Stellungnahmen & Vorträge

GEORG RUBEL: Zur Freiheit hat uns Christus befreit.

GEORG RUBEL: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1) –

Bibeltheologische Betrachtungen zum Verhältnis von Gesetz und Freiheit

im Alten und Neuen Testament*

 

I.                   Wie ist das Verhältnis von Gesetz und Freiheit zu bestimmen?

 

"Legum denique idcirco omnes servi sumus, ut liberi esse possimus. Deshalb sind wir alle schließlich Sklaven der Gesetze, damit wir frei sein können.“[1] So formuliert es der römische Rhetor, Philosoph und Staatsmann Marcus Tullius Cicero in seiner Rede Pro Cluentio. Diese Aussage klingt paradox, weil sie widersprüchlich zu sein scheint. Nicht erst seit dem neuzeitlichen Denken, sondern bereits in der Antike ist Freiheit das große Ziel des Menschen. Dieses freiheitliche Streben zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte hindurch bis in unsere Gegenwart. Der moderne Mensch will frei sein, er will über sich selbst verfügen, er will sich selbst verwirklichen. Wie passt es da zusammen, dass Cicero die sklavische Bindung an das Gesetz als Voraussetzung für die Freiheit des Menschen postuliert? Entspricht es nicht vielmehr unserem Lebensgefühl, dass Gesetze die Freiheit des Menschen zunichtemachen oder sie zumindest einschränken? Wie ist also das Verhältnis von Gesetz und Freiheit zu bestimmen? Handelt es sich hierbei um kontradiktorische oder komplementäre Begrifflichkeiten?

In den folgenden bibeltheologischen Betrachtungen geht es darum, die Aussagen der Heiligen Schrift zu Gesetz und Freiheit in den Blick zu nehmen und eine Verhältnisbestimmung der beiden Größen vorzunehmen. Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Im ersten Teil der Überlegungen schauen wir uns exemplarisch die Aussagen des Alten Testaments zu Gesetz und Freiheit an. Ausgehend von der Frage: „Was bedeutet Thora?“ soll der Versuch unternommen werden, das Verhältnis von Gesetz und Freiheit am Beispiel des Dekalogs zu bestimmen. Der zweite Teil befasst sich mit der Stellung Jesu zum Gesetz und seinem Verständnis von Freiheit. Hierzu werden das Logion Jesu in Mk 2,27f. und die Antithesen der Bergpredigt in Mt 5,21-48 als Beispiele herangezogen. Im dritten Teil geht es schließlich um den Themenbereich Gesetz und Freiheit bei Paulus. Vor dem Hintergrund seiner Biographie wird die Stellung des Apostels zum Gesetz und sein Verständnis von Freiheit anhand von Gal 5,1-12 dargestellt.

 

 

  1. Gesetz und Freiheit im Alten Testament

 

1. Was bedeutet Thora?

 

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“[2]

Diese rhetorisch formulierten, poetisch angehauchten Verse am Ende des Buches Deuteronomium bringen das alttestamentlich-jüdische Thoraverständnis prägnant zum Ausdruck. Es ist hier nicht die Rede von einem Gesetz, sondern von einem dem Menschen nahen und erfüllbaren Gebot. Damit transportiert der Text den genuinen Sinn von Thora, ohne dass die Vokabel explizit genannt wird. Der Terminus Thora bezeichnet ursprünglich eine konkrete Weisung der Eltern an ihre Kinder oder eines Weisheitslehrers an die Menschen, damit ihr Leben gelingt und sie vor Gefahren gewarnt werden.[3] Ausgehend von diesem profanen Verwendungsbereich avanciert der Begriff im religiösen Kontext zum terminus technicus für die Weisung des Priesters an das Volk[4] und des Propheten an seine Schüler[5]. Bedingt durch diese Entwicklung kommt es zu einer Erweiterung des Bedeutungsgehaltes. Thora meint neben „Weisung“ auch „Norm“, „Ordnung“, „Regel“ bis hin zu „Gesetz“.

Die Septuaginta, die griechische Übersetzung des Alten Testaments, gibt das hebräische Thora mit Nomos wider und reduziert somit die Thora auf das Gesetz. Diese Verengung des Begriffs wurde gerade in der christlichen Tradition rezipiert und hat zu einem einseitigen Verständnis von Thora als Gesetzbuch geführt.[6] Dabei liegt gerade in Deuteronomium, wörtlich übersetzt „zweites Gesetz“, ein viel komplexeres Verständnis von Thora vor. Im letzten Buch des Pentateuchs bezieht sich der Terminus Thora eben nicht nur auf die gesetzlichen Abschnitte, sondern auch auf die erzählenden Passagen und umfasst somit die ganze Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk. Thora bedeutet demnach im Deuteronomium „das Ganze der göttlichen Willensoffenbarung an Israel[7] oder noch pointierter, die Thora ist der Ausdruck für den „einen, umfassenden und schriftlich vorliegenden Willen Gottes“[8]. Dass der Inhalt der Thora nicht nur aus Gottes Geboten und Gesetzen, sondern auch aus seinen Geschichtstaten besteht, lässt sich sehr schön am Dekalog aufzeigen. Gleichzeitig eignet sich dieses Beispiel bestens dafür, das Verhältnis von Gesetz und Freiheit zu bestimmen.

 

2. Wie lässt sich das Verhältnis von Gesetz und Freiheit am Beispiel des Dekalogs bestimmen?

 

Der Dekalog, wörtlich übersetzt „Zehnwort“, ist uns an zwei Stellen im Alten Testament überliefert. Die ältere Fassung findet sich in Dtn 5,6-21, die jüngere in Ex 20,2-17.[9] Beide Versionen stimmen darin überein, dass der Dekalog jeweils nicht mit einem Gebot beginnt. Den zehn Geboten ist in Ex 20,2 und in Dtn 5,6 eine Präambel vorangestellt, die bis auf den Wortlaut identisch formuliert ist und aus zwei Teilen besteht. Im ersten Teil stellt sich JHWH selbst vor: „Ich bin JHWH, dein Gott.“[10] Das betonte „Ich“ als erstes Wort des Dekalogs bringt die Exklusivität JHWHs zum Ausdruck: Er und sonst keiner ist der Gott Israels. Darüber hinaus wird gleich zu Beginn des Dekalogs unmissverständlich klar, dass JHWH vollkommen frei und souverän agiert. In absoluter Willensfreiheit hat JHWH Israel als sein Volk erwählt, hat sich ihm offenbart und ist mit ihm in eine besondere Beziehung eingetreten, die sich im Bundesverhältnis manifestiert und in der sog. Bundesformel immer wieder artikuliert wird. JHWH ist der Gott Israels, Israel ist das Volk JHWHs.[11] Zwischen JHWH und Israel besteht somit eine enge Gemeinschaft, die sich in der Relation von Ich und Du erweist: Ich, JHWH, dein Gott.[12]

Dieses persönliche Verhältnis zwischen JHWH und Israel basiert auf dem Ereignis, das im zweiten Teil der Präambel genannt wird und sich in einem Relativsatz an die Selbstvorstellung JHWHs anschließt und diese weiterführt: „der ich dich herausgeführt habe aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus.“[13] Hier kommt das zentrale Heilsereignis in der Geschichte JHWHs mit seinem Volk Israel zur Sprache und wird nicht nur in Erinnerung gerufen, sondern darüber hinaus vergegenwärtigt: die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten. Im Exodusgeschehen erweist sich JHWH als der Retter- und Befreiergott schlechthin. Dadurch, dass JHWH Israel aus dem Sklavenhaus Ägyptens herausgeführt hat, rettet er sein auserwähltes Volk und befreit es von der Knechtschaft.

 

Es ist mehr als bezeichnend, dass in der Präambel des Dekalogs, bevor die einzelnen Gebote aufgezählt werden, derart explizit auf das Befreiungshandeln JHWHs rekurriert wird. Genau darin liegt m. E. der hermeneutische Schlüssel für die richtige Interpretation des Dekalogs. Wenn JHWH sich zunächst als derjenige vorstellt, der die Israeliten aus der Sklaverei heraus- und in die Freiheit hineinführt, so erscheinen die folgenden Gebote unter einem ganz bestimmten Vorzeichen. Die Gebote wollen das Volk Israel nicht versklaven, „sondern sie sind grundlegende Weisungen, wie Israel als JHWHs Volk leben soll und wie es die von JHWH geschenkte Freiheit auf Dauer bewahren kann.“[14] Durch die Präambel des Dekalogs wird klar, dass die Gebote den Menschen nicht beschneiden, sondern vielmehr die von Gott geschenkte Freiheit überhaupt erst ermöglichen und diese langfristig garantieren wollen. Das bedeutet also: Gesetz und Freiheit schließen sich nicht aus, sondern sie bedingen sich gegenseitig. Das Gesetz Gottes ist Garant für die Freiheit des Menschen.

 

Dieser befreiungstheologische Zusammenhang geht auch aus dem Sabbatgebot des Dekalogs nach Dtn 5,14f. hervor. Während die Exodus-Fassung den Sabbat mit der Ruhe Gottes am siebten Tag und somit schöpfungstheologisch begründet[15], lautet das Sabbatgebot in der Deuteronomium-Fassung folgendermaßen: „Halte den Sabbat, halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, geboten hat! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun. (...) Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen.“[16] Nach der Präambel wird hier ein zweites Mal im Dekalog auf das Schicksal des Volkes Israel in Ägypten und auf das Exodusgeschehen Bezug genommen, diesmal zur Begründung des Sabbats. Die Israeliten sollen sich an ihre Knechtschaft in Ägypten erinnern und daran, dass JHWH sie machtvoll aus der Sklaverei errettet und sie in die Freiheit geführt hat. Deswegen ist der Sabbat zu halten und zu heiligen. Es ist der Tag der Rettung und der Befreiung.[17] An diesem Beispiel zeigt sich erneut sehr schön, dass es JHWH nicht darum geht, den Israeliten eine Gesetzeslast aufzubürden und ihr Leben damit unnötig zu erschweren. Genau das Gegenteil ist der Fall. JHWH ist ein Gott der Freiheit. Er schenkt seinem auserwählten Volk die Freiheit und will ihm diese Freiheit auch dauerhaft durch die Verpflichtung auf die Gebote gewährleisten. Demnach haben die Gebote Gottes für den Menschen keinen versklavenden, sondern einen befreienden Sinn.[18]

 

Sowohl die Präambel mit der Selbstvorstellung JHWHs als Retter- und Befreiergott seines Volkes Israel als auch das Sabbatgebot mit der befreiungstheologischen Begründung durch den Bezug auf das Exodusgeschehen machen deutlich, dass die Thora nicht nur aus Gottes Geboten besteht, sondern auch seine Heilstaten enthält. Auf die Frage des Sohnes nach dem Sinn der Gebote laut Dtn 6,20 soll der Vater antworten: „Wir waren Sklaven des Pharao in Ägypten und der Herr hat uns mit starker Hand aus Ägypten geführt. Der Herr hat vor unseren Augen gewaltige, unheilvolle Zeichen und Wunder an Ägypten, am Pharao und an seinem ganzen Haus getan, uns aber hat er dort herausgeführt, um uns in das Land, das er unseren Vätern mit einem Schwur versprochen hatte, hineinzuführen und es uns zu geben. Der Herr hat uns verpflichtet, alle diese Gesetz zu halten und den Herrn, unseren Gott, zu fürchten, damit es uns alle Tage gut geht und er für unser Leben aufkommt wie am heutigen Tag.“[19] Bevor der Vater in seiner Antwort auf die Einhaltung der Gesetze zu sprechen kommt, führt er dem Sohn die Ereignisse des Exodus und der Landnahme vor Augen und macht ihm auf diese Weise das Heilswirken Gottes bewusst. Diese Reihenfolge ist für das richtige Verständnis der Thora von entscheidender Bedeutung. Am Anfang steht das rettende und befreiende Handeln Gottes. Aus dieser Gabe erwächst für den Menschen die Aufgabe, die Gebote Gottes zu halten, damit es die von Gott geschenkte Freiheit dauerhaft bewahren kann und das Leben langfristig gelingt.[20] Nach diesen Überlegungen zum Verhältnis von Gesetz und Freiheit im Alten Testament ist es interessant und spannend zugleich, diese Linie weiter zu verfolgen und danach zu fragen, welche Rolle das Gesetz im Neuen Testament spielt und wie das alttestamentlich-jüdische Verständnis von Freiheit im Christentum weiterentwickelt wird.

 

 

  1. Gesetz und Freiheit bei Jesus

 

Beginnen wir unsere Beobachtungen mit einer kurzen semantischen Analyse. Der Begriff „Gesetz“ kommt in den Evangelien relativ selten vor[21], von „Freiheit“ spricht Jesus überhaupt nicht. Auch wenn dieser sprachliche Befund sehr ernüchternd ausfällt, so darf er nicht zwangsweise zu der Annahme führen, dass das Gesetz für Jesus nur eine sehr geringe Bedeutung hatte und Freiheit für ihn kein Thema war. Gewiss, Jesus war kein politischer Messias, der das Volk Israel von der Fremdherrschaft der Römer befreien wollte. Doch er hat sich sowohl in seiner Wort- als auch in seiner Tatverkündigung implizit mit Fragen des Gesetzes befasst und auch explizit zum Gesetz Stellung genommen sowie ein bestimmtes Freiheitsverständnis propagiert, was ich an zwei Beispielen demonstrieren möchte.

 

  1. Erstes Beispiel: Das Logion Jesu in Mk 2,27f.

 

Am Anfang des Markusevangeliums wird in fünf aufeinanderfolgenden Episoden erzählt, wie Jesus in Konflikt mit den Pharisäern und Schriftgelehrten gerät. Es handelt sich um die sog. Galiläischen Streitgespräche in Mk 2,1-3,6, die nach einem festen Schema aufgebaut sind. Eine anstößige Situation erregt den Einspruch der Gegner Jesu. Auf diesen Protest reagiert Jesus mit einer Provokation in Form einer pointierten Aussage, um das anstößige Verhalten zu rechtfertigen und zu begründen. Nach der Heilung eines Mannes inklusive Sündenvergebung in Mk 2,1-12, dem Mahl Jesu mit Zöllnern und Sündern in Mk 2,13-17, der Diskussion der Fastenfrage in Mk 2,18-22 wird in Mk 2,23-28 folgender Konfliktfall geschildert: Die Jünger Jesu gehen durch die Kornfelder und reißen Ähren ab. Das Ganze geschieht an einem Sabbat. Dieses anstößige Verhalten ruft den Protest der Pharisäer hervor. Ährenabreißen am Sabbat ist verboten, weil diese Form der Tätigkeit – Ährenabreißen gilt als Arbeit –  gegen die Sabbatruhe und somit gegen die Heiligung des Sabbats verstößt. In seiner Antwort übernimmt Jesus Verantwortung für das Verhalten seiner Jünger. Er rechtfertigt ihr Verhalten zunächst mit einem Hinweis auf das unerlaubte Verhalten Davids, der in einer Notlage zusammen mit seinen Gefährten die Schaubrote aß und damit seinen Hunger stillte. Sodann bringt er im abschließenden Wort Mk 2,27f. seine Haltung zum Sabbat prägnant zum Ausdruck: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“

 

Im ersten Teil dieses apophthegmatischen Logions argumentiert Jesus von der Schöpfungsordnung her „der Sabbat wurde gemacht“ und nimmt eine Verhältnisbestimmung vor. Es wurde nicht der Mensch für den Sabbat, sondern der Sabbat für den Menschen gemacht, d. h. der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Mit dieser Spitzenaussage stellt Jesus eindeutig klar, dass das Sabbatgebot den Menschen nicht einschränken will, indem es ihm auferlegt, was am Sabbat erlaubt und was verboten ist. Vielmehr ist es auf die Freiheit des Menschen ausgerichtet, insofern dadurch das Wohl des Menschen garantiert werden soll.

Im zweiten Teil des Logions geht Jesus noch einen Schritt weiter und proklamiert sich als Herr auch über den Sabbat. Damit misst er sich nicht nur eine unerhörte Autorität zu, sondern betont auch seine unbefangene Freiheit gegenüber dem Gesetz.[22] Für Jesus stellt das Gesetz keine unantastbare und unangreifbare Instanz dar, nach dem Motto: Das Gesetz gilt es unter allen Umständen zu wahren, weil es Gesetz ist. Vielmehr durchbricht Jesus ganz bewusst das Gesetz, um seinen eigentlichen Sinn aufzuzeigen und seine befreiende Wirkung für den Menschen offenzulegen.

Diese jesuanische Intention zeigt sich auch sehr schön an der nachfolgenden Erzählung, die den Abschluss und zugleich den Höhepunkt der Galiläischen Streitgespräche bildet. Laut Mk 3,1-6 heilt Jesus einen Mann am Sabbat und ruft mit dieser anstößigen Handlung dieses Mal keinen verbalen Protest seiner Gegner hervor, sondern provoziert den Beschluss der Pharisäer, ihn zu töten. Auch wenn die Notiz in Mk 3,6 weniger die historische Realität widerspiegelt, sondern sich wohl eher der markinischen Redaktionstätigkeit verdankt, so geht daraus die radikale Haltung Jesu zum Gesetz hervor. Ungeachtet seiner Gegner und der Konsequenzen, die sein provokatives Verhalten bei ihnen hervorruft, kämpft Jesus gegen ein legalistisches Gesetzesverständnis – das Gesetz ist um des Gesetzes willen zu beachten –  und setzt sich mit seinen Worten und noch mehr mit seinen Taten dafür ein, dass die befreiende Wirkung des Gesetzes erkannt wird. Für Jesus zielt das Gesetz letztlich auf die ganzheitliche Freiheit des Menschen ab.

 

  1. Zweites Beispiel: Die Antithesen in Mt 5,21-48

 

Im Rahmen der Bergpredigt finden sich in Mt 5,21-48 die sog. Antithesen, sechs an der Zahl, die allesamt nach dem gleichen Muster aufgebaut sind. Einer These, die das an das Volk Israel ergangene Wort Gottes erhält, stellt Jesus in absoluter Autorität und Vollmacht sein eigenes Wort gegenüber. Die erste Antithese lautet: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.“[23] In der These wird zunächst das fünfte Gebot des Dekalogs zitiert: „Du sollst nicht töten!“[24] Sodann wird eine Sanktion formuliert, wie mit demjenigen umgegangen werden soll, der jemanden tötet: Dieser soll dem Gericht verfallen sein.[25] Dem Gebot Gottes hält Jesus in der Antithese gegenüber, dass derjenige, der seinem Bruder auch nur zürnt, dem Gericht verfallen sein soll.[26] Wie lässt sich anhand dieser Antithese die Stellung Jesu zum Gesetz beschreiben? Was macht er mit der Thora? Jesus hebt das alttestamentliche Gebot nicht auf oder schafft es ab. Das fünfte Gebot des Dekalogs behält weiterhin seine Gültigkeit. Jesus kritisiert auch nicht dieses Gebot oder bietet eine neue Interpretation, wie es auszulegen ist. Vielmehr transzendiert er das Gebot und hebt es auf eine neue Ebene, indem er es radikalisiert. Nicht erst die Tötung, sondern bereits der Zorn gegen den Bruder führt dazu, dem Gericht verfallen zu sein.

Ein solches Verständnis der Thora lässt sich auch bei der zweiten Antithese beobachten. Sie lautet: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“[27] Auch hier wird in der These ein Dekaloggebot zitiert, in diesem Fall das sechste Gebot: „Du sollst nicht die Ehe brechen!“[28] Diesem Wort Gottes stellt Jesus sein eigenes Wort antithetisch gegenüber, welches besagt, dass bereits derjenige Ehebruch begeht, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren. Auch hier hebt Jesus das alttestamentliche Gebot nicht auf oder schafft es ab. Das sechste Gebot des Dekalogs behält weiterhin seine Gültigkeit. Jesus kritisiert auch nicht dieses Gebot oder bietet eine neue Interpretation, wie es auszulegen ist. Analog zur ersten Antithese transzendiert er auch in der zweiten Antithese das Gebot und hebt es auf eine neue Ebene, indem er es radikalisiert. Ehebruch beginnt nicht erst bei der Tat, sondern bereits im Herzen.[29]

 

Anhand dieser beiden Beispiele wird allgemein die Stellung Jesu zur Thora deutlich, wie sie aus der Präambel zu den Antithesen explizit hervorgeht: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“[30] Deutlicher könnte es nicht zur Sprache kommen. Jesus geht es nicht um die Abschaffung, sondern um die Erfüllung des Gesetzes. Sein provokantes Verhalten mit der bewussten Übertretung der Gesetze und seine autoritären Worte mit einer deutlichen Radikalisierung der Gesetze sind gegen ein legalistisches Denken gerichtet und zielen darauf ab, dass der Mensch mit allen seinen Kräften den Willen Gottes erfüllt und in seinem ganzen Sein, d. h. mit seinen äußeren und inneren Kräften, ein sittlich Guter wird. Das Hauptanliegen Jesu war es letztlich, nicht das Gesetz, sondern die Gesetzlichkeit zu überwinden und den Menschen aus seinem gesetzlichen Denken und Handeln zu befreien.[31] Zu diesem Zweck hat Jesus das Gesetz entweder bewusst übertreten (erstes Beispiel: Galiläische Streitgespräche) oder es radikalisiert (zweites Beispiel: Antithesen).

 

An diesem Punkt stellt sich die berechtigte Frage, ob Jesus mit dieser Radikalisierung der Thora den Menschen nicht überfordert. Oder anders gefragt: Kann der Mensch die radikale Ethik Jesu überhaupt leben und in die Praxis umsetzen oder handelt es ich hierbei nur um ein theoretisches Konzept? Die Forderungen, wie sie Jesus in den Antithesen der Bergpredigt formuliert, man denke etwa über unsere beiden Beispiele hinaus an den Verzicht auf Gegenwalt (5. Antithese) oder noch heikler an den Aufruf zur Feindesliebe (6. Antithese), stellen eine harte Kost für den Menschen da und bereiten auch den Fachleuten große Schwierigkeiten bei der Interpretation. Ein kurzer Blick in die Auslegungsgeschichte zeigt, dass im Laufe der Zeit verschiedene Modelle entwickelt wurden, um den schwierigen Textbestand zu erklären. Thomas von Aquin (1225-1274) hat im Hochmittelalter eine Zwei-Klassen-Ethik entworfen und dabei zwischen Vorschriften für alle (praecepta) und Ratschläge für wenige (consilia) unterschieden. Zu den Vorschriften für alle zählt er die Zehn Gebote, zu den Ratschlägen für wenige die Antithesen der Bergpredigt. Letztere bilden also eine Ausnahme-Ethik für die Vollkommenen, d. h. für Priester und Mönche. Die große Masse der Gläubigen ist davon nicht betroffen. Für Wilhelm Herrmann (1846-1922) sind die radikalen Forderungen Jesu als Gesinnungsethik zu verstehen. Jesus geht es dabei weniger um das ethische Handeln, als vielmehr um die aufrichtige Gesinnung, also um die innere Einstellung des Menschen. Albert Schweitzer (1875-1965) interpretiert die Antithesen als Interimsethik. Jesus hat in unmittelbarer Naherwartung gelebt und seine radikalen Forderungen in eine bestimmte Ausnahmesituation hineingesprochen, nämlich in die Zwischenzeit bis zum baldigen Ende der Welt. Keines dieser drei Modelle wird dem biblischen Text gerecht. Die Forderungen Jesu richten sich nicht nur an Vollkommene, sondern an alle Menschen. Sie zielen auch nicht nur auf die Gesinnung des Menschen, sondern auf sein gesamtes ethisches Handeln. Schließlich handelt es sich hier nicht um zeitlich befristete, sondern dauerhaft gültige Weisungen.

Während sich bei sämtlichen Auslegungsmodellen die Tendenz erkennen lässt, die unbequemen Forderungen Jesu zu entschärfen und abzumildern, ist es m.E. geboten, die Radikalität der Aussagen ernst zu nehmen und in den Kontext der Botschaft Jesu zu verorten. Jesus von Nazareth hat den Anbruch der Gottesherrschaft verkündet: „Die Basileia Gottes ist nahe!“[32] Von dieser Basileia-Botschaft her lassen sich die Weisungen Jesu als eschatologische Ethik qualifizieren. Gott nimmt den Menschen bedingungslos an und schenkt ihm sein Heil. Aus diesem Indikativ der Gnade folgt der ethische Imperativ. Der Mensch ist dazu aufgefordert, auf das ihm geschenkte Heil zu antworten (responsorische Ethik) und sein Verhalten an der Güte Gottes zu orientieren: „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“[33] Die Radikalität der Weisung Jesu bleibt bestehen. Aber durch den eschatologischen Kontext der Basileia-Botschaft Jesu erscheinen die Antithesen der Bergpredigt in einem anderen Licht. Sie sind keine Überforderung, wohl aber eine große Herausforderung für den Menschen, der er sich in Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber den Mitmenschen zu stellen hat.

 

 

  1. Gesetz und Freiheit bei Paulus

 

Im Unterschied zu Jesus spricht Paulus viel öfter vom Gesetz[34] und verwendet den Begriff „Freiheit“[35]. Im Galater- und besonders im Römerbrief entwickelt der Völkerapostel sein Verständnis von Gesetz und Freiheit und legt dar, wie sich beide Größen zueinander verhalten. Um diese Aussagen einordnen und verstehen zu können, ist es erforderlich, einen kurzen Blick auf die Biographie und das Wirken des Apostels zu werfen.

 

  1. Paulus: vom gesetzestreuen Juden zum gesetzesfreien Heidenmissionar

 

Paulus war Jude. Er wurde um die Zeitenwende in Tarsus in Zilizien, im Süden der heutigen Türkei, geboren und stammt somit aus der jüdischen Diaspora. In Jerusalem, dem Zentrum des Judentums, wurde er von Rabbi Gamaliel I. zum Thoralehrer ausgebildet. Paulus betont in seinen Briefen immer wieder seine jüdische Abstammung sowie seinen Eifer für das Gesetz: „Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.“[36] Es ist interessant und aufschlussreich zugleich, dass Paulus hier in Phil 3,5f. wie auch in Gal 1,13f. seine Gesetzestreue in einem Atemzug mit seiner Verfolgungstätigkeit nennt: „Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein.“[37] Offensichtlich war für den jüdischen Gesetzeseiferer Paulus die gesetzesfreie Heidenmission der ausschlaggebende Grund für die Verfolgung der Kirche Gottes. Der Jude Paulus, der das Gesetz streng befolgte, konnte und wollte es nicht hinnehmen, dass bei der Mission der Heiden das Gesetz überhaupt keine Rolle spielte, und vernichtete deswegen die christlichen Gemeinden, bis zu dem Tag, der seine bisherigen Überzeugungen und sein gesamtes Leben grundlegend verändern sollte.

Damaskus, Anfang der 30er Jahre: Paulus wird von Gott zum Apostel berufen Er selbst beschreibt dieses sog. Damaskuserlebnis als eine Erscheinung des Auferstandenen[38] und interpretiert es theologisch als eine Offenbarung Gottes, die für ihn mit dem Auftrag zur Heidenmission verbunden ist: „Als es aber Gott gefiel, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, in mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkünde, da zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate.“[39] Seine Berufung zum Heidenapostel führt bei Paulus zu einer Umwertung der Werte und zu der neuen Einsicht, dass die Rechtfertigung des Menschen aus Glauben, nicht aus Werken des Gesetzes erfolgt: „Doch was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten. Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. (...) Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens.“[40] Hatte das Gesetz bisher eine zentrale Stellung in seinem Leben als Jude eingenommen, so erkennt Paulus im Zuge seiner Berufung, dass es keinerlei Bedeutung mehr für ihn hat. Der Apostel praktiziert fortan in seinem missionarischen Wirken die gesetzesfreie Heidenmission, was bei Juden und Judenchristen zu Spannungen bis hin zu Konflikten führt. Auf dem Aposteltreffen in Jerusalem setzt sich Paulus vehement dafür ein, dass Heiden nicht auf das jüdische Gesetz verpflichtet werden müssen, um Christen zu sein.[41] Für den Apostel handelt es sich hier nicht um eine belanglose Lappalie (Beschneidung Ja oder Nein), vielmehr steht für ihn in dieser Streitfrage die „Wahrheit des Evangeliums“[42] auf dem Spiel. Letztlich kann Paulus bei den anderen Aposteln seine Position offiziell durchsetzen. Damit ist der Weg frei für die gesetzesfreie Heidenmission.

 

  1. Die Stellung des Paulus zum Gesetz

 

Die durch seine Berufung ausgelöste, radikale Lebenswende des Paulus vom gesetzestreuen Juden zum gesetzesfreien Heidenmissionar bildet den biographischen Bezugspunkt für die theologischen Aussagen des Apostels zum Gesetz im Galater- und im Römerbrief. Daneben gibt es auch noch einen ganz konkreten Anlass dafür, dass Paulus gerade im Galaterbrief seine Stellung zum Gesetz darlegt. In den galatischen Gemeinden treten die sog. Judaisten auf. Es sind strenge Judenchristen, die von den Galatern eine Rückkehr zur Gesetzesobservanz fordern und sie speziell auf die Beschneidung[43] und auch auf die Einhaltung kultischer Zeiten[44] verpflichten wollen. Vor diesem Hintergrund sind die Aussagen im Galaterbrief und dann auch im Römerbrief zu lesen. Dabei zeigt sich, dass die Stellung des Paulus zum Gesetz ambivalent ist. Auf der einen Seite macht der Apostel positive Aussagen über das Gesetz: Er bezeichnet es in Röm 7,12 als „heilig, gerecht und gut“. Er spricht vom „Gesetz Gottes“[45] sowie vom „Gesetz des Geistes und des Lebens“[46]. Er verneint einen Gegensatz zwischen den Verheißungen Gottes und dem Gesetz.[47] Auf der anderen Seite äußert sich Paulus negativ über das Gesetz: Er sieht es als Katalysator der Sünde[48] und spricht vom „Gesetz der Sünde“[49] bzw. vom „Gesetz der Sünde und des Todes“[50]. Er betont im Galater- und im Römerbrief immer wieder, dass der Mensch nicht aus Werken des Gesetzes gerecht wird, sondern aus dem Glauben an Jesus Christus.[51] Er macht unmissverständlich klar, dass das Gesetz kein Weg zum Heil ist, sonst wäre Christus vergeblich gestorben;[52] vielmehr ist Christus das „Ende und Ziel des Gesetzes“[53]. Aufgrund dieser Ambivalenz stellt sich unweigerlich die Frage: Wie sind diese Aussagen des Apostels zu bewerten? Handelt es sich hier um widersprüchliche Bemerkungen oder lässt sich daraus eine einheitliche, in sich konsistente Konzeption entwickeln?

Zur Beantwortung dieser Fragen ist von der Verwendung des Begriffs auszugehen. Paulus gebraucht Nomos auf verschiedene Weise, sei es als Bezeichnung für den Pentateuch[54] oder sogar für die gesamte Schrift[55], besonders aber für das mosaische Gesetz und speziell für den Dekalog[56]. Daneben verwendet er den Begriff im übertragenen Sinne in der Bedeutung „bestimmende Weisung“, „Gesetzmäßigkeit“, „Regel“[57]. Paulus kreiert auch eigenständige Formulierungen, wenn er beispielsweise von den „Werken des Gesetzes“[58] oder vom „Gesetz des Glaubens“[59] spricht. Schließlich kann der Apostel das Gesetz auch personal verstehen, wenn er schreibt, dass das Gesetz „spricht“[60], „wirkt“[61], „herrscht“[62]. Es ist mehr als bezeichnend, dass Paulus bei aller unterschiedlichen Verwendung des Begriffs nie den Plural, sondern immer nur den Singular gebraucht und demzufolge das Gesetz als einheitliche Größe versteht.[63]

Als weitere Konstante lässt sich festhalten, dass sich der Apostel durchweg kritisch gegenüber der Mosethora äußert. Auch wenn das Gesetz gottgegeben und deswegen in sich heilig, gerecht und gut ist[64], so führt seine Befolgung den Menschen weder zur Rechtfertigung noch zum ewigen Leben. Vielmehr bewirkt das Gesetz Zorn[65] und deckt die Sünde auf: „Ist das Gesetz Sünde? Keineswegs! Jedoch habe ich die Sünde nur durch das Gesetz erkannt. Ich hätte ja von der Begierde nichts gewusst, wenn nicht das Gesetz gesagt hätte: Du sollst nicht begehren. Die Sünde ergriff aber die Gelegenheit, die ihr durch das Gebot gegeben war, und bewirkte in mir alle Begierde, denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Ich aber lebte einst ohne das Gesetz; aber als das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig, ich dagegen starb und musste erfahren, dass dieses Gebot, das zum Leben führte, mir den Tod brachte.“[66] Infolge seines Berufungserlebnisses kommt Paulus zu der Erkenntnis, dass das Gesetz nicht der Weg zum Heil ist, sondern den Menschen versklavt, die Sünde entlarvt und letztlich zum Tod führt. Seit seiner Begegnung mit dem Auferstandenen weiß sich der Apostel nicht mehr unter dem Gesetz des Mose, sondern unter dem Gesetz Christi, das ihn vom Gesetz der Sünde und des Todes zu einem Leben nach dem Geist befreit: „Jetzt also gibt es keine Verurteilung mehr für die, welche in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes. Denn weil das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch, nichts vermochte, sandte Gott seinen Sohn in der Gestalt des Fleisches, das unter der Macht der Sünde steht, wegen der Sünde, um die Sünde im Fleisch zu verurteilen; dies tat er, damit die Forderung des Gesetzes durch uns erfüllt werde, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben.“[67]

Diese wenigen Beobachtungen sollten zeigen, dass Paulus keine Gesetzeslehre im strengen Sinn entworfen hat. Vielmehr hat der Apostel, veranlasst durch sein Berufungserlebnis und durch die konkrete Situation in den galatischen Gemeinden, über die Bedeutung des Gesetzes nachgedacht. Im Laufe dieses Reflexionsprozesses kommt es zu unterschiedlichen Aussagen über das Gesetz, die z. T. widersprüchlich zu sein scheinen, aber im Kern eine einheitliche Konzeption erkennen lassen. Paulus lehnt das Gesetz per se nicht ab, aber es ist für ihn kein Weg zum Heil. Nicht das Gesetz, sondern das Christusereignis, d. h. der Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten, rechtfertigt den Menschen und ermöglicht ihm ein Leben in wahrer Freiheit.[68]

 

  1. Paulus und die Freiheit

 

In Zusammenhang mit seinen Aussagen über das Gesetz spricht Paulus auch immer wieder von der Freiheit und verwendet diesen Begriff öfter als alle anderen Autoren des Neuen Testaments. Dabei hebt sich der Apostel dezidiert vom klassischen Freiheitsbegriff ab. Während es bei den Griechen um die Freiheit des Einzelnen in der Polis bzw. um die Freiheit der Polis als solche geht, hat der Begriff bei Paulus keinerlei politische Konnotation. Im Unterschied zu den Stoikern propagiert der Apostel kein philosophisches Freiheitsverständnis, das auf den äußeren Rückzug aus der Schweinwelt und auf die innere Selbstverwirklichung in Übereinstimmung mit dem Weltlogos abzielt. Wohl aber knüpft Paulus an die soziale Vorstellung von Freiheit an, wenn er in seinen Briefen dem Stand des Freien den des Sklaven gegenüberstellt.[69] Mit dem alttestamentlichen Freiheitsverständnis berührt sich die paulinische Vorstellung darin, dass die Gabe der Freiheit an den Geber gebunden ist. Im Alten Testament ist es JHWH, der sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten herausführt und ihm die Freiheit schenkt. Im Neuen Testament ist es Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz den Menschen von der versklavenden Macht des Gesetzes befreit und ihm ein neues Leben im Geiste Gottes schenkt.

 

In Anknüpfung an die alttestamentliche Konzeption und auf der Grundlage des Christusereignisses entwickelt der Apostel sein eigenes Verständnis von christlicher Freiheit. In Röm 5-8 beschreibt Paulus mit eindringlichen Worten die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.[70] Noch stärker ist der Galaterbrief vom Motiv der Freiheit und der Befreiung geprägt, so dass dieser Brief zu Recht als „Magna Charta der christlichen Freiheit[71] bezeichnet werden kann. Die theologische Spitzenaussage hierzu steht in Gal 5 und lautet:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen. Ich bezeuge wiederum jedem Menschen, der sich beschneiden lässt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten. Ihr, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, seid von Christus getrennt; ihr seid aus der Gnade herausgefallen. Denn wir erwarten im Geist aus dem Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit. Denn in Christus Jesus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt. (...) Denn ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder und Schwestern. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“[72]

Nachdem Paulus im vorangehenden Kapitel die Galater vor einem Rückfall in die alte Sklaverei des Heidentums gewarnt[73] und ihnen anhand eines allegorischen Schriftbeweises aufgezeigt hat, dass das Gesetz versklavt und das Evangelium frei macht[74], appelliert er in Gal 5 mit leidenschaftlichen Worten an die Einsicht der Galater, die von Christus geschenkte Freiheit zu bewahren und sie nicht zu verspielen. Er erinnert die galatischen Christen in Form einer programmatischen Ansage, die fast schon wie ein apodiktischer Lehrsatz klingt, dass Christus sie zur Freiheit befreit hat.[75] Wie diese Befreiung erfolgte, hat der Apostel in seinem Brief immer wieder dargelegt[76] und in Gal 4,4f. so formuliert: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.“ Durch seinen Tod am Kreuz hat Christus die Menschen vom Fluch des Gesetzes befreit und ihnen die wahre Freiheit geschenkt.

Dieses große, durch die Erlösungstat Christi gewirkte Geschenk der Freiheit gilt es nicht nur anzunehmen, sondern auch zu leben und zu bewahren. Deshalb fordert Paulus die Galater eindringlich dazu auf, in der Freiheit festzustehen und sich nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen zu lassen.[77] Er stellt damit die Galater vor die Alternative: entweder Freiheit aus dem Evangelium oder Sklaverei unter dem Gesetz. Die Galater sind wohl kurz davor, den Drängen der Judaisten nachzugeben und sich auf das Gesetz verpflichten zu lassen. Vor diesem Hintergrund warnt der Apostel mit seiner ganzen Autorität die galatischen Christen vor den verheerenden Folgen der Verpflichtung auf das mosaische Gesetz. Wenn sie sich beschneiden lassen, dann wird ihnen Christus nichts nützen.[78] Für Paulus lassen sich die Beschneidung und der Glaube an Christus nicht miteinander vereinbaren. Wer sich beschneiden lässt, verpflichtet sich dazu, das ganze Gesetz mit seinen 613 Geboten und Verboten zu halten.[79] Die Konsequenz dieser strikten Gesetzesobservanz liegt für den Apostel auf der Hand. Wenn die Galater durch das Gesetz gerecht werden wollen, dann sind sie von Christus getrennt und fallen aus der Gnade Gottes heraus.[80] Sie verlieren die in Christus geschenkte Freiheit. Ihnen stellt Paulus diejenigen gegenüber, die nicht auf das Gesetz, sondern auf die Gnade vertrauen und ihre Hoffnung auf das Heilshandeln Gottes in Christus setzen.[81] Ihr Leben ist geprägt vom Wirken des Geistes Gottes und vom Glauben an Jesus Christus. In ihm hat die Frage der Beschneidung oder der Unbeschnittenheit keine Bedeutung für die Rechtfertigung und Erlösung des Menschen, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt.[82] Ein solcher Glaube ist für Paulus „die zentrale Wesensbeschreibung des Christsein: Sich dem anzuvertrauen und sich auf das zu verlassen, was Gott in Christus für uns getan hat, macht frei, sein Leben für andere einzusetzen. Das ist die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat.“[83] Somit wird die Gabe der Freiheit zur ethischen Aufgabe für den Menschen, die er aus seiner christlichen Verantwortung heraus zu erfüllen hat.

 

Nach dieser theologischen Argumentation gibt Paulus in Gal 5,13f. eine praktische Wegweisung. Es geht ihm nunmehr um die verantwortete Gestaltung eines Lebens in Freiheit. Zu Beginn dieser paränetischen, d.h. ermahnenden Einheit erinnert der Apostel die Galater unter Rückgriff auf Gal 5,1 an ihre Berufung zur Freiheit.[84] Auf dieses Bekenntnis erfolgt in gleichem Atemzug die Warnung: „Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“[85] Mit diesen Worten will Paulus einem Missverständnis des Wesens der christlichen Freiheit begegnen. Die von Gott in Christus geschenkte Freiheit ist nicht zu verwechseln mit ethischem Libertinismus, grenzenloser Freizügigkeit, verantwortungsloser Willkür. Ein Christ darf eben nicht tun und lassen, was er will, und die Freiheit als Vorwand für das Fleisch nehmen. In Gal 5,19 zählt der Apostel die Werke des Fleisches auf: „Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr.“ Mit diesem Lasterkatalog veranschaulicht Paulus, zu welchem menschlichen Fehlverhalten eine falsch verstandene Freiheit führen kann.

Einer solchen Gefahr des Missbrauchs der christlichen Freiheit stellt Paulus den Aufruf entgegen: „Dient einander in Liebe!“[86] Diese Worte klingen zunächst paradox, weil die Aufforderung zum Dienen einen Gegensatz zum Wesen der Freiheit zu enthalten scheint. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass der Apostel das Verbum „dienen“ bisher im Galaterbrief in einem negativen Sinn verwendet hat.[87] Durch das Dativobjekt „einander“ und die Modalbestimmung „in Liebe“ wird das Dienen hier in Gal 5,13 positiv konnotiert. Der Dienst, zu dem Paulus die Galater auffordert, ist also kein Sklavendienst, sondern ein Liebesdienst. Für das paulinische Freiheitsverständnis bedeutet das: Die Freiheit, zu der die Galater berufen sind, ist eine Freiheit zur Liebe. Der freie Mensch ist der liebende Mensch. In der Erfüllung des Liebesgebotes ist für Paulus das ganze Gesetz erfüllt.[88] Darin erweist sich der Glaube, der durch die Liebe wirkt.[89] Diese Liebe besteht darin, nach dem Vorbild Jesu einander zu dienen und den Nächsten zu lieben. Daraus geht ein weiterer Aspekt für das paulinische Freiheitsverständnis hervor. Freiheit ist kein absoluter, sondern ein relationaler Begriff. Der Mensch kann Freiheit nicht für sich in Anspruch nehmen und sie für sich besitzen. Vielmehr entsteht christliche Freiheit erst im Gegenüber zum Du und wird in der Beziehung zum Mitmenschen wirksam. Erst derjenige, der sich vom Ich befreit und sich in Liebe dem Du zuwendet, der ist ganz frei.[90]

In dem theologisch argumentierenden Abschnitt Gal 5,1-12 hat Paulus, bedingt durch die Auseinandersetzung mit den Judaisten, Freiheit und Gesetz kontrastierend gegenübergestellt und dazu aufgerufen, die in Christus geschenkte Freiheit zu bewahren und nicht wieder in die alte Knechtschaft zurückzufallen. Denn das Gesetz macht den Menschen nicht gerecht und stellt keinen Heilsweg dar. Gerechtigkeit und Heil erlangt der Mensch durch den Glauben, der durch Liebe wirksam wird. Damit ist für den Apostel die Liebe die Grundkategorie des Christseins schlechthin und der ethische Maßstab, an dem sich die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, immer wieder neu messen lassen muss.

Mit seinen paränetischen Ausführungen in Gal 5,13f. gibt Paulus eine Antwort auf die Frage, wie gelebte Freiheit aussieht. Nachdem er die Galater vor einem Missbrauch der ihnen geschenkten Freiheit gewarnt hat, macht der Apostel deutlich: Leben in Freiheit ist Leben in der Liebe. Der Grund hierfür ist die Liebe Gottes in Jesus Christus. Weil Gott sich aus freiem Willen in Liebe verschenkt hat, ist die Liebe nie Einschränkung, sondern Vollzug der Freiheit. Freiheit, die in Liebe gelebt wird, erfüllt das Gesetz Gottes und ist zugleich die Grundlage für ein verantwortetes Miteinander der Menschen, sei es in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, in der Welt.[91]

 

 

V.               Anstelle eines Schlusses: Beseitigung von drei Missverständnissen

 

Am Ende dieser bibeltheologischen Betrachtungen zum Verhältnis von Gesetz und Freiheit im Alten und Neuen Testament steht kein klassischer Schluss. Vielmehr geht es mir darum, drei Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und eine differenzierte Sicht auf die beiden Größen Gesetz und Freiheit und ihr Verhältnis zueinander zu gewinnen.

Erstes Missverständnis: Die Thora versklavt den Menschen und beschneidet ihn in seiner Freiheit. Meine Ausführungen zu Gesetz und Freiheit im Alten Testament haben gezeigt, dass die Thora nicht auf das Gesetz zu reduzieren ist, sondern den Willens Gottes enthält, der sich auch und vor allem in seinen Geschichtstaten manifestiert. So wird in der Präambel und im Sabbatgebot des Dekalogs explizit auf das Exodusgeschehen Bezug genommen und das Befreiungshandeln JHWHs als die entscheidende Deutekategorie für das richtige Verständnis der Gebote qualifiziert. Demnach stellen die Gebote keine gesetzliche Last für den Menschen dar im Sinne eines „du musst“ bzw. „du darfst nicht“, die ihn in seiner Freiheit einschränken. Vielmehr handelt es sich hierbei um Weisungen, die dem Menschen die von Gott geschenkte Freiheit überhaupt erst ermöglichen und langfristig garantieren.

Zweites Missverständnis: Jesus hat die Thora aufgehoben und ein neues Gesetz verkündet. Aus meinen Beobachtungen zu Gesetz und Freiheit bei Jesus ist hervorgegangen, dass Jesus das Gesetz bewusst übertritt, um seinen tieferen Sinn und seine befreiende Wirkung für den Menschen aufzuzeigen. Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz, frei nach Mk 2,27. Das Gesetz behält also für Jesus seine volle Gültigkeit. Er hebt es nicht auf, er kritisiert es auch nicht. Jesus radikalisiert das Gesetz, wie die Antithesen der Bergpredigt eindrucksvoll belegen. Mit dieser Radikalisierung will Jesus den Menschen von einem legalistischen Denken befreien und dazu bewegen, ganzheitlich ein Guter zu werden und den Willen Gottes zu erfüllen. Anstatt die radikalen Forderungen Jesu zu entschärfen, ist der Mensch dazu aufgefordert, sich dieser großen Aufgabe zu stellen und in ethischer Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber den Mitmenschen sein Leben zu gestalten.

Drittes Missverständnis: Paulus lehnt die Thora ab und propagiert eine uneingeschränkte Freiheit. Meine Erläuterungen zu Gesetz und Freiheit bei Paulus haben deutlich gemacht, dass der Jude Paulus das mosaische Gesetz nicht ablehnt. Im Zuge seines Berufungserlebnisses gewinnt er die Erkenntnis, dass das Gesetz kein Weg zum Heil ist. Es ist vielmehr der Glaube an Christus, der den Menschen rechtfertig und erlöst. Deswegen ruft der Apostel die Galater in Gal 5,1 auf, die von Christus geschenkte Freiheit zu bewahren und sie nicht durch einen Rückfall unter die Knechtschaft des Gesetzes zu verlieren. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“[92] Freiheit wovon? Von der Macht des Gesetzes, der Sünde, des Todes. Freiheit wodurch? Nicht durch die eigene Leistung des Menschen, sondern durch den Tod Jesu am Kreuz. Freiheit wozu? Nicht zu ethischem Libertinismus und uneingeschränkter Willkür, sondern zu einem Glauben, der in der Liebe wirksam wird, konkret im Dienst am Nächsten. Eine solche in Liebe gelebte Freiheit macht den Menschen nicht, wie es Cicero im eingangs zitierten Wort konstatiert, zu einem Sklaven der Gesetze, sondern zu einem Sklaven Gottes, der den göttlichen Willen erfüllt und seinen Beitrag leistet zu einem verantworteten Miteinander der Menschen.