchlichen Feier sind ihr zwar schon abgegangen – aber sie hat neue Aspekte entdeckt. Sie hat selbst nachgedacht: Was bedeutet Gründonnerstag daheim in der Familie – und wie setzen wir Akzente. Und am Karfreitag, am Karsamstag, am Ostersonntag dasselbe.

Das heißt, es gab eine Gruppe von Gläubigen, die das als Chance angenommen haben. Zugleich aber gab es auch viele, die alleingelassen waren und die nicht selbst „Hauskirche“ entwickeln konnten.

Und das Nachdenken betrifft nun praktisch alle liturgischen Formen. Wie verändert sich angesichts von Corona die Feier der Sakramente? Können wir Taufen, Erstkommunionen und Firmungen in den nächsten Jahren noch so feiern wie vor Corona – oder müsste es nicht Veränderungen geben aufgrund der Erfahrungen dieses Jahres? Die Chance dazu bestünde.

Ich habe von den theologischen Bruchlinien angesichts der liturgischen Feiern gesprochen. Ich sehe diese in der gegenläufigen Tendenz von stark an Rubriken orientierten Feiern – und von Feiern, die sich an Erfahrungen und Bedürfnissen der Menschen ausrichten. Auch Liturgie braucht hier eine kreative Inkulturation in das Leben der Menschen. (Ich weiß: Liturgie, Gottesdienst, ist immer auch ein „Sich-Erheben“ aus dem Alltag – aber nach meinem Verständnis widerspricht sich das nicht!)

Der Papst geht in seinem Schreiben „Querida Amazonia“ ausdrücklich auf die Inkulturation von Liturgie ein – womit er sich auch gegen Traditionalisten wendet, die eine einheitliche, wenn möglich sogar tridentinische Form, als einzig wahre und gültige Liturgie ansehen.

Die Begründung des Papstes lautet: „In den schwierigen Situationen, welche die am meisten Bedürftigen erleben, muss die Kirche besonders achtsam sein, um zu verstehen, zu trösten, einzubeziehen, und sie muss vermeiden, diesen Menschen eine Reihe von Vorschriften aufzuerlegen, als seien sie felsenstark.“ (QA 84, wobei er sein eigenes Schreiben „Amoris Laetitia“ Nr. 49 zitiert.)

Dies ist auf die Liturgie bezogen – und zeigt die Spannung, in der wir auch bei uns sind: Zwischen denen, die liturgische Feiern genau nach Rubriken vollzogen wissen wollen; und jenen, denen alle kirchlichen Vorgaben egal sind und die ihre eigene Form der Feier entwickeln. Hier braucht es in der nächsten Zeit eine gute Balance – bzw. eine Form der Inkulturation in die Situation der Menschen.

Und schließlich als Überleitung zum nächsten Punkt, der Diakonie:

Die „Auseinandersetzung über den diakonalen Aspekt der Liturgie ist für den Lebensbezug wie die Glaubwürdigkeit christlicher Liturgie unverzichtbar“, so der Liturgiker Benedikt Kranemann. Zugespitzt gesagt: Gottesdienst hat immer auch eine seelsorgliche Dimension. Im Gottesdienst werden wir hineingenommen in das heilende Handeln Gottes an der Welt, und zugleich stimmen wir antwortend ein in Lob, Dank oder Klage.

 

Damit bin ich bei meiner 4. These: Diakonie und Seelsorge wurden durch die Pandemie in ihren Grundfesten erschüttert.

Besonders schmerzlich finde ich die Wahrnehmung in den ersten 2-3 Monaten, dass sich viele Pfarren und Diözesen relativ rasch und intensiv um Ersatzmöglichkeiten für die ausgefallenen Gottesdienste bemüht haben. Es wurden Hilfestellungen erarbeitet für die Feier in der Hauskirche; es wurden die Kirchenräume offen gehalten und den Menschen Materialien zur Verfügung gestellt. All das ist allen Lobes wert.

Zugleich wurde aber auch ein systemisches Problem unserer Kirche deutlich: der Bereich der Caritas, des helfenden Einsatzes, ist bei uns ganz stark auf den Schultern von Ehrenamtlichen – oder im Bereich der Organisation Caritas selbst. Es haben sich z. B. zivilgesellschaftlich rasch Nachbarschaftshilfen herausgebildet.

Gleichzeitig sind aber jahrzehntelang eingeübte und bewährte Formen weggebrochen, die vor allem die alten und einsamen Menschen massiv betroffen haben: Die Krankenbesuche und Krankenkommunionen; die Besuche in Altersheimen, Pflegeheimen und Krankenhäusern waren praktisch unmöglich. Aus Deutschland weiß ich auch: Ehrenamtliche Helfer, oft im Pensionsalter und damit Risikogruppe, bleiben vermehrt zu Hause.

Die Coronapandemie hat Seelsorge nicht automatisch verändert – sondern sichtbar gemacht, was funktioniert und was nicht.

Es war vor allem die Stimme der Caritas, die eingefordert hat, die christliche Solidarität mit den Ärmsten nicht zu vergessen. Und in vielen Stellungnahmen von Bischöfen und diözesanen Verantwortlichen wurde und wird darauf hingewiesen, dass der Blick auf die aktuell Ärmsten nicht vergessen werden darf. Was aber kaum öffentlich diskutiert wird, ist das eigentliche Kerngeschäft der Kirchen, nämlich die Seelsorge. Doch gerade sie sollte doch als „systemrelevant“ oder zumindest als „lebensrelevant“ eingestuft werden – geht es doch um nicht weniger als darum, dass es Menschen „gut geht“ – und zwar ganzheitlich, an Leib und Seele.

Das Problem war und ist, dass die klassischen Formen nicht möglich waren: Seelsorge in Form der Sakramentenspendungen (und den vielen Gesprächen in der Vor- und Nachbereitung). Die Seelsorge bei Trauerfällen – mit den Besuchen bei Angehörigen; den Gesprächen im Umfeld des Begräbnisses, den Trauergruppen und Trauergesprächen. Ja sogar das über Jahrhunderte wichtigste Instrument der Seelsorge, die Beichte, hat es aktuell schwer: Nicht nur, weil immer weniger Menschen das Bußsakrament in Anspruch nehmen, sondern auch, weil persönliche Begegnungen monatelang nicht möglich waren – und eine Beichte über Telefon nicht erlaubt ist, trotz mancher Bemühungen darum. Gerade für Seelsorgerinnen und Seelsorger ist dies eine schwierige Situation, da die gewohnten Formen nicht möglich sind – und Neues schwer zu entwickeln ist.

Sehr interessant finde ich die Aussage eines Kärntner Arztes, Primar Rudolf Likar, der auch Vizepräsident der KA ist: „Die Menschen suchen in solchen Zeiten Rituale, an denen sie sich anhalten können. Da ist es traurig, wenn sich auch die Kirche zurückzieht. Ich habe aber das Gefühl, dass jetzt neue Wege beschritten werden. Ich denke da an die Krankenhausseelsorge, die im Lockdown nicht möglich war. Das sollte nie mehr geschehen. Man darf die Seelsorge und die Spiritualität nicht aussperren.“

Seelsorge hat vor allem mit dem Aufmerksam-Werden zu tun, wo jene Menschen sind, die Hilfe brauchen – und eben nicht nur mit dem Warten, dass sich jemand von sich aus rührt und kommt (so wichtig es ist, dass Menschen auch wissen, wohin und an wen sie sich wenden können!). Das Nachfragen ist dabei möglicherweise verbunden mit der Erfahrung der Abweisung; aber dennoch: SeelsorgerIn sein heißt hier, sich auszusetzen und auch mit Ablehnung der angebotenen Hilfe zu rechnen.

Und es braucht die Förderung des Bewusstseins, dass nicht nur Hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger sind. In Ergänzung zur liturgischen Hauskirche ist auch Seelsorge einer der Aufträge an ChristInnen für ihren Lebensbereich. So sagt es Stefan Knobloch: Es ist notwendig, dass man „in der Zeit der Fragmentierung und Pluralisierung des Lebens die Menschen in ihren Lebenserfahrungen ernst nimmt und sie selbst die Trägerinnen und Träger der Seelsorge sein lässt.“

Der ökumenische Rat der Kirchen hat Ende März 2020 festgehalten: „Inmitten dieser gravierenden Krise erheben wir unsere Stimmen im Gebete für all jene, die für Führung sorgen und für die Regierungen in aller Welt und ermahnen sie, dass ihre dringlichste Sorge jenen gelten muss, die in Armut und an den Rändern leben, sowie den Flüchtlingen in unserer Mitte.“

Seelsorge vor diesem Hintergrund ist ganzheitlich – und hat sich an den jeweiligen Sorgen der Menschen auszurichten. Daher stellt gerade die aktuelle Situation die gängigen Modelle seelsorglichen Handelns auf den Prüfstand. So manches entwickelt sich neu; manches ist nicht möglich – und manches ist vielleicht auch überholt. Und keiner hat das Allheilmittel – auch nicht für die Seelsorge.

Konsequenzen: Stärkung der Lebensrelevanz von Kirchen

Damit komme ich zum letzten Punkt – möglichen Konsequenzen aus diesen Thesen und Wahrnehmungen.

Sehr treffend bringt es Julia Knop auf den Punkt: Die Kirche „steht auch in der Verantwortung, kirchliches Leben kritisch zu begleiten und ggf. auf problematische Entwicklungen hinzuweisen. Magische Restbestände und regressive Muster, die einen fatalen Trost versprechen, sind theologisch zu dekonstruieren.“

Die ganze Entwicklung einfach als weiteren „Schub der Entkirchlichung“ zu bezeichnen, der in 10 Jahren sowieso gekommen wäre, wie es der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich in einem Interview mit dem „L‘Osservatore Romano“ beschrieb, ist mir zu billig.

Hartmut Rosa hat Recht, wenn er sagt: Es geht nicht um „Systemrelevanz“, sondern um „Lebensrelevanz“ hinsichtlich des Beitrags z. B. der Kirchen und Religionen angesichts von Corona. Es geht nicht darum, irgendein System zu stützen. Sondern es geht um die Frage: Haben wir etwas beizutragen, das Menschen leben lässt?

Nach Gregor Maria Hoff ist der Mensch angesichts von Katastrophen, die Lebensgrundlagen erschüttern,  „mit der Verletzbarkeit seiner Existenz konfrontiert. Die abgründige Leere eines Lebens, das auf den Tod hinausläuft, fordert den Glauben an die schöpferische Lebensmacht Gottes brutal heraus. Diese Leere lässt sich weder leugnen noch ohne weiteres aushalten.“

Es geht somit ums Eingemachte: nicht um interne Strukturen, nicht um liturgische Formen oder Gemeindepastoral – sondern um die Frage: Wozu braucht es angesichts dieser Ereignisse in der Welt überhaupt den Glauben, wozu Kirchen?

Hartmut Rosa sieht die Kirchen hier ausgestattet mit einer Sinnressource: „Die Kirchen können einen Sinn für ein anderes In-der-Zeit-Sein eröffnen, einen Sinn für eine andere Weltbeziehung, die eben nicht auf Verfügbarkeit von Welt abzielt. Insbesondere die kirchlich-liturgischen Praktiken können dabei hilfreich sein. Wer betet oder einen Segen empfängt, dem wird eine neue Weise des In-die-Welt-Gestellt-Seins vor Augen geführt. Er partizipiert an einem Reichtum menschlicher Erfahrungsmöglichkeiten.“

Hartmut Rosa ist Soziologe, nicht Theologe. Und das sagt er auch explizit: „Natürlich kann ich als Soziologe nicht sagen, dass dies gut ist, weil es Gott gibt. Aber ich kann zumindest feststellen, dass die Kirchen Zugänge zu menschlichen Erfahrungen eröffnen, die es sonst nicht gibt.“ Und weiter meint er: „Die Kirchen sollten ihre Ressourcen nutzen, um einen Geschmack für andere soziale Formationen und Beziehungsqualitäten wach zu halten.“

Oder im Blick auf das, was der Papst in Querida Amazonia mit seinen 4 Visionen gesagt hat: Visionen sind ebenso Ermunterung wie Herausforderung und können Angst machen und verunsichern, eben gerade darum, weil sie gängige Denkkategorien sprengen und Altvertrautes aufbrechen.

Dieses Jahr hat vieles in Bewegung gebracht – und das ist grundsätzlich sehr gut. Denn es ermöglicht Veränderung und Entwicklung.

Dem Katholischen Laienrat Österreichs wünsche ich zum 50. Geburtstag, dass diese Veränderungen zu einer Stärkung des gemeinsamen Priestertums und Christseins führen. Dass nicht weitere Gräben aufgerissen werden zwischen Hierarchie und Volk Gottes, zwischen Frauen und Männern, zwischen Rom und Österreich. Sondern dass wir uns gemeinsam der Frage stellen: Welchen Beitrag kann ich leisten, dass Menschen leben können?

1 http://www.bistum-basel.ch/Schopfung-Umwelt/Der-Papst-will-eine-lebendigere-Gemeinschaft.html#

2 https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-07/vatikan-wortlaut-instruktion-pastorale-umkehr-pfarrgemeinden-deu.html

3 https://www.feinschwarz.net/eine-instruktion-als-offenbarungseid-von-klerikalismus/ (21.7.2020)

4 https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/784.html (21.7.2020)

5 https://www.katholisch.de/artikel/25547-sonntagspflicht-ade

6 https://de.catholicnewsagency.com/story/bischof-ippolt-zuruck-zur-sonntagspflicht-6839

7 Wiegelmann, HK 10/2020.

8 Julia Knop, Ein Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert, in: Theologische Schlaglichter auf Corona. Themenheft zur COVID-19-Pandemie 2020, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt, 2020.

9 https://theocare.wordpress.com/2020/03/27/karwochenliturgie-im-zeichen-von-covid-19-eine-vertane-chance/

10 https://www.kirche-und-leben.de/artikel/us-bischof-droht-mit-strafe-fuer-zu-lange-predigten

11 Julia Knop, Ein Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert, in: Theologische Schlaglichter auf Corona. Themenheft zur COVID-19-Pandemie 2020, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt, 2020.

12 Kranemann, Dem Tod nicht das letzte Wort lassen, in: Theologische Schlaglichter auf Corona, Erfurt, 7.

13 Gregor Maria Hoff, Die Furche, 8.4.2020.

14 Kranemann, Dem Tod nicht das letzte Wort lassen, in: Theologische Schlaglichter auf Corona, Erfurt, 7.

15 Vgl. https://theocare.wordpress.com/2020/05/06/seelsorge-in-der-coronakrise/

16 https://www.kath-kirche-kaernten.at/dioezese/detail/C2644/seelsorge-darf-man-nicht-aussperren?fbclid=IwAR20RsF_YnTrKGE0JVQMv3lgokOyi1gMpmcGbsUQU2vHRkgfotcOuc8gHd0

17 www.ceceurope.org/wp-content/uploads/2020/03/REO-COVID-19-joint-statement-German.pdf

18 Julia Knop, ebd.

19 Hartmut Rosa, Zwischen Unverfügbarkeit und Fundamentalismus: Wie systemrelevant sind die Kirchen?, in: HK 10/2020, 34-35.

20 Hoff, Die Furche, 8.4.2020.