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Referat “Christliche Spiritualität” (1/2)

Univ.-Prof. Dr. Josef Weismayer - Wien josef.weismayer@univie.ac.at

Christliche Spiritualität

1. „Spiritualität" - Was ist das?

Spiritualität ist wieder gefragt. Aber was bezeichnet man heute nicht alles als „spirituell"?[1] Das Wort „Spiritualität" hat ja im Deutschen keine sehr lange Geschichte[2]. Anfang der Sechziger-Jahre wurde es als Fremdwort aus dem Französischen übernommen. Seither hat sich das Wort „Spiritualität" im deutschen Sprachraum durchgesetzt, anfangs zaghaft[3], aber doch unbeirrbar[4]. In der zweiten Hälfte der Achtziger-Jahre ist es de facto zu einem Modewort geworden, vielfach auch motiviert durch außerchristliche Anstöße (wie Esoterik, New Age). Aber das Wort Spiritualität hat natürlich eine lange Vorgeschichte im Lateinischen und im Bereich der romanischen Sprachen[5].
  • Spiritualitas und spirit(u)alis
Das lateinische Adjektiv „spirit(u)alis" ist ein christlicher Neologismus. Es ist die Übersetzung des griechischen Wortes pneumatikós. Für die weitere Geschichte des Begriffs ist der Text 1 Kor 2,14 - 3,3 bedeutsam. Der pneumatische, der spirituelle Christ ist jener, der den Geist Gottes in seinem Leben voll wirksam werden lässt. Das Substativ „spiritualitas", das von spiritualis als Abstractum gebildet wurde, kommt erst viel später in Gebrauch. Es wurde in einem dreifachen Sinn verwendet: - in einem religiösen Sinn; der Gegenbegriff wäre carnalitas oder animalitas (im Sinn von 1 Kor); - in einem philosophischen Sinn als Weise des Seins oder Weise des Erkennens (bei Gilbert de la Porrée, 1. Hälfte des 12. Jh.); der Gegenbegriff wäre corporalitas; - in einem juridischen Sinn als umfassender Begriff geistlicher Funktionen und Aufgaben (Liturgie, Sakramentenspendung usw; Ende des 12. Jh.); Gegenbegriff wäre temporalitas.
  • Die theologische Verwendung von „Spiritualitas"
Eine erste gesicherte Erwähnung des Begriffs „spiritualitas" findet sich bei „Pseudo-Hieronymus", Brief 7 (De scientia divinae legis)[6], dessen Autor Pelagius oder einer seiner Schüler sein dürfte. Jedenfalls ist der Text Anfang des 5. Jh. zu datieren. Der Brief ist an einen neugetauften Erwachsenen gerichtet; er wird ermahnt, ein authentisches christliches Leben zu führen, ohne Schlaffheit, mit Mut und Engagement, ohne im Voranschreiten zu erlahmen. Vom 5. bis zum 11. Jh. wird dieser Terminus „spiritualitas" selten verwendet; man bezeichnet damit das geistliche Leben in seiner Ganzheit oder einige seiner Aspekte. Im 12. Jahrhundert begegnet das Wort häufiger, allerdings in den drei genannten Sinnrichtungen. Die gleiche Beobachtung gilt für das 13. Jahrhundert. Die großen Theologen bedienen sich dieses Terminus aber eher zurückhaltend:
  • Die französischen Termini Spiritualité / spirituel
In der Zeit vom 13. bis zum 16. Jh. finden sich erstmals in der Dichtung die Worte „espirituaulté", „esperitalité", „spiritalité". De facto ist aber die Verwendung dieser Worte sehr spärlich. Von der Mitte des 17. Jahrhunderts an wird die Verwendung des Adjektivs „spirituel" sehr häufig. Man spricht von „choses spirituelles", von „livres spirituelles", von „vie spirituelle". Als „klassische" Beschreibung kann Jean-Baptiste Saint-Jure SJ (1588 - 1657) mit seinem Werk „L'homme spirituel" dienen. Den „spirituellen" Menschen definiert er als den Christen, der umfassender und tiefer als die anderen das besitzt, was den Christen ausmacht, nämlich den Geist Jesu Christi. Im 19. Jh. ist das Wort weitgehend in den Hintergrund getreten und wurde erst in den Neunziger-Jahren des Jahrhunderts wieder öfter verwendet. Von 1917 an kommt das Wort wieder durch einige Publikationen stärker in Gebrauch: z.B. durch das vierbändige Werk von Pierre Pourrat, La spiritualité chrétienne (1918 - 1928), durch die Zeitschrift „La vie spirituelle" (ab 1919) und durch das große Projekt des „Dictionnaire de spiritualité ascétique et mystique" (1932-1996; 16 Bände + 1 Registerband). 

2. „Spiritualität" - Theologische Antwortversuche

  • Hans Urs von Balthasar († 1988)
In seiner Untersuchung „Das Evangelium als Norm und Kritik aller Spiritualität in der Kirche"[7] geht von Balthasar von der allgemeinmenschlichen Dimension von Spiritualität aus. Er versteht darunter jene „praktische und existentielle Grundhaltung eines Menschen, die Folge und Ausdruck seines religiösen - oder allgemeiner - ethisch engagierten Daseinsverständnisses ist: eine akthafte und zuständliche (habituelle) Durchstimmtheit seines Lebens von seinen objektiven Letzteinsichten und Letztentscheidungen her". Mit diesem Versuch einer Umschreibung kann auch das vielfältige und vielgestaltige Streben nach Heil- und Ganzwerden des Menschen umgriffen werden, das sich in den spirituellen Suchbewegungen der Gegenwart manifestiert. Drei Dimensionen menschlicher Spiritualität sieht er damit angedeutet: - Erstens die Bewegung aus der Zerstreutheit ins Gesammelte, der Weg nach innen; - zweitens der Dienst an der Welt, die Durchstrukturierung der Wirklichkeit vom Geist aus; - drittens das Geschehenlassen. In Christus sind diese Dimensionen zu einer Einheit geworden, die Balthasar als „Liebesgehorsam" bezeichnet: Auftrags-, Wirk- und Leidensgehorsam. In seinem erstmals 1958 erschienenen Aufsatz „Spiritualität"[8] geht von Balthasar vom verkündeten und angenommenen Wort Gottes aus. Es soll als Samenkorn im Acker der Herzen ein- und aufgehen. Spiritualität bezeichnet das Wort Gottes als aufgenommenes und sich entfaltendes; sie ist „die subjektive Seite der Dogmatik"[9]. So ist Spiritualität wesentlich eine, weil ihr Subjekt die Kirche ist, sie ist zugleich aber mannigfaltig, weil die Kirche ihr Leben in vielen Personen lebt. Hans Urs von Balthasar ist übrigens einer der ersten, wenn nicht der erste deutschsprachige Autor, der den Begriff „Spiritualität" in die deutsche Sprache eingebracht hat.
  • Josef Sudbrack SJ
In seiner Studie „Vom Geheimnis christlicher Spiritualität: Einheit und Vielfalt"[10] umschreibt Josef Sudbrack diese als „Begegnung mit Christus; auf unsere Situation hin verdeutlicht, Applikation des Offenbarungsgeschehens auf den Menschen in seiner eigentlichen Existenz; wieder anders gesagt: das konkrete Leben aus der ganzen Fülle dessen, was uns als heilswichtig geoffenbart und geschenkt worden ist."[11]
  • Bernhard Fraling
Der langjährige Würzburger Moraltheologe Bernhard Fraling versuchte, diese eben skizzierten Linien in seiner Studie „Überlegungen zum Begriff der Spiritualität"[12] zusammenzufassen und zu vertiefen. Dabei unterschied er fünf Merkmale von Spiritualität:
  • Sie ist „Auswirkung des einen Geistes Christi in seiner Kirche und deren Gliedern, der Besitz von uns ergreift und mit dem Vater verbindet, der jedem sein Charisma und seine Funktion im Ganzen der Kirche gibt."
  • Neben der Geistgewirktheit ist Spiritualität vom Moment der Totalität geprägt: „Dem Geist ist es eigen, den Menschen von innen her ganz zu ergreifen."
Diese beiden Elemente beschreiben die „Innenseite" von Spiritualität.
  • Es bedarf aber auch der Verleiblichung, der konkreten geschichtlichen Verobjektivierung. „Spiritualität wäre sonach die konkrete geistgewirkte Weise, in der jemand seinen Glauben, seine Bindung an Christus vollzieht."
  • „Die Verleiblichung ermöglicht, dass Spiritualität kommunikabel wird, dass sie für den Glauben anderer einen Dienst leisten kann."
  • Schließlich wird gelebte Spiritualität auf die jeweilige geschichtliche Situation bezogen sein.
Diese Merkmale zusammenfassend, formuliert Fraling: „Die christliche Spiritualität ist die geistgewirkte Weise ganzheitlich gläubiger Existenz, in der sich das Leben des Geistes Christi in uns in geschichtlich bedingter Konkretion ausprägt."[13] In seinem Aufsatz kommt Fraling auch auf „Merkmalbereiche der Spiritualität" zu sprechen, die „eine detaillierte Beschreibung verschiedener Arten von Spiritualität erleichtern und gleichzeitig die Möglichkeit kritischer Beurteilung bieten"[14]:
  • das jeweils verschiedene Christusbild, die Art des Bezugs zu Christus;
  • die unmittelbare persönliche Äußerung des Glaubens;
  • die Lebensform

3. „Spiritualität" - Leben aus dem Geist Jesu

Inhaltlich verweist das Wort „Spiritualität" auf den Heiligen Geist und sein Wirken. Spiritualität ist das vom Geist Gottes erweckte und geschenkte Leben, das geistliche Leben. Für mich ist christliche Spiritualität das bewusste Leben aus der Wirklichkeit der Taufe. Diese noch sehr im Allgemeinen bleibende Beschreibung gewinnt Konturen, wenn sie im Zusammenhang mit den Aussagen des AT und NT über den Gottesgeist gesehen wird.
  • Der Geist Gottes macht Gottes heilendes und befreiendes Wirken deutlich.
  • Der Heilige Geist schenkt Gemeinschaft mit dem auferstandenen und erhöhten Herrn.
  • Der Geist Jesu eint und versammelt die Kirche als Gemeinschaft.
  • Der Geist Christi ist Anfang vom Ende, Vorwegnahme der Vollendung.
  • Christliche Spiritualität bedeutet Sich-Ergreifen-Lassen von Gottes heilendem und befreiendem Wirken
Israel hat Jahwe als wirksame Macht erfahren. Wo dieses bewegende, befreiende und heilende Tun Gottes in der Bibel zur Sprache kommt, ist oft vom Geist Gottes die Rede: Er erweckt charismatische Führer in Zeiten höchster Not, wie im Fall der Richter; er befähigt Propheten, sein Wort zu künden und seine Weisung zu verdeutlichen. Aber nicht nur in einmaligen geschichtlichen Ereignissen ist der Geist Jahwes am Werk, sondern auch in der Schöpfung: Er „schwebte" über den Wassern der Urflut (vgl. Gen 1,2), er schenkt Leben und Atem (vgl. Ps 104,29f.). Das Unerwartete, das Unberechenbare des Wirkens Gottes in Israels Geschichte und in der Schöpfung, das alles Menschliche Übersteigende des Handelns Gottes drückt die Schrift mit dem Hinweis auf den Geist Gottes aus. Die synoptischen Evangelisten deuten das Christusereignis als Geschehen im Heiligen Geist: Das will heißen, in Jesus von Nazareth ist Gott selbst am Werk. In Jesus erfährt Gottes heilendes und rettendes Tun seine Vollendung (vgl. z. B. Lk 1,35; 4,1.14). Christliche Spiritualität meint - aus dieser Perspektive betrachtet - bewusstes Leben unter diesem aus dem Nichts herausrufenden, heilenden und rettenden Wirken Jahwes. Der spirituelle Mensch nimmt dieses Walten Gottes ernst, er weiß sich darin gesichert und geborgen, getragen und zum Tun befähigt. Christliche Spiritualität ist nicht zuerst Leben aus einer Verpflichtung, sondern ein Leben, das sich verdankt, das aus dem Beschenktwerden kommt. Vor der Aufgabe steht die Gabe. Vertrauen, Zuversicht Tragfähigkeit und Belastbarkeit sind Zeichen echter Spiritualität, denn „der Herr ist unsere Burg" (vgl. Ps 46). Gottes heilendes und befreiendes Tun schenkt ein „neues Herz und einen neuen Geist" (vgl. Ez 36,26f.), beschränkt sich aber nicht auf das „Innere" des Menschen, sondern will den ganzen Menschen und die Welt, in der wir leben, „heil" machen. So wird auch christliche Spiritualität auf dieses Innere, auf das Herz bedacht sein, ohne aber sich darauf zu beschränken. Christliche Spiritualität, die sich nur als „Innerlichkeit" versteht, wäre eine Engführung.
  • Christliche Spiritualität ist Gemeinschaft mit dem gekreuzigten und erhöhten Herrn
Israel erhofft für die Heilszukunft, dass der Geist Jahwes „bleibt": Das Reis aus dem Baumstumpf Isais wird vom Geist des Herrn erfüllt sein (vgl. Jes 11,2), auf den Knecht Gottes ist er gelegt (Jes 42,1), über alles Fleisch soll er ausgegossen werden - ohne Unterschied des Geschlechtes, des Alters und der sozialen Stellung (Joel 3,1f.). Nicht nur einige werden teilhaben am Geist Jahwes, sondern alle werden von diesem „Sturm" erfüllt und ergriffen werden. Wenn die Evangelisten deutlich machen, dass das Dasein und das Wirken Jesu ein Geschehen im Heiligen Geist ist, dann soll damit sichtbar gemacht werden, dass in diesem Jesus von Nazareth uns Jahwe gegenübertritt; zugleich soll aber auch angedeutet werden, dass nun die Zeit der Erfüllung, die Zeit des Endes angebrochen ist. Das trifft in besonderer Weise für das Ende, für die „Stunde" (vgl. Joh 13,1) zu: Der Weg Jesu vollendet sich im Kreuz und in seiner Auferstehung und Verherrlichung. Die Ausgießung des Geistes für alle ist Frucht der Auferstehung (vgl. Apg 2,33f; Joh 7,39). Der Heilige Geist schenkt uns Gemeinschaft mit Jesu Tod und Auferstehung im Geschehen der Taufe. Da wird der Mensch mit Jesu Tod eins und darin gründet die Hoffnung, dass „wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereint sein werden" (Röm 6,5). Der Heilige Geist ermöglicht Leben mit Christus. „Nachfolge Christi" ist daher nicht imaginatives Sich-Versetzen in die vorösterliche Situation der Jünger, sondern Lebensgemeinschaft mit dem jetzt gegenwärtigen und wirkenden Herrn, der uns im Heiligen Geist nahe ist. In die gleiche Richtung weisen die Worte vom „Parakleten" und vom „Geist der Wahrheit", die wir in den johanneischen Abschiedsreden begegnen (Joh 14,16f.26; 15,26f; 16,7-11,13-15): Der „Beistand" erinnert uns Jesu Worte, d.h., er schließt sie auf, er interpretiert sie, er führt uns mitten hinein in die Wirklichkeit des Heiles in Jesus Christus. Die paulinischen Briefe deuten vor allem auf zwei Bereiche, in denen sich die Christusgemeinschaft verwirklicht: das Beten und die Liebe zum Nächsten. Der Geist Gottes ruft in uns: Abba, Vater! (vgl. Röm 8,14-16; Gal 4,6). Wir wissen ja nicht, wie wir recht zu beten vermögen; der Geist tritt für uns ein (vgl. Röm 8,26f). Der Christ darf durch den Heiligen Geist teilnehmen am Gespräch Jesu mit dem Vater. Christliches Beten ist daher nicht nur einfach Reden mit Gott, sondern durch den Geist ermächtigtes Sprechen „im Sohn" mit dem Vater, ein „trinitarisch umgriffenes" Geschehen.[15] Durch den Geist werden wir auch mit jener Liebe erfüllt, die Christus bewegte: Der Heilige Geist befähigt zur Nächstenliebe, sie ist die größte und wichtigste Geistesgabe (vgl. 1 Kor 13), die Frucht des Geistes (vgl. Gal 5,22 f). Christliche Spiritualität als Leben im Heiligen Geist bedeutet Leben mit Christus: In der Taufe ist diese Lebensgemeinschaft grundgelegt. Die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten vermag dem Menschen Kraft zu geben, auch die Tiefen und Widrigkeiten des Lebens zu tragen. Das Gespräch Jesu mit dem Vater findet ein Echo im Beten des Christen. Der Einsatz des Lebens, die Liebe bis zur Hingabe des Lebens ist auch das Grundmuster christlich-mitmenschlichen Verhaltens. Christliche Spiritualität bedeutet Leben in der Gemeinschaft der Kirche Die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, die Mitte des geistlichen Lebens des Christen, ist in der Taufe begründet. Die Gabe des Geistes, die in diesem Sakrament des Anfangs geschenkt wird, steht aber in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem Eingegliedertwerden in die Gemeinschaft der Kirche. Die Heilige Schrift schreibt dem Geist das „Sammeln" des Gottesvolkes in besonderer Weise zu. Die Paulusbriefe sehen den Geist des Herrn als das Lebensprinzip der Einzelgemeinde: Er schenkt vielfältige und vielgestaltige Gaben, auffällige und schlichte, außergewöhnliche und alltägliche (vgl. 1 Kor 12); dem „Aufbau der Gemeinde" sollen alle und jeder Einzelne dienen (vgl. 1 Kor 14,4f.12.26), denn der Geist des Herrn ist ein Geist der Einheit, des Miteinander und nicht der Entzweiung. Der Epheserbrief betont, dass dies für die gesamtkirchliche Situation gilt: Kirche ist Gemeinschaft aus Juden und Heiden; in dem einen Geist haben beide durch Christus Zugang zum Vater (vgl. Eph 2,18). In einer anderen Perspektive sieht die Apostelgeschichte die Kirche in einem untrennbaren Zusammenhang mit der Gabe des Geistes: Das spektakuläre Kommen des Gottesgeistes am ersten Pfingstfest der jungen Kirche wiederholt sich im Gang der Geschichte noch einige Male (vgl. Apg 4,31; 8,15.17; 10,44 u.ö.). Damit soll deutlich werden, dass Kirche bleibend der Ort des machtvollen Wirkens Gottes ist, der Ort des heilenden und befreienden Tuns Gottes - für diese Welt. So wird verständlich, dass auch der weitere Weg des Evangeliums vom Gottesgeist bestimmt wird (vgl. Apg 8,29.39; 16,7f u.ö.), er stellt die Weichen, nichts ist dem Zufall oder allein dem planenden Denken der Verkünder überlassen. Schließlich weist auch die Überlieferung der Parakletworte in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums auf die Kirche hin: Die Begegnung mit dem Geist der Wahrheit wird den „Jüngern" verheißen: Adressat ist die Gemeinschaft derer, die mit dem Erhöhten leben, die sein Geschick teilen. Die Kirche wird vom Gottesgeist in die Wahrheit eingeführt und in ihr gehalten. Christliche Spiritualität hat daher wesentlich eine kirchliche, gemeinschaftliche Dimension. Wer geistliches Leben nur individualistisch sehen und verstehen wollte, als ob dieses nur „Gott und die Seele" beträfe, hätte die umfassende Wirklichkeit des vom Gottesgeist erweckten Lebens nicht erfasst. Zum Christsein gehört Interesse für die Kirche, Liebe zur Kirche, Sorge um die Kirche, Ringen um ihre immer neu notwendige Reform angesichts von Entwicklungen und Fakten, die das Antlitz Christi in ihr verdunkeln. Dies gilt sowohl für die Ebene der Einzelgemeinde, der Teilkirche (Diözese) als auch der Gesamtkirche. Zum Christsein gehört auch das Entdecken der Begabung, des Charismas jedes Einzelnen für das Ganze, der Einsatz und das Engagement für die Kirche.
  • Christliche Spiritualität bedeutet Leben der Hoffnung für diese Welt
Für das Ende der Zeit, für die Vollendung des Heilshandelns Gottes in dieser Welt ist der Geist Gottes verheißen (vgl. Joel 3,1f). Wo alles neu wird, wo Gott einen „neuen Himmel und eine neue Erde" schafft, da schafft der Geist des Herrn auch ein „neues Herz und einen neuen Geist" (vgl. Ez 36,26f). Wenn in der Gottesoffenbarung in Jesus Christus der Geist auf alle ausgegossen wird, dann erhellt daraus, dass in Jesus Christus das Ende angebrochen ist; mit der Auferstehung Jesu beginnt die Auferstehung der Toten. Die Aussendung des Heiligen Geistes für alle ist die Frucht der Auferstehung (vgl. Joh 7,37-39). Zugleich ist mit dem Heiligen Geist auch eine Vorausgabe der Vollendung gegeben: Er ist der „erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen" (Eph 1,14), die „Erstlingsgabe" (Röm 8,23). Christliche Spiritualität ist daher von dieser Orientierung auf die Vollendung bestimmt. Sie lebt in der Spannung zwischen dem „Schon" des Heils und dem „Noch nicht" des alles vollendenden Kommens des Herrn in Macht und Herrlichkeit. Ein Aufheben dieser Spannung wäre eine Kurzschlusslösung: Das Reich Gottes ist noch nicht in Macht und Herrlichkeit, gegenwärtig, die Kirche noch nicht „ohne Flecken, Falten oder andere Fehler", sie ist noch nicht heilig und makellos", wie der Epheserbrief formuliert (vgl. Eph 5,27). Das Reich Gottes ist gegenwärtig in Ohnmacht und Unansehnlichkeit - wie ein Senfkorn (vgl. Mk 4,30-32), wie ein Sauerteig (vgl. Mt 13,33). Aber die gegenwärtige Situation ist auch nicht völlig heillos, die Welt, in der wir leben, ist nicht Inbegriff des Bösen und daher ist auch „Weltflucht" keineswegs das christliche Ideal schlechthin. Christliche Spiritualität wird daher danach trachten, in dieser Welt schon etwas von der neuen Welt Gottes sichtbar werden zu lassen. Die Hoffnung auf die Vollendung darf nicht zu einem Erlahmen der Initiativen für eine menschlichere und menschenwürdigere Welt führen, sondern zu einem verstärkten Engagement in dieser Richtung. Darauf hat vor allem das 2. Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute deutlich und eindringlich hingewiesen.[1]
  • Christliche Spiritualität als ganzheitlicher Lebensvollzug (Zusammenfassung)
Wenn man vom Wort Spiritualität ausgeht und dabei die Wirklichkeit des Heiligen Geistes mitgesagt hört, ist es möglich, das Gemeinte, die christliche Spiritualität in diesem umfassenden Sinn zu umschreiben: Der Getaufte, der sich bewusst einlässt auf die Gabe des Geistes, der sich von ihrer „Energie" ergreifen und erfüllen lässt, der wird von ihr in diese Ganzheit geführt: Er sieht sich von Gottes machtvollem und befreiendem Tun beschenkt, er weiß sich eins mit dem Heilsgeschehen in Jesus Christus, er ist eingegliedert in die Gemeinschaft des Gottesvolkes, die Christi Leib ist, er ist in Hoffnung ausgerichtet auf die noch ausstehende Vollendung. Diese so entfaltete christliche Spiritualität wird im Anspruch des Evangeliums deutlich, in den Texten des Neuen Testaments. Sie ist eine und für alle. Vor aller Pluralität von Spiritualitäten gilt es, die eine Spiritualität des Evangeliums zu betonen.

zum zweiten Teil des Referats >