„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein” - Spiritualität wieder gefragt
Spiritualität, vor 70 Jahren im deutschen Sprachgebiet fast unbekannt, ist zu einem weithin und nicht nur in Religionen, sondern in vielen Weltanschauungen gebrauchten Begriff geworden. Das Programm des diesjährigen Forums erlaubte den Teilnehmer/inne/n eine Annäherung in vier Schritten.
Beim ersten Schritt half Dr. Karl-Heinz Steinmetz, dessen Spezialgebiet an der Universität Wien die Theologie der Spiritualität ist, dabei, sich in der „Vielfalt der Spiritualitäten heute” besser zurechtzufinden. Auf der Suche nach dem „Ich”, nach dem „Wir” und nach Heilung bemühen sich viele um das über das Materielle hinausgehende Spirituelle. Wir treffen also auf ganz Unterschiedliches vom Spiritismus bis zur „Spiritualisierung der Religion”.
Als zweiten Schritt führte uns Univ. Prof. Dr. Josef Weismayer in das Wesentliche und Gemeinsame der „christlichen Spiritualität”. Nach vielen Gedanken verschiedener Theologen beschrieb er seine Kennzeichen des „Lebens aus dem Geist Jesu”. Dieses Wesentliche muss in allen Spiritualitäten vorhanden sein, die sich entsprechend dem Leben in einer Gemeinschaft und der persönlichen Geschichte ausformen. Als gemeinsame Kriterien nannte er:
- Die Spiritualität muss Freiheit und Individualität achten.
- Sie muss die persönliche Erfüllung einbeziehen.
- Sie muss dem rationalen Abwägen im Blick auf den Herrn standhalten.
- Sie muss positive Früchte bringen.
- Sie muss die Gemeinschaft berücksichtigen.
- Sie braucht die rechte Begleitung eines authentischen Begleiters.
In einem dritten Schritt konnten wir verschiedene Ausformungen der christlichen Spiritualität in einigen Mitgliedsorganisationen des KLRÖ kennen lernen. In Statements unter dem Titel „Was uns leben lässt” stellten sechs Gruppierungen ihre jeweils eigene Spiritualität vor. Auch die meditative Wanderung und der Wortgottesdienst wurden von der Spiritualität zweier Gruppierungen geprägt. In den Gesprächsgruppen konnte man nachfragen, seine persönlichen Überlegungen zur Spiritualität einbringen und über die persönliche Ausformung der Spiritualität nachdenken.
Im vierten Schritt lernten wir „Spiritualität konkret” am Beispiel Madeleine Delbrêl (1904-1964) kennen. Univ. Prof. Dr. Josef Weismayer stellt uns diese faszinierende Persönlichkeit mit Zitaten aus ihren Schriften vor, eine „Christin des 2. Vatikanums” vor dem Konzil. Delbrêl, die in ihrem Leben die Bekehrung zu Gott, zum Evangelium und zur Welt von heute erfahren hat, hat viele Gedanken zu einer „Spiritualität für die Leute von der Straße” mit neuen und plastischen Vergleichen für den Umgang mit Gott im alltäglichen Leben festgehalten. Sie hat sich, zwischen die „Zusammenarbeit” mit Marxisten und die Erwartungen des französischen Katholizismus gestellt, für Zeugnis, Mission und Verkündigung entschieden. „Wir müssen missionieren oder demissionieren.”
Trotz aller Bewunderung können für die persönliche Spiritualität „Heilige” oder „Vorbilder”
eine Hilfe und Anregung, aber keine Muster zum Imitieren sein.
Als Schluss aus der Tagung können wir in der Überzeugung wieder an die Arbeit gehen, dass zu Recht aufgrund der Geschichte der einzelnen Gruppierungen unterschiedliche Spiritualitäten bestehen, solange sie Ausformungen der gemeinsamen christlichen Spiritualität sind. Sie zu pflegen und weiterzugeben, ohne andere Spiritualitäten abzuwerten, ist genauso Aufgabe jeder einzelnen Gruppierung wie der apostolische Einsatz an einer der vielen „Arbeitsstellen” in der katholischen Kirche.
Mag. Wolfgang Rank