Aktuelles

ALS GETAUFTE KIRCHE LEBEN. (Nicht erfüllte) Aufträge des 2. Vatikanums an das Laienapostolat

Vortrag von Univ. Prof. em. Dr. Walter Kirchschläger, Luzern, bei der Jubiläumsveranstaltung "50 Jahre Katholischer Laienrat Österreich" am 10. Oktober 2020 im dialog.hotel.wien Am Spiegeln

An der Jubiläumsfeier „50 Jahre Katholischer Laienrat“ entbiete ich Ihnen einen herzlichen Gruss! Ich bedaure es sehr, dass ich nicht persönlich in Ihrer Mitte sein kann. Die widrigen Umstände sowie meine persönliche Situation als durch Alter und Gesundheitszustand zur Risikogruppe zählender Mensch sowie die Reiserestriktionen seitens des Schweizer Bundesrates  machen mir dies nicht möglich.

Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mir dennoch in der Stimme von Frau/Herrn Götzinger Ihr Ohr zuwenden und sich mit meinen Überlegungen auseinandersetzen wollen. Ich wünsche Ihnen aufrichtig einen schönen, ertragreichen und ermutigenden Festtag und eine erfüllende zukünftige Tätigkeit im Katholischen Laienrat!

 

1 Rückblick und Einführung

 

1.1 Am Vorabend des Konzils. Nur knapp vier Monate nach der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils setzte Johannes XXIII. am 17. Mai 1959 die „Vor-Vorbereitende Konzilskommission, die sogenannte antepraeparatoria, unter der Leitung seines Staatssekretärs, Kardinal Domenico Tardini, ein. Neben organisatorischen Vorbereitungen für das Konzil war es die vordringlichste Aufgabe dieser Kommission, einen Vorschlag für die thematische Konkretisierung der Kirchenversammlung zu erarbeiten. Neben den theologischen Fakultäten in Rom und weltweit und den Ordensoberen wurden alle zukünftigen Konzilsväter auf schriftlichem Weg zu möglichen Themenstellungen befragt. Mit Datum vom 9. November 1959 legte der damalige Erzbischof von Wien, Kardinal Franz König, namens der Wiener Kirchenprovinz, also auch im Namen von Erzbischof  Franz Jachym (Wien) sowie der Bischöfe Michael Memelauer (St. Pölten), Franz Zauner (Linz), Stephan Lászlo (Eisenstadt) und Josef Streidt (Wien) die entsprechende Eingabe nach Rom vor. Im Hinblick auf das Kirchenverständnis wird darin neben einer Klärung der Bedeutung des Bischofsamtes eine theologische Vertiefung hinsichtlich der Gemeinschaft der Getauften als Leib Christi angestrebt: Ermächtigt durch das Sakrament der Taufe und der Firmung seien die Laien berufen und verpflichtet zur Ausübung des Apostolats – sei es unter der Führung der Bischöfe in der Katholischen Aktion, sei es in anderen [kirchlich] anerkannten Gemeinschaften oder im Gebet und in ihrem Lebensbeispiel in Familie und Beruf. Der Abt von Wettingen-Mehrerau, Heinrich Groner, regt im gleichen Kontext eine rechtliche Klärung der Stellung der Laien im Hinblick auf ihre Zusammenarbeit mit der kirchlichen Hierarchie an, Bischof Joseph Köstner (Gurk-Klagenfurt) will die Rechte der Laien in der Katholischen Aktion definiert sehen. Franz Zak, damals Bischof-Koadjutor von St. Pölten, will in seiner umfangreichen Stellungnahme eine stärkere Einbindung der Laien in die Unterstützung der kirchlichen Leitungsarbeit herbeiführen, insbesondere indem sie auf diözesaner und auf weltkirchlicher Ebene regelmässig gehört und befragt werden. Im vorliegenden Kontext darf nicht unerwähnt bleiben, dass der Erzbischof von Salzburg, Andreas Rohracher, in seinem nur halbseitigen Statement an erster Stelle eine Klärung der ortsbischöflichen Rechte insbesondere gegenüber der römischen Kurie und den apostolischen Nuntien einmahnt.

Der eingangs genannte 17. Mai 1959 war der Tag des Pfingstfestes. Im Rückblick verwundert es nicht, dass Johannes XXIII. den ersten konkreten Schritt der Konzilsvorbereitung an diesem Tag setzte – verband er doch das gesamte Konzil mit der Idee und dem Wunsch nach einem „neuen Pfingsten“. Dies kann für alles Weitere als ein Notenschlüssel im Hintergrund  gelten.   

 

1.2 Der Eröffnungstag des Konzils. In der Ansprache des Bischofs von Rom im Zuge der Eröffnung des Konzils kommt der Begriff „Laie“ nicht vor. Stattdessen spricht Johannes XXIII. einmal von den „Gläubigen“ (Christifideles), die das Konzil durch ihr Gebet unterstützen. In dieser Passage kommt auch die vorherrschende Vorstellung von Kirche gut zum Ausdruck:

„So kann man wirklich sagen, dass zur Feier des Konzils sich Himmel und Erde vereinen:

die Heiligen des Himmels, um unsere Arbeit zu schützen;

die Gläubigen auf der Erde, um ohne Unterlass zu Gott zu beten;

und schliesslich ihr, um auf die Inspiration durch Gottes Geist zu hören,

auf dass die gemeinsame Arbeit den heutigen Erwartungen und Bedürfnissen all der Völker entspreche.“

 

 Die Bischöfe erledigen also die anstehende Arbeit und bleiben dabei sozusagen unter sich. Auch sie werden in der Ansprache allerdings nur zweimal erwähnt. Ungeachtet dessen wird in der ersten öffentlichen Sitzung, mit welcher das Konzil eröffnet wird, der universale Sendungsauftrag des Auferstandenen verkündet: Alle Menschen sollen zu Jüngerinnen und Jüngern gemacht werden, indem sie auf den Namen des dreifaltigen Gottes getauft und darin unterwiesen werden, was Jesus seine Nachfolgegemeinschaft gelehrt und ihr aufgetragen hat (vgl. Mt 28,18-20).

Nach dem Willen des Bischofs von Rom soll es ein Konzil sein, das in die ganze Welt und zu allen Menschen spricht. Aufschlussreich dafür ist die Radioansprache, die Johannes XXIII. genau einen Monat vor Konzilsbeginn, also am 11. September 1962, gehalten hat:

In diesem Dokument legt Johannes XXIII. seine Vision  von der Sendung der Kirche offen: Sie soll in ihrer verkündigenden, missionarischen Tätigkeit so in die Welt hinein wirken, dass sie allen Menschen eine zustimmende Antwort auf die Einladung zur Jüngerinnen- und Jüngerschaft ermöglicht. Für ihre eigene Identität erfordert eine solche Ausrichtung hinein in die Welt eine vertiefte Reflexion über das eigene Glaubensverständnis und die kirchliche Glaubenspraxis in einem neuen Heute. Diese zweifache Ausrichtung der Kirche nach innen (ad intra) und nach aussen (ad extra) zieht sich in der Konzilsvorbereitung wie ein roter Faden durch das Denken und Sprechen des Bischofs von Rom. Es kann als Kurzformel für sein weltoffenes, missionarisches und dynamisches Kirchenverständnis gelten, dem andere Facetten von Kirche bei-, bzw. untergeordnet sein müssen. Konkret bedeutet dies:

„Der Grund seiner Einberufung [= des Konzils] … ist die Fortsetzung oder besser die kraftvollere Erneuerung der Antwort der ganzen Welt auf das Vermächtnis des Herrn …: ‚Gehet hin, lehret alle Völker …‘ [Zitat Mt 28,19-20]. Die Kirche muss gesucht werden als das, was sie in ihrer inneren Struktur nach ist, Lebenskraft nach innen (ad intra), bereit, vor allen ihren Kindern die Schätze erleuchtenden Glaubens und heiligender Gnade zu zeigen, die in jenen letzten Worten ihren Ursprung haben. Diese bezeichnen die hervorragendste Aufgabe der Kirche …, ihre Aufgabe, Leben zu spenden, zu lehren und zu beten.“

„Betrachtet man die Kirche in ihren Lebensäusserungen nach aussen (ad extra), in ihrem Bezug auf die Bedürfnisse und Nöte der Völker, die durch menschliches Schicksal eher zur Wertschätzung und zum Genuss der Güter der Erde hingelenkt werden, so fühlt sie die Pflicht, durch ihre Lehrtätigkeit ihrer Verantwortung nachzukommen: ‚Auf dass wir durch die zeitlichen Güter so hindurchgehen, dass wir die ewigen nicht verlieren‘ [Postcommunio 3. Sonntag nach Pfingsten].“

 

Die genannten Blitzlichter in die kirchliche Vergangenheit sind nicht nur Fragment, sie lassen auch ein Bild erkennen, das keineswegs einheitlich ist: Da dominiert das Konzept einer Zweiständekirche, in der ausschliesslich die Bischöfe das Sagen haben, da regt sich da und dort aber Neues, noch Unkoordiniertes, verschieden Benanntes als vielleicht (auch) massgebliches Element in dieser Kirche. Es ist erkennbar, in welche Richtung der Bischof von Rom dachte, aber ein klares Konzept legt er nicht vor, wenngleich gerade im Rückblick Spuren erkennbar sind, wohin sich die Kirchenversammlung und mit ihr die gesamte katholische Kirche bewegen wird: Nach dem Verständnis von Johannes XXIII. soll der Geist Gottes genügend Raum haben, um in der Kirche, jetzt konkret in dieser Kirchenversammlung zu wirken.

 

Das Konzil wird also viel zu tun haben, vor allem weil es beabsichtigt, über die Wirklichkeit Kirche nachzudenken. Die Kirchenversammlung beschäftigt sich intensiv mit den damit verbundenen offenen Fragen. Hinsichtlich der so genannten „Laien“ [und Laiinnen] in der Kirche geschieht die substantiellste Reflexion in Kapitel III des Dokuments über die Kirche. Es bildet im Ablauf des Konzils sowie inhaltlich die Grundlage für die weiteren diesbezüglichen Äusserungen des Konzils, teilweise gut vorbereitet, teilweise eingebettet in die anderen Konzilsdokumente. Deswegen werden wir uns auch vornehmlich mit diesen Textabschnitten beschäftigen. Zeitgleich mit der Verabschiedung des Kirchendokuments im Herbst 1964 konnte der seit Konzilsbeginn vorliegende Entwurf eines Dekrets über das Laienapostolat nochmals diskutiert, in der Folge überarbeitet und im November 1965 verabschiedet werden. Es kann also in gewissem Sinne als eine praxisorientierte Ausführungsbestimmung zum gegenständlichen Abschnitt der Kirchenkonstitution verstanden werden. Auf die Bedeutung der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute für das Selbstverständnis und die gebotene Glaubenspraxis der kirchlichen Gemeinschaft kann nur erneut hingewiesen werden.

 

 

2 „Laien“ in der Kirche

 

2.1 Das Volk Gottes – erste Anstösse. Es ist bekannt, dass das Konzil bereits im ersten erarbeiteten Dokument Akzente für ein neues Kirchenverständnis setzte. Wie ein roter Faden durchzieht die Rede von der actuosa participatio der ganzen feiernden Gemeinde das Gottesdienstverständnis der Liturgiekonstitution. Durch die tätige Teilhabe und Einbindung aller Mitfeiernden wird der Gemeinschaftscharakter des Vollzugs gefördert. Dadurch kommt verstärkt zum Ausdruck, dass zwischen der die Feier leitenden Person und den anderen Anwesenden kein Gegenüber, sondern ein Miteinander in gemeinsamem Lob, Dank und Bitten vor Gott gegeben ist. Denn „die Gebete, die der Priester in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde stehend, an Gott richtet, [werden]  im Namen des ganzen heiligen Volkes und aller Umstehenden gesprochen.“

Dir vom Konzil angestossene Liturgiereform setzt ein neues Kirchenbild voraus. Die Kirche wird nicht mehr als eine befestigte Burg auf hohem Felsen verstanden, die, weil auf festem Grund gebaut, alle Feinde und alle Stürme abwehren kann. Ein anderer Grundgedanke beginnt im Konzil Raum zu greifen: Es ist die Rede vom Volk Gottes, das gemeinsam unterwegs ist. Im deutschen Sprachraum ist dieser Fortschritt anhand der Weiterentwicklung des Kirchenliedes vom „Haus“, das „voll Glorie schauet“, das „aus ew’gem Stein erbauet“ ist und auf dessen „Mauern der Sturm in wilder Wut“ tobt, anschaulich ablesbar. In der Neufassung nach dem Konzil ist davon nicht mehr die Rede, sondern von Jesus Christus als dem einen Fundament dieser Kirche, der sie als „wandernd[es] Volk“ zum „Ziel der Zeiten“ führt, um dort die von Gott bereitete Bleibe in Empfang zu nehmen. Generell spricht das Konzil in diesem Dokument, wenn es einzelne Personen dieses Volkes hervorhebt, nur in wenigen Fällen von „Laien“. Generell wird die Bezeichnung „Gläubige“ (fideles) bevorzugt, in Einzelfällen auch „Christgläubige“ (Christifideles). Zu dieser Zusammenstellung ist in Erinnerung zu rufen: Unser Sprachgebrauch gibt Aufschluss auf das dahinterstehende Denken. Schon im ersten Dokument, welches das Konzil verabschiedet hat, sind also Zeichen einer ekklesiologischen Neuorientierung erkennbar. Sie müssen freilich noch vertieft werden.

Aus der Perspektive des Konzils wird daher nicht mehr „die Messe gelesen“, sondern „die Eucharistie gefeiert“. Frau oder man kann daher im Sinne des Konzils der Messe daher auch nicht „andächtig beiwohnen“  - wie es im Kirchengebot heisst -, sondern mit allen Anwesenden mitfeiern. Es ist bedauerlich, dass sich diese Sprachverschiebung in mehr als fünf Jahrzehnten nicht stärker und flächendeckend durchgesetzt hat, auch nicht in den verschiedenen Kirchenleitungsetagen. Das verweist zugleich darauf, dass die in der Liturgiekonstitution sich abzeichnende Verschiebung des Kirchenbildes in der Zeit seit dem Konzil ungenügend, fallweise gar nicht rezipiert wurde.

Die Vorstellung von der Kirche als dem Volk Gottes setzt andere (liturgie-)theologische Rahmenbedingungen als das Missale Pius V. aus der Zeit des Konzils von Trient im 16. Jh. Die erneute Zulassung des früheren liturgischen Ritus erweist sich also nicht nur pastoralliturgisch als verkehrter Schritt. Diese Entscheidung torpediert das vom Konzil eingeleitete Umdenken im Selbstverständnis der Kirche, und es geht dabei eben nicht einfach um „zwei Anwendungsformen des einen römischen Ritus.“ Überdies steht die Neugestaltung des Ritus im Dienst der vom Konzil geförderten tätigen Teilnahme der Glaubenden. Dass diese Rückkehr zur früheren liturgischen Form der Eucharistiefeier (und des Stundengebets) sogar mit dem Aufbau einer eigenen Kirchenstruktur verbunden wurde, trägt zwar zu einer gewissen innerkirchlichen Ordnung bei, verstärkt aber zugleich das Ärgernis. Bischof Franziskus hat dafür zwar Verständnis gezeigt; er fügte allerdings auch hinzu: „Ich finde aber das Risiko einer Ideologisierung des Vetus Ordo, seine Instrumentalisierung, sehr gefährlich.“

Mit der Liturgiekonstitution ist also auch im Bereich des Kirchenverständnisses eine grundlegende Weichenstellung eingeleitet. Der aktive Miteinbezug aller Mitfeiernden in den Vollzug der Liturgie macht eine Überprüfung des übernommenen Denkens über Aufbau und Leben von Kirche notwendig.

 

2.2 Was ist Kirche? In allen vier Sitzungsperioden des Konzils war das Thema „Kirche“ tonangebend. In mehreren Dokumenten sind dazu verschiedene Teilthemen ausgearbeitet. Das dispensierte die Kirchenversammlung nicht davon, das Kernthema an sich anzupacken und ihr Verständnis von Kirche und Kirchenpraxis zu reflektieren und vorzulegen – bewirkt das Konzil ja selbst Kirche, weil alle Teilnehmenden „dem heiligen und sichtbaren Volk Gottes zugehören dürfen“ – so einer der Grundgedanken, mit dem Paul VI. im September 1964 die dritte Sitzungsperiode des Konzils eröffnete. Während dieser Konzilsperiode konnte am 21. November 1964 die Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium beinahe einstimmig verabschiedet werden. Den Vätern des Konzils gelang mit diesem Dokument nicht so sehr ein dekretierender Text. Sie versuchten sich vielmehr in einer beschreibenden Darstellung der komplexen Wirklichkeit Kirche, bestimmt und abgeleitet von deren theologischer Überlieferung und vor allem vom biblischen Ursprung des christlichen Glaubens, wobei Jesus Christus als Fundament und Grundlage jedweden diesbezüglichen Denkens und Handelns vorangestellt wurde: „Weil Christus das Licht der Völker ist …“, ergibt sich aus der Sicht des Konzils nach dieser vorangestellten Begründung das in der Folge entwickelte Kirchenverständnis. Es gründet auf dem biblischen Befund und entfaltet eine Vielzahl von biblischen Bildern und Metaphern für die Nachfolge-, Gesinnungs- und Bekenntnisgemeinschaft um Jesus von Nazaret, den auferstandenen und erhöhten „Kyrios Jesus Christus“ (Phil 2,11). In dieser Vielzahl anschaulicher Umschreibungen werden die Verwurzelung im Christusgeschehen sowie die universale Heilsdimension der kirchlichen Gemeinschaft aufgezeigt, sodass darin der vielfältige und doch eine Leib mit Jesus Christus als dessen Haupt in sakramentaler Weise erkannt werden kann. Dieser Leib lebt in der Kraft des Geistes in vielgestaltiger Einheit der verschiedenen Menschen in ihm, da aufgrund der Taufe alle „Christus gleichgestaltet“ sind. Dieses von Paulus gegenüber der Kirche von Korinth entwickelte und von der Paulusschule weitergeführte Bild vom Leib mit Jesus Christus als dem Haupt kann in Art. 7 wie eine Zwischensumme verstanden werden. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden und muss hier nur in seinen markanten Eckpunkten in Erinnerung gerufen werden, die da lauten: Einheit in Verschiedenheit, unterschiedliche Aufgaben / Berufungen ohne Unterschied in Rang und Ansehen, alles hingeordnet auf das gemeinsame Leben in Liebe, das aufgrund der Taufe in der Kraft des Geistes gewährleistet wird. Diese so vielfach umschriebene Wirklichkeit „Kirche“ lebt auf dieser Erde durch die Jahrhunderte und ist dabei einem wechselnden Schicksal ausgesetzt. Mit einem Zitat von Augustinus wird dies genauer charakterisiert: „Die Kirche ‚schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin.‘“ Das Konzil denkt also nicht an eine unbewegliche, verharrende Wirklichkeit, sondern an einen dynamischen, lebenden Organismus. Dies geschieht nicht beliebig, sondern peregrinando, also in der Haltung des Pilgers, im Unterwegs-Sein mit einem bestimmten Ziel. „Da schreitet Christus durch die Zeit in seiner Kirche Pilgerkleid“ heisst es in einem pfingstlichen Kirchenlied.

 

Mit dieser vielfältigen Charakterisierung von Kirche, die auf das Bild vom Leib hinausläuft, und mit dieser Hervorhebung des Lebens in diesem Leib, das ihm die Haltung des Pilgerns ermöglicht, wird zu Kapitel II des Kirchendokuments übergeleitet, dessen Überschrift das Thema klar benennt: „Das Volk Gottes“.

 

2.3 Das Volk Gottes auf seiner Pilgerschaft. Es ist wohl nicht unbeabsichtigt, dass mit dieser Umschreibung von Kirche Erinnerungen an die grosse biblische Wandererzählung aus  der Jüdischen Bibel wachgerufen wird (vgl. bes. Ex 12-40). Die Berufung Israels und der Bundesschluss können als Vorzeichen für das neue Gottesvolk dienen, das „zum  Haupt Christus“ hat (Lumen gentium Art. 9,2) und zu dem „alle Menschen gerufen“ werden (Lumen gentium Art. 13,1 und 4). Dieses Volk bedarf (in Anlehnung an das Bild vom Leib) einer (zu-)Teilung von Verantwortung und Aufgaben (Lumen gentium Art. 10-12). Es „hat [seine] konkrete Existenzform in der katholischen Kirche“, reicht aber in verschiedenen Graden der Verbundenheit über diese hinaus – wie in den folgenden Abschnitten im Blick auf eine christliche und religionsübergreifende Ökumene ausgeführt wird (siehe Lumen gentium Art. 15-17).

Im vorliegenden Zusammenhang muss die Aufmerksamkeit noch bei der Idee von einem Volk bleiben, das unterwegs ist. Es ist unbestritten, dass es dafür eine Struktur braucht. Zugleich ist zu sehen, dass hier nicht an ein Gehen im Gleichschritt gedacht werden darf. Die einen gehen schneller voraus, die anderen bleiben hinten. Die Gruppen werden verschiedenen und wechselnden Umfang haben. Manche halten sich eher rechts, andere mehr links, die Gehspuren können sich überschneiden, können gewechselt werden. Die einen oder anderen benötigen eine Rast, gar eine Auszeit am Wegrand, auch hier ist Sorge und Betreuung angesagt. Es wird auch Menschen geben, die diesen Weg aus den verschiedensten Gründen abbrechen wollen.

Diese wenigen Andeutungen sollen für die Vielfalt und Komplexität von Kirche sensibilisieren, die dem Konzil wohl bewusst war. Sie ist nur zu bewältigen, wenn das Fundament im Blick bleibt, wenn keine Hierarchisierungen entstehen, die dem Bild vom Leib zuwiderlaufen – weder in der Theorie, noch auch in der Praxis -, wenn also die unverzichtbare Geschwisterlichkeit im Vertrauen auf die begleitende Liebe Gottes und das alle verbindende Wirken des Geistes gelebt wird.

 

Damit sind Kernthemen des Konzils und des Kirchenverständnisses seither angesprochen. Niemand könnte behaupten, diese seien in unserer Kirche umfänglich verwirklicht. Umso dringlicher ist es, nochmals auf die Grundlagen zu sehen. Sie verweisen übereinstimmend auf ein allen Christinnen und Christen gemeinsames biblisches Fundament.

 

2.4 Die Taufe – geistgewirkte Verwurzelung in Jesus Christus

Ich setze nochmals bei einer Aussage der Kirchenkonstitution an, in der das grund-legende Geschehen zum Werden von Kirche zusammengefasst wird:

„Durch die Taufe werden wir ja Christus gleichgestaltet: ‚Denn in einem Geiste sind wir alle getauft in einen Leib hinein‘ (1 Kor 12,13).“

 

Der Leib Christi, der das Volk Gottes ausmacht, wird durch die Taufe der vielen einzelnen Menschen verwirklicht. In diesem geistgeprägten Geschehen wird aus den einzelnen Menschen eine umfassende Gemeinschaft. Der Akkusativ der Richtung verstärkt diesen integrierenden Vorgang: „in einen Leib hinein“ schreibt Paulus. Zu Recht sprechen wir ja auch von einem Initiationssakrament. Es geht bis in die frühe erste österliche Zeit zurück.

Die Taufpraxis entspricht dem Auftrag des Auferstandenen in Mt 28 ebenso wie der Aufforderung, wie sie im Munde des Petrus angesichts seiner Pfingstpredigt als Antwort auf die Frage der Zuhörenden  „Was sollen wir tun, Schwestern und Brüder?“ formuliert ist: „Kehrt um, und jede und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, und ihr werdet die Gabe des heiligen Geistes empfangen“ (Apg 2,37b.38). Auch die johanneische Darstellung des Osterabends mit dem Hinweis auf die Neuschöpfung der Jüngerinnen und Jünger am Osterabend unter Anspielung auf den zweiten Schöpfungsbericht geht in diese Richtung (Joh 20,19-23). Sie ist in Verbindung mit dem klärenden Wort zu lesen, das der Evangelist im Nikodemusgespräch als Klarstellung Jesu überliefert: „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand  nicht geboren wird aus Wasser und Geist, kann sie oder er nicht hineingehen in die Königsherrschaft Gottes.“ (Joh 3,5).

Jedes Jahr wird uns in der Osternacht aus dem Mund des Paulus Leben zugesprochen, Überfülle des Lebens in der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Jesus Christus. Dies geschieht auf einer einzigen Grundlage: dem Sakrament der Taufe. Gerade die Metapher vom Geboren-Werden unterstreicht den konstitutiven Charakter dieses Sakraments, das allein Leben in der vollen Christusgemeinschaft ermöglicht. 

Der neutestamentliche Befund zum Verständnis der Taufe ist vielfältig. In der Taufe geschieht eine neue Verhältnisbestimmung des Menschen. Aufgrund des damit verbundenen Bekenntnisses zu Jesus Christus als dem Kyrios / Herrn werden Menschen ermächtigt, „Töchter und Söhne Gottes“ zu werden (Joh 1,12) und damit in ein familiäres Verhältnis zu Gott zu treten – zu Gott, den sie nach dem Vorbild und dem Auftrag Jesu als „unseren Vater“ ansprechen (Mt 6,9). Diese neue (familiäre) Beziehungswirklichkeit hat sowohl hinsichtlich des Gottesverhältnisses als auch im zwischenmenschlichen Bereich weitreichende Konsequenzen. Sie erfordert eine Grundhaltung der Kindschaft gegenüber Gott ebenso wie die Praxis einer uneingeschränkten Geschwisterlichkeit im Umgang mit anderen Menschen, ungeachtet der Vielfalt von Identität und Aufgaben gemäss dem Bild vom einen Leib (Christi). Dadurch sind zwar die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen nicht nivelliert, aber es verbietet sich jede Form der Hierarchisierung, da die Vielfalt der Menschen im Blick auf ihre Wertschätzung und Würde bedeutungslos geworden ist (vgl. bes. Gal 3,26-28): Allen ist gemeinsam, dass sie „Christus [als Gewand] angezogen haben“ und gemeinsam als Brüder und Schwestern des einen Herrn Jesus Christus vor Gott, dem gemeinsamen Vater, stehen (Gal 3,27, vgl. Röm 12,4; 13,14). Dies erlaubt eine Kommunikation auf Augenhöhe unter den Menschen. Sie ist zusätzlich geboten, weil Gott selbst sich besonders in der Selbsterniedrigung seines Sohnes im Christusgeschehen ebenfalls auf eine solche Begegnungsform und -ebene eingelassen hat.  

Die paulinischen Denkmuster zu dieser geistgeprägten Beschreibung der Lebenswirklichkeit von Christinnen und Christen orientiert sich stark am Schicksal der antiken Sklaven und deren Verknüpfung mit ihrem Herrn auf Gedeih und Verderben. Deswegen sind sie „besiegelt“, tragen sie also das Siegel ihres Herrn als untilgbares Eigentumszeichen an sich. „Mitgehangen – mitgefangen“ könnte frau oder man auch sagen, oder eben mit Paulus: Mit Christus „mitgestorben“ – mit Christus „mitauferweckt“ zu einem neuen Leben (vgl. Röm 6,3-11, bes. 6,4.5.8). Die Paulusschule setzt diese Denkweise fort. Sie entwickelt das Bild vom neuen Gewand für den neuen Menschen weiter. Es ist von Tugenden geprägt und von der Liebe als dem „alles zusammenhaltenden Band (sprich: Gürtel / cingulum) der Vollkommenheit“ zusammenhalten, erhält also damit Fasson (Kol 3,10.12-14, Zitat 3,14; ähnlich Eph 4,24). Die Paulusschule macht auch radikal ernst damit, dass diese Sprechweise sich nicht auf eine Zukunftsvision bezieht, sondern aufgrund des Christusgeschehens aktuellen Wirklichkeitsbezug aufweist: „Als solche, die mit ihm [Christus] begraben wurden in der Taufe, seid ihr auch mitauferweckt durch den Glauben an die Wirkmacht Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat“ – so schreibt jene Person, die den Brief an die Kirche von Kolossä verfasst hat (Kol 2,12, Hervorhebung WK).

Der Befund liesse sich noch vertiefen. Vermutlich wird niemand in Frage stellen, dass wir die Bedeutung der Taufe für unser Leben als Christin und Christ zurückgewinnen müssen. Zu weit sind wir davon entfernt, die existentielle Bedeutung dieses Sakraments in unser Leben zu integrieren. Wir eröffnen zwar jede Eucharistiefeier mit dem Bezug auf den dreifaltigen Gott, aber zumeist ist dies zur Formel verkommen. Dieses Sein in Christus und die darin lebbare „Teilhabe an der göttlichen Natur“ – wie es das Konzil im Offenbarungsdokument ausdrückt – ist Grund legend und Weg leitend für jedes christliche Handeln. Es ist die Würde, die alle Getauften miteinander verbindet, ungeachtet jedweden weiteren Differenzierungskriteriums von Herkunft, Geschlecht, Amt oder anderen. Für all das gilt das Wort des Paulus, das aus der „neuen Schöpfung“ (2 Kor 5,17)  der Getauften die Konsequenz zieht – einmal ohne Beschönigung wörtlich übertragen: „Es ist nicht …“ (Gal 3,28, vgl. 1 Kor 12,13).

Mit dieser Grundüberlegung hat sich das Konzil redlich herumgeschlagen. Der Hinweis auf die Taufe und deren biblische Grundlagen durchzieht die Konzilsdokumente. Auch die daraus sich ergebenden Konsequenzen sind in beachtlicher Weise angedacht – wie eben der schon ausgeführte Schwerpunkt auf dem Verständnis der Kirche als Volk Gottes zeigt, das gemeinsam unterwegs ist. Aber es blieb und es bleibt noch gehörig Luft nach oben.

 

Kehren wir nach diesem Ausblick zur Kirchenkonstitution des Konzils zurück. Erstmals  begnügt sich eine solche Kirchenversammlung nicht damit, die hierarchisch gegliederten Weihedienste in der Kirche festzuschreiben und zu erläutern. Sie behandelt zwar in Kapitel III des Dokuments das Verständnis des Bischofsamtes unter (kurzem) Einschluss der Priester und Diakone, stellt diese Ausführungen aber unter den Grundgedanken des Lebens des gesamten Volkes Gottes (Art. 18) und wendet sich danach ausführlich dem Verständnis der so genannten „Laien“ zu (Kapitel IV). Diese zahlenmässig grösste Menschengruppe in der Kirche zum Thema der Reflexion zu machen, bildet eine durchaus Aufsehen erregende Neuheit. Das Konzil wird sich sodann in Kapitel V ausführlicher mit der Berufung zur Heiligkeit befassen, die allen Menschen, bzw. Gruppen in der Kirche gilt. Erst in Kapitel VI sind die Ordensleute angesprochen, während Kapitel VII einen Ausblick in die endzeitliche Zukunft enthält und eine Verbindung zwischen dem Volk Gottes in seiner Pilgerschaft und der Kirche in ihrer himmlischen Vollendung herstellt. Die Abhandlung über die Stellung Marias im Heilsgeschehen und in der Kirche bildet als Kapitel VIII einen eigenständigen Schlussabschnitt des Dokuments.

Diese nicht in allem schlüssige Gliederung mag auch darauf  hinweisen, dass in der Erarbeitung des Dokuments verschiedene Kräfte wirksam waren. Wie die Wirkgeschichte des Dokuments zeigen kann, war die überaus grosse Zustimmung beim Schlussvotum dazu etwas trügerisch.

Auf einer ausserordentlichen Bischofsynode zwanzig Jahre nach Abschluss des Konzils (also im Herbst 1985) wurde gleichsam über Nacht die so genannte communio-Ekklesiologie dem Konzilsverständnis der Kirche als pilgernde Gemeinschaft auf dem Weg vorgesetzt. Im Schlussdokument der Synode heisst es sogar: „Die ‚Communio‘-Ekklesiologie ist die zentrale und grundlegende Idee der Konzilsdokumente.“ Gegen das Konzept von „Kirche als Gemeinschaft“, also als communio, ist an sich nichts einzuwenden. Aber dieses Kirchenbild hat einen entscheidenden Haken: Es bremst die Dynamik des gemeinsamen Unterwegs-Seins aus, welche das Konzil in seine Reflexion über Kirche eingebaut hatte. Abgesehen von ihrer starken und vielfältigen biblischen Verortung beinhaltet die Idee von Kirche als pilgerndes Volk Gottes Bewegung, auch Veränderung, Anpassung an den Weg, kurz gesagt: Gemeinsames aggiornamento und Inkulturation unter Beachtung der Zeichen der Zeit. Anhand eines Rückblicks auf die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte muss auch gesagt werden: Gerade diese Elemente waren nach Paul VI. in den Etagen der Kirchenleitung wenig bis nicht gefragt. Jener Bischof von Rom konnte allerdings beim Abschluss der dritten Konzilsperiode mit Enthusiasmus auf das im Kirchendokument Erreichte zurückblicken:

„Auch das muss vermerkt werden, welche Ehre durch diese Konstitution dem Volke Gottes erwiesen wird. Nichts Erfreulicheres konnte Uns begegnen, als zu sehen, dass die Würde aller Unserer Brüder und aller unserer Söhne, aus denen das heilige Volk Gottes besteht, so feierlich anerkannt wird, da eben zu seiner Berufung, zu seiner Heiligung, zu seiner Leitung und zu seinem ewigen Heil der gesamte Dienst der heiligen Hierarchie geschieht; denn das ist seine Bestimmung.“

 

Freilich, auch Paul VI. ist ein Kind seiner Zeit. Er übersieht im Verschweigen der Schwestern und Töchter eine ganze Hälfte dieses Volkes Gottes, und er charakterisiert die Hierarchie in einer euphorischen Übertreibung. Es mag aber in das Bild passen, dass Bischof Franziskus den Instanzen der Kirchenleitung deutlich in Erinnerung gerufen hat, dass sie den Menschen in der Kirche zu dienen, nicht zu befehlen haben.

 

3 Laien im Volk Gottes

Als Laien werden in der Kirche „alle Christgläubigen verstanden, die nicht Glieder des Weihestandes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes sind“ (Lumen gentium, Art. 31). Nach dieser negativ ausschliessenden Abgrenzung im Text der Kirchenkonstitution  heisst es aber sogleich, dass die „Laien“ [und wohl auch die „Laiinnen“] jene sind,

„die, durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi auf ihre Weise teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben“ (ebenda).

 

3.1 Weltdienst und Kirchendienst

Der dann folgende Satz des Dokuments ist zum generellen Charakteristikum der Laiinnen und Laien geworden: „Den Laien [und Laiinnen] ist der Weltcharakter in besonderer Weise eigen“ (ebenda). Von daher wurde nicht nur das so genannte Laienapostolat definiert, sondern gerade in den letzten Jahren die Aufgabe der so benannten Menschen auf die Welt hin geschoben.

Aber nicht nur im soeben zitierten Text hiess es: „die Sendung …in der Kirche und in der Welt“ (siehe oben). Im gesamten Kapitel des Konzilsdokuments wird das Engagement der Laiinnen und Laien in der Kirche angemahnt, sind sie doch „berufen, als lebendige Glieder alle ihre Kräfte … zum Wachstum und zur ständigen Heiligung der Kirche beizutragen“ (Lumen gentium, Art. 33), wobei der Zeugnischarakter ihres [dann gemeint: ehelichen] Lebensstandes besonders hervorgehoben wird (vgl. Lumen gentium, Art. 35,3).

Es ist also keineswegs so, dass das Konzil die so genannten „Laiinnen“ und „Laien“ von einem Engagement in der Kirche fernhalten will – im Gegenteil. In der Benennung als „lebendige Glieder“ ist ja jenes biblische Bild angesprochen, das uns bereits beschäftigt hat: jenes vom Leib, der zwar einer ist, aber in seinen vielen Gliedern in der dadurch bedingten Vielfalt sein Leben entwickelt. Folgerichtig hält das Konzil fest, dass

„die Laien [und Laiinnen] …zu mehr unmittelbarer Mitarbeit mit dem Apostolat der Hierarchie berufen werden, nach der Art jener Männer und Frauen, die den Apostel Paulus in der Verkündigung des Evangeliums unterstützten und sich im Herrn mühten (vgl. Phil 4,3; Röm 16,3ff)“ (Lumen gentium, Art. 33,3).

 

Sehen wir einmal von einer oberflächlichen Bibelauslegung ab und nehmen wir den Hinweis auf Paulus ernst, sagt das Konzil hier etwas sehr Wichtiges. Denn die Bibelwissenschaft ist gerade aufgrund des Konzils in den letzten 50 Jahren ein grosses Stück weiter gekommen und konnte zeigen, dass diese Frauen und Männer in den paulinischen Kirchen mit Verantwortung ausgestattete Mitarbeitende des Apostels waren und teils mit ihm, teils selbstständig in den Kirchen am Ort tätig geworden sind. Aggiornamento ist also angesagt. Dass das Konzil durchaus bereits in diese Richtung denkt, lässt der unmittelbar folgende Satz erkennen:

„Ausserdem haben sie [die Männer und Frauen] die Befähigung dazu, von der Hierarchie zu gewissen kirchlichen Ämtern herangezogen zu werden, die geistlichen Zielen dienen“ (Lumen gentium, Art. 33,3).

 

Paul VI. griff diese Denkweise des Konzils nach Abschluss der Kirchenversammlung nochmals auf  und veröffentlichte am 15. August 1972 das Dokument Ministeria quaedam, das die Einrichtung zusätzlicher kirchlicher Ämter, z. B. jenes der Pastoralassistentin oder des Pastoralassistenten, ermöglichen sollte. Dies wurde von der Schweizer Bischofskonferenz mit einer entsprechenden Eingabe intensiv weiterverfolgt. Für eine Verwirklichung dieser Idee starb der damalige Bischof von Rom zu früh (6. August 1978). Johannes Paul II. hat in seinem ersten Amtsjahr als Bischof von Rom dieses Thema von der kirchlichen Agenda ersatzlos gestrichen.

 

3.2 Die Gemeinschaft der Getauften. Für das Verständnis des Konzils steht das Gemeinsame aller Christinnen und Christen im Vordergrund. Dann muss allerdings auch klar gesagt werden, dass die kirchliche Begrifflichkeit in diesem Punkt irreführend und unzutreffend ist. Die Unterscheidung der Menschen in der Kirche in „Laiinnen“ und „Laien“ einerseits und in andere ordinierte (also sakramental beauftragte) oder gottgeweihte Menschen ist ein unseliges Produkt der frühen Kirchengeschichte.

Ihr Ursprung liegt im frühen zweiten Jahrhundert, ihr unmittelbarer Ansatzpunkt ist das falsche Verständnis einer Textpassage aus dem 1. Klemensbrief (entstanden um 95 n. Chr.). Darin werden dem Hohenpriester, den Priestern, den Leviten, den Menschen aus dem Volk und dem gesamten Volk ihr Platz und ihre Funktion in der Glaubensgemeinschaft zugewiesen. Die grobe Fahrlässigkeit der Textübernahme und der -deutung ist zu beklagen. Denn die Abfolge von Hohepriester, Priester und Levit lässt bereits erkennen, dass sich der Verfasser im jüdischen Milieu bewegt. Tatsächlich folgt auf den zitierten Abschnitt eine Bezugsetzung zum (jüdischen) Tempel (vgl. 1 Klem 41,2), die Textpassage nimmt also auf den jüdischen Zusammenhang Bezug. Im Weiteren (1 Klem 42,1-2) wird der Verfasser dann mit diesem Argumentationshintergrund das christliche Amt ableiten …

Vergleicht frau oder man unser heutiges generelles Wortverständnis von „Laie“ als Nicht-Fachmann mit dem ursprünglichen griechischen laikós, wird die Diskrepanz noch deutlicher. Denn dieser laikós war ein Mensch, der zum laós, also zum Volk gehörte, im jüdisch-theologischen Sinn ein Mitglied des Volkes Gottes, also Israels, so bezeichnet in Abhebung von den vielen anderen Völkern. Scheinbar ist dieser Mensch aus dem Volk den anderen genannten (Hohepriester, Priester und Levit) gegenübergestellt: Der (christliche) Laie – besser gesagt: seine Stellung als Gegenüber zum Priester - ist damit festgelegt. Aber weder in der Nachfolgegemeinschaft Jesu noch in der frühen Kirche lassen sich zwei Stände in der Kirche ausmachen, diesbezüglich kann keine Rede sein von Offenbarung oder von göttlichem Recht.

Auch in diesem Dilemma weist das Konzil bereits den Weg, den wir freilich noch mit aller Courage weitergehen müssen. Gerade im Kapitel des Kirchendokuments über die so genannten „Laien“ kommt das Konzil unter Bezugnahme auf das biblische Zeugnis auf den schon angesprochenen Grund des Christin- und Christseins zu sprechen:

 

Eines ist also das auserwählte Volk Gottes: ‚Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe‘ (Eph 4,5);

 gemeinsam die Würde der Glieder aus ihrer Wiedergeburt in Christus,

gemeinsam die Gnade der Kindschaft,

gemeinsam die Berufung zur Vollkommenheit,

eines ist das Heil,

eine die Hoffnung und

ungeteilt die Liebe.

Es gibt also in Christus und in der Kirche keine Ungleichheit aufgrund von Rasse und Volkszugehörigkeit, sozialer Stellung oder Geschlecht; denn ‚es gilt nicht mehr Jude und Heide, nicht Sklave und Freier, nicht Mann und Frau; denn alle seid ihr einer in Christus Jesus‘ (Gal 3,28; vgl. Kol 3,11).“

 

Dieser Grundsatztext fasst etwas ausführlicher den biblischen Befund zusammen, und gerade dies macht ihn unantastbar. Was die Menschen in der Kirche untereinander verbindet und ihnen allen ihre gleiche Würde gibt, ist eben ihre Taufe als Konsequenz und als Besiegelung ihres Christusbekenntnisses. Zu Recht möge frau oder man die Differenz zwischen dem Wort des Konzils und dem Handeln verschiedener Kirchenleitungsetagen bis heute bemängeln. Aber entscheidend ist zunächst die grundsätzliche Positionierung. Sie erlaubt weiter zu denken und Handlungsmöglichkeiten zu erwägen. Sie drängt aber auch dazu, eigenes Handeln zu überprüfen.

 

4 Vom Weltdienst der Laiinnen und Laien zu einem Kirchendienst in der Welt von heute

 

55 Jahre nach Abschluss des Konzils blicken wir auf die theologischen und pastoralen Schritte dieser Kirchenversammlung zurück, die zugleich den Impuls dafür gegeben hat, dass vor 50 Jahren der Katholische Laienrat Österreichs als Forum österreichischer Katholiken und als Zusammenschluss zahlreicher katholischer Verbünde und Gruppierungen gegründet werden konnte. Der Rückblick auf die langjährige Tätigkeit dieses Gremiums ist bereits erfolgt. Ich möchte mit Ihnen in die Zukunft blicken.

Als „Révision de vie“ – als „Lebensüberprüfung“ der Kirche verstand das Konzils am letzten Konzilstag, dem 8. Dezember 1965, seine eigene Tätigkeit. Gewissenserforschung ist auch 50 Jahre nach der Gründung des Laienrates angesagt, damit der Blick zurück eine Dynamik nach vorn auslöst.

 

4.1 Der Sprung nach vorwärts

Denn das Konzil sollte nicht Stillstand und nicht Ausbau einer „Festung Kirche“  gegenüber der Moderne bewirken, sondern es wollte diese Kirche als Volk Gottes und als pilgernde Gemeinschaft  auf den Weg bringen, und zwar mit einem Katapultstart. Der „Sprung nach vorwärts“ – „un balzo innanzi“, den Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede am 11. Oktober 1962 forderte, ist in den Konzilsjahren leider ausgeblieben. Dieses Programm hatte aus der Sicht des damaligen Bischofs von Rom eine klare Richtung, ein genau beschriebenes Ziel und eine ebenso präzise Methode:

Die Richtung war der Blick auf die „Welt von heute“. Das Ziel war das aggiornamento der Kirche, also ihre Verheutigung, ihre Ankunft in der Gegenwart und im Lebensumfeld der Menschen. Die Methode war die Vertiefung des Glaubensgutes,  das „mit wissenschaftlichen Methoden“ zu erforschen und „mit den sprachlichen Ausdrucksformen des modernen Denkens“ darzulegen war, und zwar all dies „im Rahmen und mit den Mitteln eines Lehramtes von vorrangig pastoralem Charakter“ – so Johannes XXIII.

Darin sah der Bischof von Rom. den „springenden Punkt“ dieser Kirchenversammlung.  Das Zentrum ihrer Reflexion war das Christusgeschehen mit Bezug auf die Welt. Dort, in der Welt, sollte die Kirche ankommen und ihre guten Dienste einbringen, hiess es einen Monat vor Konzilsbeginn.

Was daraus geworden ist, fragte sich auch der gegenwärtige Bischof von Rom in einer Homilie am 16. April 2013, dem 86. Geburtstag seines Vorgängers, und er kam auf das Konzil zu sprechen:

„Heute, 50 Jahre danach, müssen wir uns fragen: Haben wir da all das getan, was uns der Heilige Geist im Konzil gesagt hat? In der Kontinuität und im Wachstum der Kirche, ist da das Konzil zu spüren gewesen? Nein, im Gegenteil: Wir feiern dieses Jubiläum und es scheint, dass wir dem Konzil ein Denkmal bauen, aber eines, das nicht unbequem ist, das uns nicht stört. Wir wollen uns nicht verändern und es gibt sogar auch Stimmen, die gar nicht vorwärts wollen, sondern zurück: Das ist dickköpfig, das ist der Versuch, den Heiligen Geist zu zähmen. So bekommt man törichte und lahme Herzen.“

 

Ein Kommentar erübrigt sich. Es gilt also auch heute: Révision de vie / Lebensüberprüfung, einfach: Gewissenserforschung. Der Sprung, zu dem die Kirchenversammlung ansetzen sollte, dieser Sprung blieb vielfach gehemmt. Aber der Geist Gottes lässt sich nicht bremsen. Die Kirche sieht heute erheblich anders aus als vor 50 Jahren. Vieles ist geschehen, und die Stichworte dafür sind zahlreich und auch ermutigend: Ökumene, Weltoffenheit, Liturgiereform, Bibelverständnis, Verhältnis zum Judentum, auch Stellung aller Getauften in der Kirche, Mitarbeit vieler, usw. Weltweite und regionale Gremien und Zusammenschlüsse haben daran massgeblichen Anteil.

Natürlich: Alles ist das bei weitem nicht. Denn im gleichen Atemzug wären jene Initiativen zu benennen, die versuchten, das Sprunggelenk der Kirche erneut zu versteifen. An Lippenbekenntnissen zur Umsetzung des Konzils fehlte es nicht, aber Taten folgten oft sehr zögerlich, und es wäre auch von den dickköpfigen Rückschritten zu sprechen - den einen oder anderen habe ich angedeutet. Auch hier müssen Stichworte genügen: Kirchenverfassung, Frauen in der Kirche, vorkonziliare Liturgie, Vielfalt der Ämter und Dienste, Befreiungstheologie, Sexualmoral, Armut und Demut der Kirche, Ökumene mit den Kirchen der Reformation und vor allem: unvorstellbar wachsender „Zentralismus statt Kollegialität“ und Subsidiarität.

Aber unser Blick richtet sich nicht zurück, sondern nach vorn. Richtung und Ziel der Kirche haben sich nicht verändert. Ein Zurück hinter die Weltpräsenz der Kirche gibt es nicht, und ohne aggiornamento als kontinuierliches Begleitprinzip der Kirche wird es nicht gehen. Diese Methode muss immer neu bewusst gemacht werden, zugeschnitten auf unsere komplexe Zeit im 21. Jahrhundert. Nur so können Stolpersteine, die es auch im Morgen geben wird, überwunden werden. Die genannten und andere Stolpersteine bleiben freilich die Herausforderung für heute und morgen. Dabei gilt, was  der Moraltheologe Bernhard Häring schon vor dreissig Jahren angemahnt hat:

„In vollem Bewusstsein, dass wir selbst immer auf dem Weg fortschreitender Bekehrung bleiben müssen, wenn wir nach Reform der Kirche rufen, sehe ich aber auch, wie unecht Bekehrungspredigt auf individueller Ebene sein kann, wenn man sich nicht mitbeteiligen will an der beständigen Reform der Kirche und ihrer Strukturen. Es geht ja um nichts weniger  als um die Treue zum Evangelium, um die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses und der gesamten Verkündigung.“

 

An diesem Punkt schneidet sich die „Weltverantwortung“ der so genannten „Laien“ [und Laiinnen] mit ihrem Kirchendienst. Gerade wenn die Kirchenleitung auf verschiedenen Etagen die diesbezüglichen Notwendigkeiten nicht wahrnimmt, ist es Aufgabe und Verantwortung aller Getauften, hier möglichst gemeinsam voran zu gehen. Die Amazonas-Synode des letzten Jahres und ihre Aufarbeitung hat das Dilemma unübersehbar offen gelegt. Auch in anderen Regionen der Kirche wird strukturelles Neugestalten unerlässlich. An Vorschlägen und tauglichen Modellen mangelt es nicht. Schon ein Blick in die Praxis einzelner Schwesterkirchen und der (auch theologische) Austausch über Erfahrungen würden genügen; dass er unterbleibt oder zurückgewiesen wird, gleicht einer unerklärlichen doktrinellen Hybris des katholischen Lehramtes. Die Methode, eingefahrene Strukturschemata ohne das Angebot eines theologischen Erkenntnisfortschrittes ständig zu wiederholen, ist sicher nicht kompatibel mit der Grundidee einer kirchlichen Pilgerschaft „in der Welt von heute.“

Aber das Morgen entsteht im Heute, und wer im Gestern stehen bleibt, hat bereits das Heute verschlafen. Als „absolut unumkehrbar“ bezeichnet Bischof Franziskus die „Dynamik …, die dem Konzil eigen ist“. Dynamik ist eine Wirklichkeit, die aus dem Wirken des Geistes kommt. Sie setzt Beweglichkeit und Bewegung voraus, vor allem die stets gegebene Bereitschaft, dorthin aufzubrechen, wohin Gott führt. „Steh auf“ ist ein Imperativ, der die grossen biblischen Menschen durch ihr Leben begleitet, von Abraham (vgl. Gen 12,1) und Mose (Ex 3,10) über die Propheten (z. B. Jes 6,9; Jer 1,7) zu Josef, dem Mann Mariens (Mt 1,24; 2,14.21), bis zu Paulus (vgl. Gal 1,16). Selbst aufzustehen und aufzubrechen ist eine Eigenheit von Menschen, die erfüllt sind von diesem göttlichen Geist – wie Maria, die zu Elisabet aufbricht, damit die Frauen teilen und einander mitteilen können, wie der grosse Gott an den Kleinen handelt (vgl. Lk 1,39-56). Aufstehen und weitergehen, das ist auch die Haltung Jesu von Nazaret (vgl. Lk 4,42-44). Naiv wäre dagegen die Meinung, frau oder man könnte irgendwo Hütten bauen, weil es hier und jetzt so stimmig ist (vgl. Mk 9,5-6). „Camminare – edificare-costruire – confessare“ lautet der Dreischritt, den Bischof Franziskus am Tag nach seiner Wahl den Kardinälen mitgab, „gehen – aufbauen – bekennen“ also. Wir erinnern uns: Der Auftrag des Auferstandenen, alle Menschen zu Jüngerinnen und Jüngern zu machen und daher aufzubrechen, stand als biblisches Motto an der Eröffnung des Konzils (siehe oben Abschnitt 1.2). „Steh auf“ gilt auch uns in jedem neuen Heute.

 

Was ergibt sich aus den vom Konzil gelegten Grundlagen für die Tätigkeit eines solchen Zusammenschlusses von getauften Menschen und ihren Gruppierungen? Dafür möchte ich anhand verschiedener Eckpunkte einen zukunftstauglichen Rahmen skizzieren.

 

4.2 Unterwegs mit Gott

Die Kirche nimmt für ihren Aufbruch die biblische Überzeugung in Anspruch, dass Gott mit seinem Volk mitgeht, wie seinerzeit mit Israel durch die Wüste. Auch dort und dann, wenn Gott unsichtbar und sein Wirken nicht spürbar bleibt, gestaltet er sein Beziehungsangebot an die Menschen, wie es das Offenbarungsdokument des Konzils neu beschrieben hat: Eine Einladung Gottes an die Menschen zur Gemeinschaft und zum Leben (vgl. Dei verbum Art. 2), die sich im Christusgeschehen zu der einen Botschaft verdichtet: „Gott ist mit uns“ (Dei verbum Art. 4, vgl. Mt 1,23). Freilich: All dies nicht lärmend, sondern diskret, wie es die Art unseres Gottes ist. Auch heute gilt es, auf das Säuseln des Windes zu hören (vgl. 1 Kön 19,11-13).

 

4.3 Wahrnehmung der Welt

Die Aufmerksamkeit für das Heute ist für diesen Weg der Kirche und der Menschen in ihr keine Momentaufnahme, sondern methodische Grundhaltung. Aggiornamento kann nur gelingen, wenn die gegenwärtige Beschaffenheit der Welt ernstgenommen wird und wir den Mut haben, Schritte in diese Welt zu tun: Schritte des Wohlwollens, des Verstehens, des Weiterhelfens und des Entgegengehens. In welcher Situation auch immer gilt dabei das Grundprinzip Jesu, dass der Sabbat für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Sabbat (vgl. Mk 2,27). Ausnahmen zu diesem Leitsatz sind im biblischen Befund nicht vermerkt, also haben sie auch in einem Leben als Kirche keinen Platz. Erfreulicherweise sieht dies auch der gegenwärtige Bischof von Rom so:

„Die Erfahrung der Synode [Bischofsynode 2015 zu Ehefragen] hat uns auch besser begreifen lassen, dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern die, welche den Geist verteidigen; die nicht die Ideen, sondern den Menschen verteidigen; nicht die Formeln, sondern die Unentgeltlichkeit der Liebe Gottes und seiner Vergebung. Das bedeutet keineswegs, die Bedeutung der Formeln – sie sind notwendig! –, der Gesetze und der göttlichen Gebote zu schmälern, sondern die Größe des wahren Gottes zu preisen, der an uns nicht nach unseren Verdiensten und auch nicht nach unseren Werken, sondern einzig nach dem unbegrenzten Großmut seiner Barmherzigkeit handelt (vgl. Röm 3,21-30; Ps 130; Lk 11,37-54). Es bedeutet, die ständigen Versuchungen des älteren Bruders (vgl. Lk 15,25-32) oder der eifersüchtigen Arbeiter (vgl. Mt 20,1-16) zu überwinden. Ja, es bedeutet, die Gesetze und die Gebote, die für den Menschen geschaffen sind und nicht umgekehrt (vgl. Mk 2,27), noch mehr zur Geltung zu bringen.“

 

Vorrangig ist demgegenüber die uneingeschränkte Solidarität mit Menschen in Not. „Für Menschen in Not, gleichgültig aus welchem Grund, gibt es keine Aufrechnung, sondern nur die Pflicht zur Hilfe. Für Menschen in Not ist es auch gerechtfertigt, den anderen Mitmenschen zusätzliche Lasten aufzuerlegen.“ Dieses solidarische Handeln kann auch nicht durch politische Plausibilitätsrechnungen ersetzt werden. Was zählt, ist einzig die Hilfe für jeden einzelnen betroffenen Menschen nach Massgabe der eigenen Möglichkeiten, und zwar jetzt. Diese Möglichkeiten sind meistens grösser als zunächst angenommen.

Frau oder man lese dazu das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Dem Menschen, der vor ihm lag, hatte er zu helfen, nicht allen Überfallenen der antiken Welt; an ihm durfte er nicht vorübergehen (siehe Lk 10,30-37). „Weil sonst alle kommen könnten …“ ist eine opportunistische Ausrede, die nichts mit einer christlichen Wertehaltung zu tun hat und sich sicher nicht auf die Praxis Jesu von Nazaret berufen kann. Was sonst aber sollte für Christinnen und Christen wirklich wegleitend sein?

Solidarität kann als eine Vorstufe für die schon zu Konzilszeiten geforderte Option für die Armen gelten. Nach Lk 4,18 („… um den Armen das Evangelium zu verkünden, hat er [Gott] mich gesandt“) gehört sie zu den Grundelementen der Sendung Jesu und damit auch der Jesusnachfolge. Wie dringend ihre Verwirklichung heute notwendig wäre, muss nicht erläutert werden. Keine Christin und kein Christ kann sich diesem Imperativ entziehen.

Manche Zeichen der Zeit, welche Johannes XXIII. bereits im Jahre 1963 identifiziert hat, sind auch heute nach wie vor wahrnehmbar: Die wachsende Bedeutung der Menschenrechte, die Präsenz der Frau in der Gesellschaft, die soziale Frage. Hinzu kommen das Faktum der Globalisierung, die angedeutete wachsende Kluft zwischen arm und reich, das zunehmende Diktat des Finanz- und Wirtschaftssektors in der Gesellschaft, der Wandel der Werte, der gerade angesichts Covid 19 sichtbar wird, das Nord-Süd-Gefälle, die Aufmerksamkeit für und die Sorge um die Schöpfung sowie um das Lebensrecht jedweder Form menschlichen Lebens, die Bedeutung von Religion in der säkularen Gesellschaft – und andere. Diese Zeichen der Zeit (signa temporum) zu erforschen (vgl. Gaudium et spes Art. 4) ist eine beschreibende, keine unterscheidende oder gar beurteilende Methode. Die Auslegung dieser Zeichen der Zeit „im Lichte des Evangeliums“ (vgl. Gaudium et spes 4) ist erst ein zweiter, also ein eigener Schritt. Er schliesst auch säkulare Phänomene mit ein, die deshalb nicht von vorneherein mit der Klassifizierung „Zeitgeist“ relativiert und disqualifiziert werden dürfen. Daher kann der entsprechenden Analyse von Benedikt XVI. nicht zugestimmt werden.

 

4.4 Als Getaufte leben

Nach dem bisher Gehörten mag es Sie nicht verwundern, wenn ich nochmals auf die Taufe zu sprechen komme. Denn es soll auch nicht der Eindruck entstehen, dass ich Ihnen hier einen Leistungsparcours skizzieren möchte, vor dessen Anforderungen wir lieber gleich resignieren. Es ist wohl deutlich geworden, dass die Vorgegebenheit der eigenen Taufe eine inhaltliche Vertiefung und Aktualisierung braucht. Vielfach haben wir an dieses Geschehen eine Kindheitserinnerung oder aufgrund der Kleinkindertaufe lediglich eine Kenntnis aus Erzählungen oder medialen Dokumentationen. Die Tauferneuerung der Osternacht oder bei anderen Anlässen kommt über das Formal-Rituelle selten hinaus. Es geht um die Förderung eines Bewusstseins mit kognitiver Vertiefung und Reflexion sowie mit sozioreligiösen Implikationen. Vielfach ist auch in diesem Bereich unser Glaubenswissen in den Kinderschuhen geblieben, auch hier braucht es ein aggiornamento, ein Aufdatieren unseres Wissensstandes und eine Aktualisierung unseres diesbezüglichen Selbstverständnisses.

Die Vielfalt des biblischen Befundes bietet dafür zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten. Vor allem wird darin deutlich: Ich bin nicht allein. Das immer wiederkehrende „mit Christus“ bleibt massgeblich für meinen, für unseren Lebensweg. Es konkretisiert sich in dem schon dargelegten Bild von Jesus Christus als dem neuen Gewand des Menschen – einem Gewand, das alles andere überdeckt und unbedeutsam macht. Die Herausforderung einer auf dieser Vorstellung aufbauenden Lebenshaltung kann (und muss!) auf die verschiedensten Lebensbereiche ausgedehnt werden, soll sie der radikalen Kompromisslosigkeit von Wort und Tat Jesu gerecht werden, bzw. dem einigermassen entsprechen. Für Paulus ergibt sich daraus letztendlich die Erfahrung und Konsequenz: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

 

4.5 Synodales Miteinander

Das angesprochene Mit-Sein bezieht sich allerdings auch auf die in der Kirche gegebene Lebens- und Gesinnungsgemeinschaft. Sie trägt mich in meiner Verantwortung mit, entlastet mich darin einmal, ein anderes Mal baut sie auf meine Kraft. Gerade für kirchliche Gremien und Gemeinschaften ist dieses Bewusstsein essentiell.

Es ist wohl zur Genüge deutlich geworden, dass es in der Kirche Jesu Christi kein oben und unten, kein hierarchisierendes Stände-Denken geben darf. Autorität und Leitung müssen geschwisterlich ausgeübt werden. Gemäss dem Vorbild Jesu gilt eine Haltung des Dienstes als Leitungsprinzip (siehe Mk 10,41-45). Ich wüsste um kein Gremium und keine Institution in der Kirche, wo dieses Vorbild Jesu ausser Kraft zu setzen wäre. Freilich bedeutet dies auch, dass die unselige Unterscheidung in Klerus und Laien zu überwinden wäre und in den Vordergrund die Vorstellung von dem einen Volk Gottes tritt, das ohne Unterschied aus getauften und damit geistbegabten Menschen besteht – unbeschadet der Zuteilung verschiedener Aufgaben und Dienste in Übereinstimmung mit dem Bild vom Leib, zusammengehalten nur von dem einem Haupt: Jesus Christus (vgl. dazu Lumen gentium Art. 30, als biblischer Hintergrund  Eph 4,15-16).  „Als Leib Christi sprechen, handeln und antworten, bedeutet auch, in der Art und Weise Christi mit den gleichen Handlungen, mit derselben Umsicht und denselben Prioritäten zu sprechen und zu handeln.“

 Dass dies eine sehr grosse Herausforderung für die betroffenen Akteurinnen und Akteure darstellt, ist keine Frage. Verkündigung und Praxis Jesu lassen keinen anderen Weg in der Kirche zu. Dies gilt für alle Ebenen. Zu Recht schauen wir dabei kritisch nach oben. Dieser Blick muss sich ebenso kritisch in das eigene Umfeld  richten – dorthin, wo wir in irgendeiner Weise Autorität oder Leitungsaufgaben ausüben.

Entscheidungsfindungen in der Kirche, sind keine einfachen Mehrheitsentscheide. Daher ist m. E. auch die Wortfamilie „Demokratie“ mit Zurückhaltung zu verwenden. Entscheidungen in dieser Glaubensgemeinschaft dürfen nicht davon geprägt sein, dass eine Mehrheit oben auf ist, sondern dass gemeinsam ein Weg gefunden wird, der die Zustimmung und Übereinstimmung möglichst vieler zum Ausdruck bringt. Die Überlieferung nennt dies synodal. Das griechische Wort setzt sich bekanntlich aus der Silbe syn und einer Ableitung von (h)odos zusammen. Die Verwandtschaft von synodal und Synode ist erkennbar. Die erste Silbe steht für „mit“ – also gemeinschaftlich, alle einschliessend, miteinander. Die zweite Silbe verweist auf (h)odos, den Weg.

Gerade für Gruppierungen in der Kirche ist dieses Prinzip des Miteinanders unerlässlich. Bischof Franziskus hat dies in seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland deutlich hervorgehoben:

„Synodalität von unten nach oben, das bedeutet die Pflicht, für die Existenz und die ordnungsgemässen Funktionsvorgänge der Diözese, der Räte, der Pfarrgemeinden, für die Beteiligung der Laien Sorge zu  tragen. … So ist es nicht möglich, eine grosse Synode zu halten, ohne die Basis in Betracht zu ziehen … Dann erst kommt die Synodalität von oben nach unten.“

 

Die Entscheidungsfindungen im Rahmen der Kirche müssen erkennbar machen, dass und wie die Kirche gemeinsam unterwegs ist. Das erfordert auch ein gleiches Stimmrecht für alle Beteiligten. Bei der Würzburger Synode  (1971-1975) hatten alle teilnehmenden Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laiinnen sowie Laien je eine Stimme. Dies geschah überdies mit Zustimmung des damaligen Bischofs von Rom (Paul VI.). Warum generell nicht anhand dieses Präzedenzfalls weitergearbeitet wurde, ist ungeklärt. Zu verweisen ist allerdings auf die 3. Versammlung des Volkes Gottes am Xingu, die im November 1994 von Erwin Kräutler organisiert und präsidiert wurde. Bei dieser Konferenz, an der die Pastoral für dieses Amazonas-Gebiet beraten und deren Leitlinien beschlossen wurden, hatten alle ca. 400 Delegierte ungeachtet der Art ihres Dienstes in der Kirche gleiches und gleich gewichtetes Stimmrecht. Auch der generelle Genehmigungsvorbehalt gegenüber Beschlüssen von verschiedenen Gremien oder gar ein statutarisches Vetorecht gegen diese ist zu hinterfragen und m. E. grundsätzlich zu vermeiden. Denn der Eindruck einer Bevormundung besteht zu Recht, und er wird ebenso vielfach zu Recht als Mangel an Vertrauen in die Kompetenz und den guten Willen der Betroffenen verstanden. Subsidiarität in der Kirche muss auf und zwischen allen Ebenen nach Regeln gelebt werden, die dem Grundschema des gemeinsamen Leibes nicht zuwiderlaufen, sondern dieses fördern.

Entscheidungen dienen dem Unterwegs-Sein von Kirche, sie sollen es ermöglichen, erleichtern, unterstützen. Ich hoffe, Ihnen ist auch die Assoziation zum Volk Gottes in den Sinn gekommen, das gemeinsam unterwegs ist, dabei einander geschwisterlich unterstützt und, wenn nötig, gemeinsam, durchaus unter der Führung von entsprechenden Leitpersonen, Optionen für diesen Weg trifft, mit lebendiger Wachsamkeit eingebettet in das konkrete Umfeld des jeweiligen Wegstücks und verantwortet rückgebunden an die Botschaft Jesu und an das (biblische) Zeugnis über ihn.

 

 

4.5 Eindeutigkeit

Getaufte Menschen und Kirche insgesamt im Grossen und im Kleinen wird sich klar positionieren müssen – einfach deswegen, weil sich Jesus von Nazaret in den Fragen seiner Lebenswirklichkeit positioniert hat. Wir spüren selbst, dass uns die Themen etwas abverlangen, weil es nicht um Kompromisse, sondern um klare Positionen, biblisch gesprochen: um Zeugnis geht. In einer „aktualisierte(n) ‚Tagesordnung‘“ nach dem Konzil steht der „Vorrang des gelebten Zeugnisses“ an erster Stelle.

Die kirchliche Gemeinschaft ist dort am glaubwürdigsten, wo sie nur einen Rückhalt hat: Das Evangelium. „Ich habe mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen ausser Jesus Christus, und diesen als Gekreuzigten“ bekennt Paulus gegenüber der Kirche von Korinth (1 Kor 2,2); so habe sich seine Verkündigung ausschliesslich auf den Erweis von Geist und Dynamik gestützt, bekennt der Apostel, „damit euer Glaube sich nicht auf die Weisheit der Menschen abstütze, sondern auf die Kraft Gottes“ (1 Kor 2,5). Deshalb wird Kirche eben entweder eine dienende Kirche sein, oder sie ist nicht die Kirche Jesu Christi. Und Kirche wird eben eine arme Kirche sein, will sie sich tatsächlich auf den berufen, von dem sie sich herleitet: Jesus von Nazaret. Spätestens die Einleitungssätze der Pastoralkonstitution lassen erkennen, dass dies bereits die Sichtweise des Konzils war. Die angemahnte Solidarität mit allen Menschen, insbesondere den „Armen und Bedrängten aller Art“, und zwar in guten und in schlechten Tagen, in „Freude und Hoffnung“ also wie auch in „Trauer und Angst“ – die Mahnung zu dieser Solidarität ist der massgebliche Wegweiser, den das Konzil der Kirche und den Menschen in der Kirche aufgestellt hat. Nochmals mit den Worten von Bischof Franziskus könnte frau oder man also von der Notwendigkeit einer „pastoralen Bekehrung“ sprechen:

„Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit ‚dem grauen Pragmatismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt‘.“

 

Ausleitung

Abschliessend komme ich nochmals auf den Eröffnungstag des Konzils zu sprechen. Gleich zu Beginn seiner Ansprache brachte es Johannes XXIII. auf den Punkt:

„Die grosse Herausforderung, vor die sich die Menschheit gestellt sieht, besteht auch nach fast 2000 Jahren unverändert weiter. In seiner Herrlichkeit macht Christus immer noch die Mitte der Geschichte und des Lebens aus. …“

 

Jesus Christus – die Mitte der Geschichte und des Lebens: Das ist der Anspruch, vor den auch wir heute immer neu stellt sind: Sie, ich, die Gremien und Gruppierungen, die Sie vertreten, die im Laienrat miteinander verbunden sind. Zu dieser These des Bischofs von Rom gibt es nur zwei Antworten. Daran scheiden sich die Geister, die Gesellschaftsformen, politische Optionen, soziale Spielregeln und persönliche Lebensentwürfe.

Das Konzil wollte für die zustimmende Antwort werben und dabei alles tun, um sie den Menschen plausibel zu machen und zu ermöglichen. Das bleibt auch unsere Aufgabe heute und für die kommenden Jahrzehnte – repräsentativ für die Gruppierungen, die hinter uns stehen, vor allem zugleich auch persönlich-existentiell als Menschen, die in der Kirche Jesu Christi als Getaufte leben.

 

1 Diese Ankündigung erfolgte in einer Ansprache von Johannes XXIII. an die in Rom anwesenden Kardinäle am 25. Jänner 1959 in St. Paul vor den Mauern: Acta et documenta Concilio Oecumenico Vaticano II apparando Series I, vol. I. Rom 1960, 3-6. Siehe dazu Giuseppe Alberigo, Die Ankündigung des Konzils, in: Ders. / Klaus Wittstadt (Hrsg.), Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils I, Mainz 1997, 1-60, hier 1-7.

2 Acta et Documenta I, II, 1, Rom 1960, 75-85, hier 77 (Abschnitt I. De doctrina, n. 4).

3 Ebenda 85.

4 Ebenda 62.

5 Siehe ebenda 95-98, hier 96.

6 Ebenda 63. Im Zusammenhang mit dem vorliegenden Thema ist auch die von den Bischöfen gewählte Terminologie zu beachten: Kardinal König spricht von den fideles (ebenda 77), Bischof Josef Köstner von Gurk-Klagenfurt bezieht sich in seiner Eingabe auf den populus Christianus (ebenda 61).

7 Siehe bes. Johannes XXIII., Ansprache Prima Sessio Concilii zum Abschluss der ersten Sitzungsperiode des Konzils am 8. Dezember 1962, in: Acta synodalia Sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani I, IV, Rom 1971, 643-649, hier 647; schon davor unter vielen Beispielen: Ders., Generalaudienz am 9. Mai 1962, in: Acta et Documenta II, I, 238: „Das Ökumenische Konzil wird, wenn es Gott gefällt, ein neues Pfingsten sein“ (Arbeitsübersetzung WK); ders., Brief an Kardinal Giovanni Battista Montini vom 12. September 1962: „Wie ein tiefer Atemzug steigen die Gebete der ganzen Kirche empor, auf dass das Licht und die Gnade des Heiligen Geistes den Arbeiten der Konzilsvorbereitung vorausgehe und sie unterstütze.“ in: Acta et Documenta II, I, Rom 1964, 355-356, hier 356 (Arbeitsübersetzung WK).

8 Johannes XXIII., Ansprache Gaudet mater Ecclesia vom 11. Oktober 1962, in: Acta synodalia  II, I, I, Rom 1970, 166-175, hier 175.  Eine Gegenüberstellung von lateinischem und italienischem Text und deutscher Übersetzung findet sich bei Ludwig Kaufmann / Nikolaus Klein, Johannes XXIII. Prophetie im Vermächtnis, Fribourg/Brig 21990, 116-150, Übersetzung hier 147-148 (Abschnitt 22).

9 Zur Abfolge der liturgischen Feierelemente am Eröffnungstag siehe u. a. Walter Kirchschläger,  Kirche im Aufbruch. Der Weg zum Konzil. (Kardinal König Bibliothek 1), Wien 2012, 90-92. Die Texte dieser Sitzung siehe in Acta Synodalia I, I, Rom 1960, 155-176.

10 Siehe zum angesprochenen Kirchenbild Klaus Wittstadt, Papst Johannes XXIII. als Initiator des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Ders., Aus der Dynamik des Geistes. Aspekte der Kirchen- und Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts, Würzburg 2004, 148-163, hier 151-157.

11 Johannes XXIII., Rundfunkansprache La grande aspettazione vom 11. September 1962, in: Acta et Documenta II, I, Rom 1964, 348-355, hier 350; Übersetzung in: Peter Hünermann / Bernd Jochen Hilberath (Hrsg.), Die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils: Theologische Zusammenschau und Perspektiven. (Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil 5), Freiburg  2006, 476-481, hier 477.

12 Siehe die „offizielle“ Aufzählung in Anm. 2 des Dekrets Apostolicam actuositatem Art. 2. Sie ist durch einen generellen Hinweis auf die (erst nach diesem Dekret verabschiedeten) Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes zu ergänzen.

13 Konstitution Sacrosanctum Concilium über die Heilige Liturgie (1963). Siehe dazu besonders die Art. 14, 19, 30, 50, 114, 121, 124 in diesem Dokument.

14 Sacrosanctum Concilium Art. 33.

15 Der Sprachgebrauch der Liturgiekonstitution belegt diese Veränderung: In den Art. 5, 13, 21 (2mal), 33 (2mal), 36, 42 49, 51, 52, 54 (2mal). 63 und 113 wird die Gottesdienstgemeinschaft als „Volk“ bezeichnet, in Art. 29 als „Volk Gottes“, sodann als „heiliges Gottesvolk“ (Art. 41), bzw. als „heiliges Volk“ (Art. 33).

16 Gotteslob 1975, Nr. 639 und Gotteslob 2013, Nr. 478, jeweils bes. Strophe 3 und 5.

17 So in Sacrosanctum Concilium Art. 44, 55, 79, 95c, 100.

18 Siehe so ebenda Art. 41, 42, 50, 51, 53, 55, 56, 59 (2mal), 61, 68, 73, 78, 79, 101, 102, 104, 105, 106, 107, 108, 109 (2mal), 110, 111, 112, 114, 118, 120, 121, 124, 125 (2mal), 127.

19 Ebenda Art.  54, 57 § 1.2a, 84, 106.

20 Katechismus der Katholischen Kirche, Oldenbourg u. a.1993, Nr. 2042; das Kompendium des Katechismus, München 2005, Nr. 432 verbessert zumindest sprachlich auf „an der Messe teilnehmen“.

21 Siehe Kongregation für den Gottesdienst, Schreiben Quattuor abhinc annos vom 3. Oktober 1981, in: Acta Apostolicae Sedis 76 (1984) 1088-1089; Johannes Paul II., Motu Proprio Ecclesia Dei vom 2. Juli 1988, bes. Abschnitt 5.c) und 6.c); Benedikt XVI., Apostolisches Schreiben Summorum Pontificum über den Gebrauch der Römischen Liturgie in der Gestalt vor der Reform von 1970, vom 7. Juli 2007.

22 Kurt Koch, Zwei Formen des einen römischen Messritus. Liturgietheologische Hinführung zum Motu Proprio von Papst Benedikt XVI., in:

http://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=15&ved=2ahUKEwiD2fi31rvgAhUQuRoKHXY2DVwQFjAOegQICxAC&url=http%3A%2F%2Fm.bischoefe.ch%2Fcontent%2Fdownload%2F4982%2F41497%2Ffile%2F05.pdf&usg=AOvVaw3auHH5zfYYv9n0TbxWJHTv [eingesehen am 20. September 2020].

23 Siehe dazu Sacrosanctum Concilium Art. 50: „Der Mess-Ordo soll so überarbeitet werden, dass der eigentliche Sinn der einzelnen Teile und ihr wechselseitiger Zusammenhang deutlicher hervortreten und die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen erleichtert werde.“

24 Siehe Benedikt XVI., Apostolisches Schreiben Summorum Pontificum Art. 10.

25 Siehe dazu Helmut Krätzl, Sind die „neue“ und die „alte“ Messe austauschbar?, in: Ders., Meine Kirche im Licht der Päpste. Von Pius XII. bis Franziskus, Innsbruck 2016, 162-163.

26 Antonio Spadaro, Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg 2013, 57-58 [Hervorhebung im Text].

27 Paul VI., Ansprache In signo Sanctae Crucis bei der Eröffnung der dritten Sitzungsperiode des Konzils am 14. September 1964, in: Acta synodalia III, I, Rom 1973, 140-151, hier 141. Übersetzung in: Peter Hünermann / Bernd Jochen Hilberath, Dokumente 523-533, hier 523.

28 Das genaue Votum lautete: 2151 Ja-Stimmen, 5 Nein-Stimmen.

29 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium Art. 1: „Lumen gentium cum sit Christus …“ [Hervorhebung WK].

30 Ausführlicher dazu Walter Kirchschläger, Christus im Mittelpunkt. Impulse für das Christsein, Wien 2014, hier 87-93.

31 Im Einzelnen werden in Lumen gentium Art. 6 die folgenden Bilder bedacht: Die Kirche als Schafstall,  als Pflanzung oder Acker Gottes, als Gottes Bauwerk, Haus Gottes und heiliger Tempel, als das obere Jerusalem, als makellose Braut des Lammes.

32 So Lumen gentium Art. 7 unter Hinweis auf 1 Kor 12,13.

33 Lumen gentium Art. 8, Zitat aus Augustinus, Gottesstaat XVIII, 51, 2.

34 Der Geist des Herrn erfüllt das All, 4. Strophe: Gotteslob 2013, 347.

35 So die offizielle Übersetzung der kontroversen Formulierung „Haec Ecclesia … subsistit in Ecclesia catholica“ in Lumen gentium Art. 8.

36 Lumen gentium Art. 7, siehe oben Abschnitt 2.2.

37 Die Wendung „Und er hauchte sie an“ (Joh 20,22) ist wörtliches Zitat aus Gen 2,7; sie wird folgerichtig mit dem Imperativ fortgesetzt: „Empfangt heiligen Geist“.

38 Siehe Röm 6,3-8. Diese (achte) Lesung im Wortgottesdienst der Eucharistiefeier der Osternacht darf (im Gegensatz zu den voranstehenden) nicht ausfallen. Sie ist also für das Verstehen des Osterfestes konstitutiv.

39 Ausführlich bei J. Albert Harrill, Coming of Age and Putting on Christ: The toga virilis Ceremony, its Paraenesis and Paul’s Interpretation of Baptism in Galatians, in: Novum Testamentum 44 (2002) 252-277.

40 Siehe dazu Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei verbum (1965), Art. 2: „Gott hat es in seiner Güte und Weisheit gefallen, sich selbst zu offenbaren und das Sakrament seines Willens kund zu tun (vgl. Eph 1,9), in dem die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden [an] seiner göttlichen Natur (vgl. Eph 2,18; 2 Petr 1,4). In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15: 1 Tim 1,17) aus dem Überströmen seiner Liebe die Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33,11; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen.“ Siehe zur theologischen Begründung Walter Kirchschläger, Auf Augenhöhe. Eine bibeltheologische Vorgabe, in: Ders. Zwischenhalte. Biblische Impulse auf dem Lebensweg, Berlin 2020, 7-20, zum zitierten Konzilstext ebenda 21-34.

41 Siehe so 2 Kor 1,22, vgl. Eph 1,13; 4,30 sowie Offb 7,3. sowie den Zuspruch der das Sakrament spendenden Person in der Feier der Firmung, mit welcher die Taufe gleichsam vollendet wird: „NN, sei besiegelt mit der Gabe Gottes, dem heiligen Geist.“

42 Der Ursprung dieser Sichtweise liegt in den johanneischen so genannten Immanenzformeln. Siehe dazu grundlegend Klaus Scholtissek, In ihm sein und bleiben. Die Sprache der Immanenz in den johanneischen Schriften. (Herders Theologische Studien 21), Freiburg 2000.

43 Siehe die Darstellung von Vorbereitung, Ablauf und Ergebnis dieser Bischofsynode bei Stefan Ley, Kirche Jesu Christi als Communio. (Theologie im Dialog 18), Freiburg 2017, 122-143.

44 Kirche – unter dem Wort Gottes – feiert die Geheimnisse Christi – zum Heil der Welt. Schlussdokument der zweiten ausserordentlichen Bischofssynode vom 9. Dezember 1985.

45 Siehe die Begründung für dieses Kirchenbild bei Walter Kasper, Bewahren oder Verändern? Zum geschichtlichen Wandel von Glaube und Kirche, in: Ursula Struppe / Josef Weismayer (Hrsg.), Öffnung zum Heute. Die Kirche nach dem Konzil, Innsbruck 1991, 131.Zu einer entsprechenden Diskussion beider Kirchenbilder siehe Herbert Haslinger, Pastoraltheologie, Paderborn 2015, 321-332.

46 Zu den Vorzügen dieses Kirchenbildes des Konzils aus der Sicht von Bischof Franziskus siehe Antonio Spadaro, Das Interview mit dem Papst, Freiburg 2013, hier bes. 43-44 und 53-55, des weiteren Herbert Haslinger, Das II. Vatikanum und die Pastoraltheologie, in: Theologisch-praktische Quartalschrift 167 (2019) 56-69, hier 56-59.

47 Paul VI., Ansprache Post duos menses zum Abschluss der dritten Sitzungsperiode des Konzils am 21. November 1964, in: Acta synodalia III, VIII, Rom 1976, 909-918, hier 911. Übersetzung bei Peter Hünermann / Bernd Jochen Hilberath, Dokumente 533-542, hier 535 [Hervorhebung WK].

48 Bischof Franziskus, Homilie bei der Eucharistiefeier in Santa Marta am 21. Mai 2013, in:

http://de.radiovaticana.va/news/2013/05/21/papst_franziskus:_absage_an_machtk%C3%A4mpfe_in_der_kirche/ted-694026 [eingesehen am 20. September 2020]; ausführlicher dazu Ders., Ansprache an die römische Kurie vom 22. Dezember 2014:

//http_w2.vatican.va/?url=http%3A%2F%2Fw2.vatican.va%2Fcontent%2Ffrancesco%2Fde%2Fspeeches%2F2.

[eingesehen am 20. September 2020].

49 Siehe Lumen gentium, Art. 7, dazu oben Abschnitt 2.2.

50 Vgl. aus der umfangreichen Literatur jetzt vor allem das Themenheft Diakone, Witwen, Presbyter. Ämter in der frühen Kirche: Welt und Umwelt der Bibel 25 / Heft 3 (2020); grundlegend darin Martin Ebner, Alles muss seine (römische) Ordnung haben? Aufgabenteilung und Leitungsstrukturen in frühchristlichen Gemeinden: ebenda 9-16. Des weiteren Walter Kirchschläger, Ohne Einschränkung durch Geschlecht und Lebensstand. Zur biblischen Grundlegung kirchlicher Dienste, in: Orientierung 71 (2007) 31-36.

51 Paul VI., Motu proprio Ministeria quaedam vom 15. August 1972, in: Acta Apostolicae Sedis 64 (1972) 529-534. Die weitere Vorgangsweise ist dokumentiert bei Walter Kirchschläger, Gott spricht ins heute. Die Aktualität biblischer Gemeindehoffnungen, in: Walter Krieger / Balthasar Fischer (Hrsg.), Gemeinden der Zukunft – Zukunft der Gemeinden, Würzburg 2001, 106-129, hier Anm. 28.

52 1 Klem 40,5: „Dem Hohenpriester [to archierei] nämlich sind eigene dienstliche Handlungen übertragen, und den Priestern [tois hiereusin] ist ein eigener Platz zugewiesen, und Leviten [leuitas] obliegen eigenen Dienstleistungen. Der Mensch aus dem Volk [ho laikos anthropos] ist an die für das Volk [tois laikois] geltenden Vorschriften gebunden.“ Zum vorliegenden Abschnitt vgl. den Kommentar von Horacio E. Lona, Der erste Clemensbrief. (Kommentar zu den Apostolischen Vätern 2), Göttingen 1998, 432-435.

53 Siehe dazu massgeblich Herbert Haag, Worauf es ankommt. Wollte Jesus eine Zwei-Stände-Kirche?, Freiburg 1997, hier 84-87.

54 Ausführlich zu dieser Fragestellung ebenda.

55 Lumen gentium  Art. 32,2 [Hervorhebungen WK].

56 Botschaft an die Jugend vom 8. Dezember 1965, in: Acta synodalia IV, VII, Rom 1978, 883-884, hier 883; Übersetzung in: Peter Hünermann/Bernd Jochen Hilberath, Dokumente 582-583, hier 582.

57 Johannes XXIII, Ansprache Gaudet Mater Ecclesia, in: Acta synodalia I, 1, hier 171-172. Übersetzung in: Ludwig Kaufmann/Nikolaus Klein, Johannes XXIII., hier 135-136.

58 Ebenda.

59 Johannes XXIII., Radioansprache La grande aspettazione, hier 349-350. Vgl. dazu dann vor allem Gaudium et spes, hier Art. 2 und 4.

60 Bischof Franziskus, Homilie in der Eucharistiefeier in Santa Marta am 16. April 2013, in:

http://de.radiovaticana.va/news/2013/04/16/papst_franziskus_bem%C3%A4ngelt_umsetzung_des_zweiten_vatikanums/ted-683281 [Eingesehen am 30. September 2020].

61 Siehe dazu Buchtitel und Buch von Helmut Krätzl, Im Sprung gehemmt. Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt, Wien-St. Gabriel 41998.

62 Ausführlicher dazu ders., Das Konzil – ein Sprung nach vorwärts, Wien 2012.

63 Vgl. z. B. Johannes Paul II.: „Das Zweite Vatikanum [war] immer und zumal in diesen Jahren meines Pontifikats ständiger Bezugspunkt für mein ganzes pastorales Wirken, und ich war bewusst bemüht, seine Weisungen konkret und genau für jede Einzelkirche und die Gesamtkirche anzuwenden.“ In: L’Osservatore Romano vom 25. Jänner 1985.

64 Beispiele bei Walter Kirchschläger, „Die Kirchen Gottes (die in Judäa sind) in Christus Jesus (1 Thess 2,14). Anmerkungen zur Präambel einer Kirchenverfassung. Abschiedsvorlesung. (Luzerner Universitätsreden 23), Luzern 2012, 7-8.

65 So der Titel eines von Franz König herausgegebenen Tagungsberichtes: Zentralismus statt Kollegialität? Kirche im Spannungsfeld. (Schriften der Katholischen Akademie in Bayern  134), Düsseldorf 1990, dort bes. die Einführung des Herausgeber, 9-15.

66  Bernhard Häring, Meine Erfahrung mit der Kirche, Freiburg 51990, 106.

67 Als Beispiele können genannt werden: Zulassungsfragen zum so genannten „Amt“, Stellung der Frau in der Kirche, Sexualmoral, (theologisches) Verständnis von Laien und so genannten „Laientheologen und –theologinnen“, Inkulturation des kirchlichen Lebens und Einheit in der Vielfalt; schliesslich die vielfach halbherzige Praxis in Fragen der Armut, der Migration und der Wirtschaftsethik, usw.

68 Antonio Spadaro, Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg 2013, 57.

69 Bischof Franziskus, Homilie in der Eucharistiefeier in der Sixtinischen Kapelle am 14. März 2013, in: Papst Franziskus, „Und jetzt beginnen wir diesen Weg“, Freiburg 2013, 17-19; dazu Walter Kirchschläger, Christus im Mittelpunkt 165-170.

70 Siehe Bischof Franziskus, Ansprache zum Abschluss der Bischofssynode 2015 am 24. Oktober 2015, in:

http://de.radiovaticana.va/news/2015/10/25/die_ansprache_von_papst_franziskus_an_die_synodenteilnehmer/1181940 [eingesehen am 30. September 2020].

71 Rudolf Kirchschläger, Ins Heute gesprochen. Hrsg. v. Walter Kirchschläger, Wien 2015, 53.

72 Siehe vor allem Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris vom 11. April 1963, in: Acta Apostolicae Sedis 55 (1963) 257-304, bes. Art. 21-25.

73 Grundlegende Hinweise dazu bei Peter Hünermann,  Zur theologischen Arbeit am Beginn des dritten Milleniums, in: Ders. (Hrsg.), Das Zweite Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute, Freiburg 2006, 569-593, sowie Christoph Theobald, Zur Theologie der Zeichen der Zeit. Bedeutung und Kriterien heute, in: Ebenda, 71-84, bes. 72-78.

74 In seiner Predigt in der Eucharistiefeier Pro Eligendo Romano Pontifice am 18. April 2005 beklagte Kardinal Joseph Ratzinger neben zahlreichen Ismen schliesslich eine „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Mass nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“. In: Der Anfang. Papst Benedikt XVI. – Joseph Ratzinger, Predigten und Ansprachen April / Mai 2005. (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 168), Bonn 2005, 12-16, hier 14.

Siehe dazu die schwarz-weiss malende Konzilshermeneutik von Benedikt XVI., exemplarisch vorgetragen in der vorweihnachtlichen Ansprache an die Römische Kurie am 22. Dezember 2005, in: Acta Apostolicae Sedis 96 (2006) 40-53. Darin wird zwischen einer „ermeneutica della discontinuitá e della rottura“ [!] und einer „ermeneutica della riforma“ unterschieden (46-51, Zitat 46). Dass diese Terminologie irreführend ist, zeigt der als Folgerung formulierte Rückblick auf das Konzil: „Il passo fatto dal Concilio verso l’età moderna, che in modo assai impreciso e stato presentato come ‚apertura verso il mondo‘, appartiene in definitiva al perenne problema del rapporto tra fede e ragione, che si ripresenta in sempre nuove forme.“ (51). („Der vom Konzil vollzogene Schritt auf die moderne Zeit zu, der in allzu unpräziser Weise als ‚Öffnung gegenüber der Welt‘ vorgestellt wurde, bezieht sich definitiv auf das zeitübergreifende Problem des Verhältnisses zwischen Glaube und Verstand, das sich in jeweils neuen Formen manifestiert“). [Arbeitsübersetzung WK].

75 Es fügt sich gut, dass das Konzil in diesem Punkt auf den bischöflichen Leitspruch von Kardinal Franz König aus Eph 5,15 zu sprechen kommt: veritatem facientes in caritate. Siehe dazu Walter Kirchschläger, Ob die Bibel irren kann? Das Gottesprojekt Bibel. (Kardinal König Bibliothek 5), Wien 2014, 16-20.

76 So Bischof Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland vom 29. Juni 2019, Art. 12.

77 Siehe entsprechende Erwägungen bereits im Blick auf die Mehrheitsfindung beim Konzil bei Hans Küng, Kirche im Konzil. (Herber Bücherei 140), Freiburg 1963, 71-76.

78 Bischof Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, Art. 3.

79 So berichtet Helmut Krätzl, Das Konzil – ein Sprung vorwärts, Innsbruck 2012, 97-98.

80 Das geht aus der Dokumentation dieses Anlasses hervor: Erwin Kräutler, 3. Versammlung des Volkes Gottes am Xingu, 23. bis 27. November 1994, Altamira (Privatdruck) 1995, zum konkreten Arbeitsverfahren hier bes. 2-3.

81 So Bernd Jochen Hilberath, Alte und neue Herausforderungen angesichts sich wandelnder Zeichen der Zeit, in: Peter Hünermann, Das Zweite Vatikanische Konzil und die Zeichen der Zeit heute, 594-609, hier 603-604.

82 Bischof Franziskus, Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland, Art. 6 (mit Zitat aus Evangelii gaudium Art. 83).

83 Johannes XXIII., Ansprache Gaudet Mater Ecclesia, in: Acta Synodalia I, 1, Rom 1970, hier 167. Übersetzung bei Ludwig Kaufmann / Nikolaus Klein, Johannes XXIII., hier 120.